Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Bowls und Burger, zum Trinken Gin – fast wäre man vorbeigegangen. Aber ein paar Details deuten doch darauf hin, dass in der früheren Pius Weinbar in der Hegestraße kein Allerweltstrendlokal eröffnet hat. Das beginnt mit dem sonderbaren Namen: Botanic District, dabei gibt es in der Nähe nur recht wenig Grün. Und dann der Vermerk zur Herkunft des Fleischs. Wo andere von Rinderrassen und Reifungsverfahren schwadronieren, steht hier bloß "vom Metzger Harms". Bei dem kauft halb Eppendorf.

Die Betreiber der neuen Bar kennen sich aus im Viertel. Vor zwei Jahren haben sie mit dem Lokal Küchenfreunde jüngeren Gästen ein Wohnzimmer eingerichtet. Es folgte das Frühstückscafé Was wir wirklich lieben. Im Vergleich dazu wirkt das Botanic District von außen fast abschreckend elegant: dunkle Möbel, Schummerlicht, ein wuchtiger schwarzer Tresen. Es ist die Botanik, die in gekonntem Stilbruch dem Ort Leben einhaucht: eine Agave, die sinnig zwischen den Tequilaflaschen steht. Grasbüschel in den Fenstern. Zugewachsene Leuchter unter der Decke. Hier kann man sich wohlfühlen.

An diesem Abend sind schon früh alle Tische besetzt – mit Paaren um die 30 und kleinen Gruppen in Plauderstimmung. Wer Eppendorfer für Schnösel hält, wird hier nicht partout vom Gegenteil überzeugt. Durch die halblaute Musik dringen Gesprächsfetzen wie diese: "Ich würde für mich behaupten, dass ich weiß, was wichtig ist." – "Das ist ganz nett, aber damit verdienste kein Geld." – "Man muss eben auch das Risiko eingehen, dass andere einen scheiße finden."

Ilja, der Kellner im Paisleyhemd, war schon zu Pius-Zeiten hier. Auch zum neuen Publikum findet er die rechte Distanz. Wenn er berät, schnellt sein Finger vor und bleibt dann in der Luft stehen – so, dass nur sein Enthusiasmus zum Gast weiterschwingt.

Bei den Weinen zeigt das Haus sich nicht von seiner stärksten Seite. Auf der Karte umsäuselt Kennerjargon ("herrlicher Duft nach Veilchen und Beerenkompott, noble Art") die etwas biedere Auswahl. Aber die Cocktails haben es in sich. Gemixt werden vor allem Highballs, die leichten Drinks aus dem Wasserglas, die nicht schon durch exotische Optik oder schieren Alkohol Eindruck schinden. Die meisten gehen ein wenig ins Herbe mit Kräutern oder Ingwer – gute Speisebegleiter.

Beim Essen hat man wenig Auswahl; man braucht sie aber auch nicht. Bowls wie Burger fluten den Gaumen mit einer Menge verschiedener Aromen. Der Avocado Tree Burger etwa bietet Chili, Sesam, Cheddarkäse und Koriander auf. Sie vertragen sich gut mit dem intensiven, saftig gebratenen Patty. Bloß kann man all das gar nicht auf einmal genießen, weil man das kiefersperrende Gebilde erst einmal zerlegen muss.

Bei den Bowls kann man die Überfülle kaum bemängeln, da gehört sie zum Konzept. Und im Prinzip bilden Sojabohnen, Süßkartoffel, Mangowürfel und Wakame-Algen kein schlechtes Bett für den exakt geschnittenen, angegrillten Thunfisch. Doch der Sushi-Reis darunter pappt, und die Mayonnaise darüber nimmt dem Gericht viel von seiner karibischen Leichtigkeit. Vielleicht braucht die Küche sie als eine Zielmarkierung für die Gabeln der Gäste, die im Halbdunkel sonst wenig sehen.

Dessert? Och nö, lieber was Leichtes, am besten was Flüssiges. So zieht es einen an den Tresen, auf einen letzten Highball beim netten französischen Barmann. Dann heim durchs schwarze Eppendorf mit einem grünen Geschmack auf der Zunge, vielleicht von Gurke und Gin, vielleicht von Limette und Basilikum. Aber eben immer nur zwei Aromen – die zu verbinden ist schwierig genug. Ein wenig von diesem Purismus könnte die Küche vertragen.