Die Filmwelt ist voller genialer Autisten: Raymond Babbitt in Rain Man, Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper in der Erfolgsserie The Big Bang Theory, der Protagonist Sam in der neuen Netflix-Serie Atypical – so heißen die kindlich-verschlossenen, hochbegabten Helden unseres Zeitalters. Sie alle haben ein spezielles Talent. In einem Miniaturbereich funktionieren sie derart perfekt, als hätte sie ein Informatiker programmiert. Raymond Babbitt erfasst mit einem Blick, wie viele Streichhölzer auf dem Fußboden herumliegen (nämlich 246). Sam weiß alles, was je über Pinguine in Erfahrung gebracht wurde. Sheldon Cooper ist ein vielfach ausgezeichneter Physiker mit fotografischem Gedächtnis. Seit Rain Man gilt: Ein Autist ist jemand, der kurz davorsteht, den Nobelpreis zu bekommen.

Warum liebt das Publikum die Autisten so sehr? Ganz einfach. Um sich in der globalisierten Arbeitswelt, in der häufige Berufs- und Wohnortwechsel zum Pflichtprogramm gehören, zu behaupten, sollte der moderne Mensch idealerweise frei sein von Bindungen und Traditionen, von Solidarität und Persönlichkeit. Doch während der Normalmensch noch immer vergeblich versucht, Karriere, Beziehung, Familie und Freizeit vorbildlich auszubalancieren, ist der geniale Autist im Vorteil. Er ist der Held des kapitalistischen Zeitalters. Weil ihm das Soziale wegen seiner Entwicklungsstörung einfach nicht liegt, darf er sich ganz auf sein geistiges Kapital konzentrieren. Er darf narzisstisch sein, unsozial, erfolgsgeil. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen.

Seien wir ehrlich: Wir beneiden den Autisten. Er verkörpert unser heimliches Ideal, denn er tut das, was wir uns (noch) nicht trauen: Der Antarktis-Experte Sam sperrt seine Freundin einfach in den Kleiderschrank, wenn sie ihm zu viel wird. Keine schlechte Lösung. Wie schön wäre es, sich einfach mal nur auf sich selbst konzentrieren zu dürfen. Wie effizient wäre man, wären da nicht immer diese nervigen Gefühle.

Ganz und gar gefühllos darf das autistische Genie aber dann doch nicht sein. Denn dass es uns mit seiner Genialität zum Staunen und mit seiner sozialen Ungeschicktheit zum Lachen bringt, reicht nicht – berühren muss es natürlich auch. Raymonds Wunsch, mit einer Frau zu tanzen, Sheldons romantische Gefühle für die Neurobiologin Amy und Sams Versuch, eine Freundin zu finden – auch Autisten müssen sich im Fernsehen verlieben. Die Unkonventionalität des genialen Außenseiters geht immer nur so weit, dass wir uns noch wohl mit ihr fühlen. Hauptsache, Seelen-Wellness. Hauptsache: so weit an der unbequemen Realität vorbei wie nur möglich.