Es war ein sonniger Gründonnerstag, die Koffer standen bereit. Miriam Nachtweiler* wollte mit ihrem Verlobten nach Neapel fliegen, das Leben war schön, ein Baby im fünften Monat unterwegs. Plötzlich zog es seltsam in ihrem Bauch. Miriam Nachtweiler machte Yogaübungen für Schwangere, das Ziehen wurde schlimmer. Jetzt fuhr das Paar in ein Nürnberger Krankenhaus, und dann ging alles unbegreiflich schnell. "Bei der Notaufnahme wurde ich behandelt, als wenn ich nicht ganz dicht wäre, weil ich dachte, es würde alles gut", sagt Miriam Nachtweiler. Sie musste sofort in den OP, Notgeburt.

Sie lag schon halb sediert auf dem Tisch, unfähig zu sprechen, da wurde der werdende Vater Peter angepflaumt: "Gehen Sie, Sie haben hier nichts verloren, jetzt wird’s blutig." Zum Glück kam eine erfahrene Ärztin hinzu, die zu verstehen versuchte, was Miriam sagen wollte. Peter durfte bleiben. Als Miriam aus der Narkose erwachte, war ihre erste Frage: "Wie geht es meinem Kind?" Antwort: "Ja, wie es so einem Kind halt geht, wenn es behindert ist. Sie kennen ja die Formel: Ein Drittel stirbt, ein Drittel ist behindert, ein Drittel kommt gut durch."

Noch Jahre später kann die Mutter diese Sätze nicht wiederholen, ohne von Gefühlen überwältigt zu werden. "Ich kannte diese Formel natürlich nicht, ich wollte doch nur wissen, ob mein Kind lebt."

Ihr winziges Kind – nicht schwerer als zwei Stück Butter und so klein, dass eine Puppenmütze noch zu groß war – musste zwei Monate auf die Intensivstation, dann vier in den Brutkasten und wurde fünfmal operiert. Mutter Miriam, eine Selbstständige, wechselte sich mit Mann und Eltern ab, saß wochentags ab 17 Uhr am Bettchen, am Wochenende die ganzen Tage.

Sie hatte die Einwilligung für eine weitere OP unterschrieben, da rief eine Ärztin an, sie möge bitte sofort in die Klinik kommen, um eine OP-Einwilligung zu unterschreiben. "Das kann nicht sein", erwiderte Miriam aufgeregt, "ich hab das doch Montag schon unterschrieben." Die Ärztin, bitterböse: "Ja, haben Sie denn nicht verstanden?" Nein, das hatte Miriam nicht. Es hatte ihr Vorstellungsvermögen überstiegen, dass ihr Kind zweimal direkt hintereinander operiert werden musste. In der Klinik zitierte die Ärztin sie zu sich: "Wenn ich Ihnen sage, es muss sein, dann haben Sie hier nicht herumzukaspern und zu sagen: 'Das kann nicht sein'." Noch so ein demütigender Wortwechsel, der ihr nicht aus dem Kopf geht. "Die Menschen in der Klinik stehen schon unter enormem Druck, das habe ich ja monatelang miterlebt. Aber dass man oft so beschämt wird, obwohl man total überfordert ist, dass man vermittelt bekommt: 'Du machst alles falsch', das ist wirklich traumatisierend."

Toxische Worte von Ärzten oder Schwestern, achtlose, überhebliche oder verletzende Bemerkungen, die Furcht einflößen und den ohnehin ausgelieferten Patienten zusätzlich erniedrigen, Grobheiten, missglückte Sätze, in Eile hingeworfen – das alles gehört in vielen Kliniken und Arztpraxen zum Alltag.

Was der Familie aus Nürnberg widerfuhr, ist nicht das zufällige Versagen einiger Mediziner. Es hat nicht nur mit fehlendem Einfühlungsvermögen einiger Grobiane zu tun. Hier gab es Kommunikationsfehler, die in der Medizin pausenlos geschehen und von denen fast jeder erzählen kann, der einmal ernsthaft krank war: Menschen werden mit Informationen konfrontiert, um die sie nicht gebeten haben. Ärzte setzen Wissen voraus, das Patienten nicht haben. Und überall Ungeduld. Dem Problem liegt auch eine Asymmetrie zugrunde, die sich kaum auflösen lässt. Auf der einen Seite stehen die Kranken, die Schwächeren, die angewiesen sind darauf, dass Ärzte gut mit ihnen umgehen. Auf der anderen Seite die überlegenen Mediziner und ihr Pflegepersonal, die unter Druck sind und einen reibungslosen Ablauf sicherstellen wollen.

Missglückte Sätze, in Eile hingeworfen – sie gehören in vielen Kliniken und Praxen zum Alltag

"Medizin ist auch auf höchstem Wissensniveau die Begegnung zweier Menschen", sagt Günther Jonitz, Chirurg und Präsident der Berliner Ärztekammer. Doch diese Begegnung verläuft oft unbefriedigend. Das Patientengespräch zählt zu den größten und gefährlichsten Baustellen im Medizinbetrieb. "Alle paar Sekunden widerfährt einem Patienten auf der Welt vermeidbarer Schaden durch unsichere Kommunikation, wenn etwa Informationen unvollständig sind, der Kranke nicht zu Wort kommt oder ängstlich schweigt, wenn Arzt und Patient aneinander vorbeireden, schlimmstenfalls ohne es zu bemerken", sagt Annegret Hannawa, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Lugano. Eine der häufigsten Folgen: Ärzte verordnen falsche Arzneien, zu hohe oder zu niedrige Dosen, sie übersehen Wechselwirkungen. Für Hannawa ist klar: "Falsche Kommunikation tötet Patienten besonders häufig dadurch, dass Medikamente falsch eingesetzt werden."