"Normalerweise bringen wir unsere Gäste in der Pension Zollhaus unter, aber in Ihrem Fall ..." Eveline Günther bricht ihren Satz mit einem leicht verlegenen, aber doch souveränen Grinsen ab. Günther ist Theaterdramaturgin. Sie hat mich für eine Lesung nach Bautzen an das Deutsch-Sorbische Volkstheater eingeladen. Weshalb will sie mich vorsichtshalber nicht im Zollhaus einquartieren? Weil ich über das Zollhaus geschrieben habe, während meiner vier Wochen in Bautzen im vergangenen Jahr. Als ich den Versuch unternahm, mich in der sächsischen Kleinstadt einzuleben. Denn Bautzen hatte sich damals in den Schlagzeilen des Landes eingelebt. Eine Unterkunft, in der Flüchtlinge wohnen sollten, brannte. Neonazis und Flüchtlinge kämpften vor dem Einkaufszentrum. Ich wollte versuchen, Bautzen nicht zu dämonisieren, sondern es einfach zu beschreiben. In der elfteiligen Serie "Unter Deutschen" schilderte ich in der ZEIT meinen Bautzener Alltag.

Weil ich die Kellnerin im Zollhaus allerdings als rundlich (Zitat Leserbrief: "Unverschämtheit!"), die Tischdecken als sehr orange (Zitat Leserbrief: "eine noch größere Unverschämtheit!") und die Schnitzel als Schnilis (Zitat Leserbrief: "Keiner sagt das hier!") beschrieb. Weil ich außerdem einen Dialog zwischen dem Betreiber-Ehepaar und einem Gast wiedergab, in dem man Pegida lobte, über Angela Merkel schimpfte und die AfD als einzig wählbare Partei ausmachte (deshalb wurde ich von einem empörten Bautzener Leser sogar mit der Stasi verglichen). Wegen all dessen hält man mich also vom Zollhaus fern, als ich ein Jahr später zurückkomme, um herauszufinden, wie die Bautzener reagieren, wenn ich ihnen ins Gesicht lese, was ich damals geschrieben habe.

Was ich in den elf Folgen ebenfalls notierte und auch aufrichtig meinte: dass die meisten Bewohner sympathische Leute seien, nur ihre gegenwärtigen politischen Ansichten waren das oft nicht. In meinen Augen zumindest. Aber das wurde, soweit ich das den Leserbriefen und Online-Kommentaren entnehmen konnte, einfach überlesen. Je differenzierter meine Töne wurden, desto weniger wurden diese gehört, hatte ich den Eindruck. Als wäre Zeitung lesen wie Stromstöße erdulden, und nur die stark geladenen Sätze, ach was: Reizwörter würden noch wahrgenommen. Auch Humor schien in diesem auf Polarität basierenden System absolut keinen Platz zu haben. Im Nachhinein fürchtete ich, dass alle Seiten meine Texte missbrauchten, um ihr spalterisches Weltbild zu festigen. Damit hätte ich das exakte Gegenteil dessen bewirkt, was ich eigentlich wollte.

Sicher, ich verschwieg nicht Bautzens großes, über Jahre gewachsenes Problem mit Rechtsextremismus. Und von Folge zu Folge wurde ich kritischer, nachdem ich Zeuge geworden war, wie ein rechter Mob drei Flüchtlinge jagte. Die Polizei bestritt das am nächsten Tag. Den Ort erlebte ich danach zutiefst verschlossen und begann die schweigende Masse zu verdächtigen.

Bin ich nun nicht nur im Zollhaus, sondern in ganz Bautzen Persona non grata?

Vielleicht fliegen auf der Lesung Eier, womöglich kommen die gut über das Stadtgeschehen unterrichteten Nazis der Division Bautzen, unter Umständen gibt es einen Skandal.

Oder gelingt es Bautzen und mir, noch einmal ernsthaft ins Gespräch zu finden?

Die Veranstaltung "Lausitzer Literatur vorMittag" beginnt um elf. Na ja, die Lesung beginnt um elf. Ab zehn gibt es Frühstück und Sektchen. Deswegen stehen im Saal auch lauter Tische mit weißen Vollkleckerdecken (Vollkleckerdecken sind cool, bitte keine wütenden Briefe!). Nach und nach tragen Männer weitere Stühle hinein. Die Veranstaltung sei restlos ausverkauft, sagt Eveline Günther, die Theaterdramaturgin. Wieder mit so einem Lächeln, aus dem man nicht schlau wird. Die hintere Wand des Raums ist aus Glas und zeigt ein schönes Postkartenbautzen mit Brücken, Burgen und Spree. Irgendwie gemein, dass man beim Lesen an seinem kleinen erhöhten Pult mit dem Rücken zu diesem Ausblick sitzen muss.

Dann ist es so weit, ich werde an meinem Podestchen etwa sechzig fertig frühstückenden Bautzenern vorgestellt. Und betrachte das Publikum: hier und da ein paar Jüngere. Ansonsten aber eher ergrauendes Bildungsbürgertum. Allerdings auch nicht die Art von Bildungsbürgertum, die nach schickem Leseledersofa und bestandener Dauertherapie riecht. Schwierig, die Lager zu deuten. Keine politischen Vertreter (zumindest keine, die ich erkenne), keine stadtbekannten Nazigrößen (zumindest keine, die ich erkenne), keine Schnitzelrächer aus dem Zollhaus – kurz: keine potenziellen Skandaltreiber. Leider auch keine bekannten Gesichter im Publikum. Wobei, doch, da vorne: Knut! Mein damaliger dreadlockbehangener Mitbewohner, der in durchlaberten Nächten in unserer WG schnell zum Kumpel wurde. Knut hat zwar gestern Abend bei unserem trinkfreudigen Wiedersehen gesagt, dass er kommt. Aber konnte ja keiner ahnen, dass er sich an sein betrunkenes Wort hält.