Nach der Geburt bekommt das Paar Hilfe von einer Hebamme, die Mila mit ihnen badet, ihnen beim Wickeln zusieht. Sie wechseln die Windeln der Kleinen auf dem Boden, halten beim Baden mit ihren Händen den kleinen Kopf über Wasser, tasten die Haut nach Pusteln ab. Wenn sie unsicher sind, gehen sie gleich zum Arzt. Auch heute noch bekommen die Eltern Unterstützung von Hannah Reuters Mutter oder Freunden, die Mila manchmal Haare und Fingernägel schneiden.

Hannah Reuter weiß noch genau, wie Mila nach der Geburt auf ihrem Bauch in Richtung Brust gekrabbelt ist. Haarflaum, Babygeruch. Überwältigte Eltern. Einige Monate nach der Geburt meldet sich eine Frau vom Jugendamt: "Frau Reuter, wir wollen Ihnen das Kind nicht wegnehmen, aber wir müssen einmal vorbeikommen." Ein Schock.

Verpflichtend sei ein Besuch vom Jugendamt bei blinden Eltern nicht, sagt Christiane Möller, Rechtsreferentin beim Deutschen Blindenverband. Das Jugendamt komme nur, wenn die Eltern von selbst Hilfe anfordern oder wenn das Amt einen "Tipp" erhalte. Möller sagt, es gebe viele Vorurteile, dass blinde Eltern ihre Kinder nicht allein erziehen könnten. Im Fall von Mila hat eine Mitarbeiterin des Bezirksamtes das Jugendamt informiert, ohne den Eltern Bescheid zu geben. Als die Frau vom Jugendamt in die 60-Quadratmeter-Wohnung kommt, ist es sauber und aufgeräumt. Die Küche sieht aus wie bei jeder anderen Familie auch, nur dass es ein Kochbuch in Brailleschrift gibt und eine Uhr, bei der zu jeder vollen Stunde ein anderer Vogel singt.

"Sind deine Augen kaputt?", fragen die Kinder in der Kita manchmal Milas Mutter

Die Frau vom Amt empfiehlt Hannah Reuter, Mila ein Kindergeschirr umzulegen und sie draußen an die Leine zu nehmen, wenn sie zu laufen beginnt. Hannah Reuter muss allein bei der Vorstellung lachen. Das Jugendamt kam nie wieder, die Akte wurde geschlossen.

Mila kann inzwischen nicht nur laufen, sie kann auch reden. Seit ein paar Monaten, erzählt ihre Erzieherin, formuliere sie bewusst, dass ihre Eltern blind seien. Mila sei ein sehr hilfsbereites Kind. Oft nehme sie andere Kinder an die Hand, zeige ihnen den Weg.

In Milas Kita fragen die anderen Kinder Hannah Reuter: "Sind deine Augen kaputt?" Einmal sagte ein Junge zu Mila: "Deine Mama ist blind und läuft immer gegen Bäume." Hannah Reuter findet es wichtig, Mila und den anderen Kindern ihre Behinderung zu erklären. Neulich verbrachten sie gemeinsam einen Nachmittag, sie verband den Kindern die Augen und zeigte ihnen, wie man mit einem Blindenstock umgeht. Reuter orientiert sich seit 34 Jahren durch das Hören, Fühlen und Riechen. Ohne Blindenstock und Hund wäre sie gar nicht sofort als blinde Frau zu erkennen. Sie hat gelernt, ihr Gegenüber mit ihren braunen Augen direkt anzublicken.

Schmerzt es, dass sie nie wissen wird, wie ihre Tochter aussieht? "So richtig interessiert mich das eigentlich nicht", sagt Hannah Reuter. Sie hält sich an das, was sie fühlen und prüfen kann. Die Gesichtszüge Milas, die Form ihrer Augen, die Dicke ihrer Haare. "Die Augen hat sie wohl eher vom Papa", sagt Reuter. Neulich sagte ein anderer Vater in der Kita zu ihr, Mila habe so schöne braune Haare. "Da war ich überrascht, ich dachte immer, die seien schwarz."

Es ist Nachmittag. Hannah Reuter sitzt am Küchentisch, Mila auf ihrem Schoß, einen Keks in der Hand. Später holen sie ein Buch aus dem Regal, Die kleine Raupe Nimmersatt. Bunte Bilder, Obst, Tiere aus Filz zum Fühlen, Brailleschrift. Es gibt nur wenige Bücher, die für blinde Eltern und sehende Kinder zugleich geeignet sind. Sie sind aufwendig herzustellen und deshalb teuer. Mila wird lernen müssen, früh selbstständig zu sein. Geschichten lesen, allein lernen, Hausaufgaben machen. "Meine Mutter hat meine Hausaufgaben auch nie kontrolliert", sagt Hannah Reuter. Über die Zukunft will sie sich noch nicht so viele Gedanken machen. Ob Mila irgendwann ausnutzt, als aufmüpfige Teenagerin vielleicht, dass sie sehen kann, Mutter und Vater aber nicht? Es wird eine Herausforderung sein, wie sie jede Form von Elternschaft bereithält.

"Meinst du, wir können über das Dach fliegen?" Hannah Reuter sitzt auf einer Schaukel, mit einem Arm hält sie sich fest, den anderen hat sie um ihre Tochter geschlungen. Spielplatzsound: Dreiräder knirschen auf dem Asphalt, Kinder kreischen, Elterngespräche, Handykameras klicken. Anders als die Eltern um sie herum können Hannah Reuter und Gendun Buthia nicht jeden Schritt ihrer Tochter verfolgen, sie fluten das Netz nicht mit niedlichen Kinderbildern. "Manchmal machen wir Fotos oder Videos, auch wenn es passieren kann, dass Milas Kopf mal nicht drauf ist", sagt Hannah Reuter. Die Bilder archiviert sie auf ihrem Computer, auch jene, die andere geknipst haben. Mila soll später visuelle Erinnerungen an ihre Kindheit vorfinden.

Auf ihrem Stammspielplatz kennt sich Hannah Reuter aus. "Schräg hinter mir steht eine Wippe, links von mir ist das Klettergerüst mit kleinem Plateau, Hängebrücke und einem Häuschen mit Rutschen." Am Anfang ist Hannah Reuter ihrer Tochter immer hinterhergelaufen und hat die Umgebung ertastet, Gefahren ausgelotet. Wenn Mila klettert, versucht die Mutter unter dem Gerüst zu stehen, um sie notfalls aufzufangen. "Es kann immer etwas passieren, auch wenn ich sehen könnte", sagt sie. "Man kann nicht alles verhindern." Wenn Gendun Buthia mit Mila auf den Spielplatz geht, begleitet ihn eine "Elternassistenz", eine Frau, die ihn unterstützt, weil er sich allein noch nicht so sicher fühlt.

Aufstehen, anziehen, Mila in die Kita bringen, arbeiten, Mila abholen, Spielplatz, Abendessen: Die Familie führt einen Alltag wie andere auch. "Viele Menschen glauben, dass unser Dasein nur um die Blindheit kreist", sagt Hannah Reuter. Dabei haben sie gar keine Zeit, ständig über die Behinderung nachzudenken. Auf dem Nachhauseweg bückt sich Mila, hebt etwas auf, sucht die Hand der Mutter und sagt: "Fass mal an." Hannah Reuter fühlt eine glatte kühle Kugel, ruft: "Eine Kastanie!" Mila strahlt.

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