"Meine Mutter ist gestorben, erzählt mir jemand. Was geschehen ist, weiß ich nicht. Ich finde mich plötzlich auf ihrer Beerdigung wieder. Ich stehe auf dem Friedhof, sehe lauter schwarz gekleidete Menschen. Ich bin völlig verzweifelt, weine pausenlos. Ich erinnere mich an meine Mutter, an ihr Wesen, an gemeinsame Erlebnisse. Traurigkeit und Verzweiflung breiten sich in mir aus und ergreifen Besitz von mir."

Eine abgrundtiefe Verzweiflung, die beim Aufwachen nachwirkt: Albträume wie dieser, den eine Patientin der Frankfurter Psychotherapeutin Carolin Schmid schildert, können die Nächte zur Hölle machen. Albträume fühlen sich ebenso schlimm an wie tatsächlich erlebtes Leid. "Im Albtraum werden die Gefühle als real wahrgenommen", sagt der Psychologe Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Ob wir einen geliebten Menschen verlieren, von einer Bestie gejagt werden oder in einen Abgrund stürzen: Wir empfinden, als wäre der Traum die Wirklichkeit. Warum das Gehirn uns diesen Streich spielt, haben Wissenschaftler noch nicht genau verstanden. Aber es gibt ein Mittel dagegen. Eine Technik, die man lernen kann – in der Albtraum-Sprechstunde.

Am ZI in Mannheim sowie an den Universitätskliniken Frankfurt und Düsseldorf üben Menschen, dem Schrecken der Nacht etwas entgegenzusetzen: die eigene Vorstellungskraft. Sie schreiben ihre Träume tagsüber neu, wie in einem Drehbuch. Sie überlegen sich eine andere Handlung, ändern das Bedrohliche in eine angenehme Szene um und erfinden ein versöhnliches Ende. "Man wird zum Regisseur seines eigenen Traums", sagt Psychotherapeutin Carolin Schmid. Imagery Rehearsal Therapy heißt die Methode. Sie ist besonders wirksam bei immer wiederkehrenden Albträumen. So half sie auch Schmids Patientin, die vom Tod ihrer Mutter träumte.

"Ich drehe mich um und verlasse den Friedhof. Ich laufe auf die Straße, da treffe ich meine Mutter. Sie ist nicht gestorben, es wurde jemand anderes beerdigt. Wir umarmen uns. Ich fühle, wie Anspannung und Trauer von mir abfallen. Wärme und Zuneigung breiten sich in meinem Körper aus. Ich sage meiner Mutter, wie gern ich sie habe und was mir an ihr wichtig ist."

Den Traum am Tag umzuschreiben bringt jene Selbstwirksamkeit zurück, die der Albtraum einem in der Nacht nimmt. Wer im Wachzustand die Handlung ändert, auch wenn es nachträglich in Gedanken oder auf Papier geschieht, der erlangt ein Gefühl von Kontrolle zurück – das wirkt bis hinein in den Schlaf. Und, entscheidend: Es lindert die Angst vor dem Schlafengehen. Denn Albträume treten nach dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung auf: Wer Angst vor ihnen hat, wird auch häufiger von ihnen heimgesucht.

Bereits nach einigen Wochen Therapie werden die bösen Träume seltener oder weniger schlimm

Die Technik lernen Betroffene in drei Schritten. Zunächst schildern sie ihren Traum in groben Zügen, um Ansatzpunkte zu finden, ihn zum Positiven zu verändern. Dann denken sie sich ein neues, möglichst konkretes Drehbuch aus: Wie fühlt sich die Umarmung der Mutter an? Was empfinde ich dabei? Was sagen wir uns? Dann folgt die Übungsphase, in der sich die Betroffenen den angenehmen neuen Traum täglich zu Hause vorstellen und ihn in allen Facetten bewusst durchleben. "Wie immer in der Verhaltenstherapie geht es ums Üben", sagt Schmid.

Innerhalb von vier Wochen zahlt sich das aus. Allerdings träumen die Betroffenen dann nicht unbedingt die selbst erfundene Szene, und sie greifen auch nicht während des Traums aktiv in die Handlung ein, wie es manche Menschen beim luziden Träumen können. Der Effekt besteht schlicht darin, dass der Albtraum seltener auftritt. Und wenn doch, fühlt er sich nicht mehr so schrecklich an. In einer Pilotstudie der Frankfurter Albtraum-Sprechstunde durchlitten die Probanden vor der Therapie im Mittel etwa 3,6 Albträume pro Woche, danach nur noch 1,1. Größere Studien bestätigen, dass Albträume seltener werden und sich Begleitsymptome wie Ängstlichkeit und Depressivität verringern.