Die Wahlen zum Deutschen Bundestag bescherten der Partei Alternative für Deutschland neben ihren 92 Sitzen einen mächtigen Apparat mit zahlreichen parlamentarischen Helfern und weiteren Mitteln, mit denen sie die Spaltung der deutschen Gesellschaft vorantreiben wird. Hinzu kommt die erhebliche Deutungsmacht, die diese Partei inzwischen erlangt hat.

Seit ihrer Gründung behauptet die AfD, der Zuzug von Migranten gefährde die deutsche Identität und die hiesigen Lebensformen. Nun, nachdem deutlich geworden ist, dass nicht nur die "sozial Abgehängten", sondern auch Teile der etablierten Mittelschicht die AfD gewählt haben, wiederholen zahlreiche Wahlanalysen das Argument der Rechtspopulisten, es seien hauptsächlich "kulturelle Gründe", die den Erfolg der AfD erklärten.

Auch Politiker sind vom "kulturellen Problem" überzeugt. Der CSU-Chef Seehofer kündigte gleich nach der Wahl an, weitere Niederlagen dadurch vermeiden zu wollen, dass seine Partei dieses zum Hauptziel erklärt: "Deutschland muss Deutschland bleiben, und Bayern muss Bayern bleiben." Selbst der sonst überaus luzide Grünen-Spitzenpolitiker Robert Habeck meldet ein neues Interesse für "kulturelle Gerechtigkeit" an. Andere Politiker kündigten an, die Ängste und Sorgen der Menschen – vor allem die kulturellen – ernster nehmen zu wollen.

Ausländische und deutsche Familien, die sich die gleichen Netflix-Serien anschauen

Handelt es sich dabei wirklich um "Kultur"? Oder anders gefragt: Ist das kulturelle Argument plausibel? Im einzigen Bundesland, in dem die AfD stärkste Kraft wurde, in Sachsen, liegt der Ausländeranteil unter vier Prozent. Sollen wir ernsthaft glauben, dass die dort lebenden knapp 160.000 Ausländer bei den über vier Millionen Deutschen ein Gefühl der Heimatlosigkeit erzeugen?

Wir sprechen hier nicht vom "Konflikt" zwischen Burka-tragenden Frauen und Pegida-Anhängern. Dieser Konflikt ist weder statistisch noch lebensweltlich signifikant. In Sachsen sowie in Regionen mit einem höheren Migrantenanteil, in denen die AfD gut abschnitt, haben wir es meistens mit ausländischen und deutschen Familien zu tun, die im selben Haus leben, im selben Discounter einkaufen, ähnliche YouTube-Videos liken und sich abends die gleichen Serien bei Netflix oder die gleichen Reality-Shows auf ProSieben anschauen. Nennenswerte kulturelle Unterschiede existieren hier einfach nicht. Anders gesagt: "Kultur" und "Heimat" fungieren hier als leere Zeichen, die man mit vertrauten Inhalten füllt, um den in anderen Lebensbereichen gespürten Bedeutungsverlust (als Arbeiterklasse, als Bürger, als Familie) zu kompensieren.

Man muss nicht den französischen Philosophen Michel Foucault gelesen haben, um zu wissen, dass Redeweisen und Diskurse "Ermächtigungsdispositive" sind. Man muss auch nicht poststrukturalistisch geschult sein, um festzustellen, dass die Konstruktion eines "Wir" Fremdzuschreibungen, also die gleichgeschaltete Konstruktion eines (in der Regel unterlegenen) Anderen, voraussetzt. Doch genau dies ist der AfD gelungen. Sie hat Menschen, die sich existenziell und politisch bedeutungslos – wahrscheinlich auch deutungslos – fühlen, einen Diskurs angeboten, der sie in der symbolischen Machthierarchie aufsteigen lässt, ohne dass sie dafür Großes leisten müssen. Die deutsche Abstammung allein reicht aus, um den "kleinen deutschen Mann" besserzustellen gegenüber dem konstruierten Anderen, gegenüber den "unkontrollierbaren" Ausländern und den "wilden Flüchtlingen", die angeblich den deutschen Staat und die deutschen Familien ausplündern wollen.

Nicht nur das. Erfolgreich beansprucht die AfD das Monopol für sich, den durch die "etablierte Politik" entmachteten kleinen Mann exklusiv zu vertreten. Nur sie nehme sich seine Sorgen zu Herzen und erlöse ihn aus seiner sozialen Machtlosigkeit. Die AfD versprach ihm, "sein" Land und "seinen" Staat zurückzuerobern.