Es ist Herbst geworden in Berlin. Ihre Schritte klingen jetzt nach matschigen Wegen und feuchten Blättern. Die Luft riecht nach Regen, eine Unterführung nach Urin. Rechts rauscht die Spree. Musik – ein Touristenboot schippert über den Fluss. Die Menschen winken der Frau am Ufer zu. Sie trägt ein kleines Kind auf den Schultern. Die Frau winkt nicht zurück. Sie ist blind.

Hannah Reuter ist die Mutter von Mila, zweieinhalb Jahre, dunkle Locken. Ihr Mann Gendun Buthia, der gerade in einer Praxis steht und einen schmerzenden Rücken massiert, kann ebenfalls nicht sehen. Mila aber sieht alles.

Eine Familie wie diese ist eine große Ausnahme, das weiß Hannah Reuter. Sie hat in Berlin einen Eltern-Kind-Stammtisch für blinde Väter und Mütter gegründet. In den meisten Familien, die sich dort austauschen, kann ein Partner sehen oder hat zumindest einen "Sehrest" zur Verfügung. Verlässliche Zahlen über die Anzahl von Blinden in Deutschland gibt es nicht, erst recht nicht über Paare mit Kindern. Laut Weltgesundheitsorganisation und Schätzungen des Deutschen Blindenverbandes leben hierzulande etwa 1,2 Millionen blinde und noch viel mehr sehbehinderte Menschen. Sechzig Prozent von ihnen sind älter als 65 Jahre.

Ein Kleinkind mit Eltern, die nicht sehen. Nicht sehen, wenn es fällt. Nicht sehen, wenn es sich im Sandkasten Steine in den Mund steckt. Nicht sehen, wenn es wegläuft. Wie lebt man solch ein Familienleben? Hannah Reuter kennt alle Vorurteile und Fragen. Oft stößt sie auf irritierte Reaktionen. Ist das nicht gefährlich, gar fahrlässig?

Wie fast jeden Tag geht Hannah Reuter an diesem Samstag im Herbst mit ihrer Tochter am Spreeufer spazieren, neben ihr der Blindenhund, ein schwarzer Labrador. Mila sitzt auf den Schultern ihrer Mutter. Als sie unruhig wird, nimmt Hannah Reuter sie herunter, stellt ihre kleinen Füße auf den nassen Weg. Da schnappt sich das Mädchen das Ende des Blindenstocks und zieht ihre Mutter hinter sich her. Manchmal rennt sie weg, dann ruft Hannah Reuter so lange nach ihr, bis sie zurückkommt. Nur wenn Mila schmollt, antwortet sie nicht auf die Rufe der Mutter. Dann bleibt sie stehen, wartet ab, beobachtet. Das kann dauern. In solchen Momenten braucht Hannah Reuter viel Geduld und starke Nerven. Sie ist vieles gewohnt: Vorwürfe, Mitleid, Beleidigungen. Einmal sprach sie eine Fremde an und sagte: "Ach, Sie Arme, jetzt haben Sie neben dem Hund auch noch ein Kind!"

Heute soll Mila neue Schuhe bekommen. Die beiden kennen den Laden, hier kaufen sie meistens ein. Hannah Reuter befühlt verschiedene Modelle, achtet auf weiches Leder und darauf, dass die Schuhe nicht zu viele Schnallen und Riemchen haben. Ab und zu fragt sie die Verkäuferin nach der Farbe. Rosa soll in Milas Kleiderschrank nicht überhandnehmen. Hannah Reuter, die von Geburt an blind ist, weiß zwar nicht, wie Rosa eigentlich aussieht, aber sie kennt die Diskussion über Geschlechterklischees und möchte nicht, dass Mila wie eine Prinzessin herumläuft. Am Ende kaufen die beiden grüne Schuhe und Gummistiefel mit blauen Sternen.

Noch so eine Frage: Ein Kleinkind anziehen – wie macht man das, wenn man nicht sieht, ob der Pulli einen Fleck hat oder die Hose zu kurz geworden ist? Hannah Reuter fühlt nach Kragen, Reißverschlüssen und Materialien. Dann weiß sie, was sie in der Hand hat. Jedes Stück wird gewaschen, wenn es einmal getragen wurde. Die Socken der Kleinen kommen paarweise in einzelnen Wäschesäckchen in die Maschine, damit sie immer die passenden anhat. Inzwischen kann Mila sich selbst anziehen, fast jedenfalls. Manchmal trägt sie eine Hose verkehrt herum oder den linken Schuh rechts. Hannah Reuter findet das eigentlich nicht schlimm, es muss nicht alles perfekt sein. Sie möchte aber auch nicht, dass andere denken, sie lasse ihr Kind verwahrlosen. Auch deshalb kauft sie in einem teuren Schuhladen ein. Seht her, sagt sie damit, ein Kind von blinden Eltern kann gut gekleidet sein. Es bekommt die Aufmerksamkeit und Fürsorge, die es braucht.

Mila kommt gesund zur Welt, sie hat die Augenkrankheit der Mutter nicht geerbt

Zu Hause wartet Gendun Buthia auf die Familie. Er stopft Plastikmüll in einen gelben Sack, ordnet Lebensmittel im Kühlfach an, neben ihm kocht Reis in einem Topf. Seine Eltern stammen aus Tibet. Buthia wurde vor 39 Jahren in Indien geboren. Als Jugendlicher ging er in ein Kloster, weil er lieber meditieren wollte, als für die Schule zu lernen. Im Kloster lebte er mit achtzig anderen Mönchen zusammen, studierte buddhistische Philosophie. Mit Ende zwanzig löste sich seine Netzhaut ab, er wurde mehrmals operiert, ohne Erfolg. Vor acht Jahren holten ihn seine Schwestern, die in Deutschland leben, nach Berlin. Er lernte an einer Blindenschule Deutsch und Punktschrift. Irgendwann stellte ihm seine Lehrerin eine ehemalige Schülerin vor: Hannah.

Vor ihrer ersten Verabredung war Buthia sehr aufgeregt: "Ich sprach schlecht Deutsch, hatte keine Arbeit, konnte mich nicht allein orientieren." Hannah Reuter arbeitete als Sprachwissenschaftlerin an der Universität. Nach ein paar Monaten gesteht er Hannah seine Liebe, an einer Bushaltestelle. Die Blumen, die er die ganze Zeit mit sich trägt, drückt er ihr noch schnell in die Hand, bevor er in den Bus steigt. Drei Jahre später heiraten sie.

Als Hannah Reuter schwanger ist und der Babybauch sichtbar wird, schlägt ihr subtile Kritik entgegen: "Ach, ist ja toll, dann kann das Kind Ihnen ja später helfen." Als ob sie nur deshalb ein Baby bekommt. Viele wollen wissen, ob das Kind auch blind sein wird. Unverhohlen in solchen Fragen der Anwurf: "Setzen die etwa bewusst ein blindes Kind in die Welt?" Mila wird gesund geboren, sie hat die Augenkrankheit der Mutter nicht geerbt. Die Eltern gehen regelmäßig mit der Tochter zum Augenarzt, auch weil niemand genau weiß, was die Netzhautablösung beim Vater ausgelöst hat.