Das Jakob-Kaiser-Haus hat ebenso viele Eingänge wie Ausgänge. Und doch geht das Gerücht um, dass Abgeordnete, die hier neu gewesen seien, es betreten, aber nie wieder verlassen hätten.

Es gebe eine "Todeszone", heißt es. Sie liegt angeblich unter einer Deckenskulptur, die den Titel Auf und ab unterwegs trägt und an vier indianische Langboote erinnert, ein wenig auch an mystische Wegweiser ins Nichts. Darunter öffnet sich ein unterirdischer Tunnel, der das Gebäude mit den anderen Abgeordnetenhäusern und dem Reichstag verbindet. Es sei, sagen erfahrene Parlamentarier, "der Tunnel ohne Wiederkehr".

Sie lachen, wenn sie das sagen, und es ist ihnen wichtig, dass man dazuschreibt, dass es ein Scherz gewesen sei.

Der 19. Deutsche Bundestag steht vor enormen Herausforderungen: Klimawandel, Terrorismus, die Krise der EU, das Erstarken der Autoritären. Dazu der Einzug der AfD und das Anwachsen des Parlaments auf eine nie da gewesene Größe von 709 Abgeordneten, 230 davon neu. Sie müssen erkennen: Wem die deutsche Demokratie Großes abverlangt, den kränkt sie erst einmal. Dem führt sie vor Augen, was er ist: unerfahren und ziemlich klein.

In drei großen Bürogebäuden in der Nähe des Reichstags sind die Abgeordneten und ihre Mitarbeiter untergebracht. Als wären diese Abgeordnetenhäuser riesige Ameisenhaufen, auf die etwas Schweres niedergegangen ist, eine Pranke oder ein Stein, herrscht hier in den Wochen nach der Wahl eine kuriose Gleichzeitigkeit von Hektik und Leere, Apathie und frei drehender Geschäftigkeit. Es finden sich ein paar alte Ameisen, die ihren Haufen schon wieder reparieren wollen, während andere noch immer den Schaden begutachten. Man sieht neue, die wie alte tun, selbstbewusst und vierschrötig. Und dann sind da noch die neuen, die einfach nur neu sind. Für sie beginnt die historische Aufgabe als Parlamentarier mit zwei ganz banalen Fragen: Wo gehöre ich hin? Und wo geht es überhaupt lang?

Am Montag der ersten Sitzungswoche begegnen sich im Tunnel zwei Männer. Ob sie Abgeordnete sind oder deren Mitarbeiter, lässt sich nicht sagen, ihre drollige Orientierungslosigkeit verwischt die Spuren des Amtes.

Junge Abgeordnete - »Du kannst nicht immer nur meckern« Als er 2011 in die FDP eintrat, hielten ihn seine Freunde für verrückt: Jetzt sitzt der 31-jährige Lukas Köhler das erste Mal im Bundestag. Ein Videoporträt © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Es ist der Abschnitt des Tunnels mit den Rollsteigen, der aussieht wie der Transitbereich eines Provinzflughafens. Die Männer spähen nach vorn, als läge dort ihr lang ersehntes Ziel, die gesuchte vierstellige Raumnummer. Die beiden fahren einander entgegen, in einer Röhre unter kaltem Licht, wie Fährtensucher verfeindeter Armeen, die keine Schwäche zeigen dürfen.

In der Mitte macht der eine plötzlich kehrt und hastet zurück, entgegen der Richtung des Rollsteigs. Er ist jetzt genauso schnell wie der andere Mann, der nur dasteht und sich fahren lässt. Es fällt kein Wort.

Manche der 230 Neuen prägen sich die Muster und Farben der Teppiche auf den Fluren ein, um sich nicht zu verlaufen. Manche deuten die Bilder an den Wänden, die vielleicht etwas verraten über die politische Ausrichtung derer, die sie haben aufhängen lassen.

Die Abgeordnete Anke Domscheit-Berg, parteiloses Fraktionsmitglied der Linken, hat es mit der Hänsel-und-Gretel-Methode versucht. Statt kleine weiße Steine oder wenigstens Brotkrumen auf die Strecke zu streuen, die sie auf dem Weg in ein unbekanntes Terrain zurückgelegt hat, hat sie die Türen fotografiert, an denen sie vorbeigelaufen ist. Auf Instagram hat sie die Öffentlichkeit an ihrem Orientierungslauf teilnehmen lassen und eine Galerie von Türen veröffentlicht. Sie sehen alle gleich aus.

Man kann die Differenz zwischen dem heiligen Ernst ihres Amtes und der Banalität der Überforderung, die die Neuen in diesen Wochen empfinden, als Fallhöhe bezeichnen. Und das ist auch physikalisch der passende Begriff. Denn obwohl sie in ein Gebäude von horizontaler Ausdehnung eigentlich nicht hineinfallen können, widerfährt ihnen genau das jeden Tag.

"Das ist ohne Zweifel ein historisches Wahlergebnis", sagt ein CDU-Funktionär im Gespräch mit einem Nachrichtensender, der Reporter nickt beflissen. Die beiden stehen im Foyer des Jakob-Kaiser-Hauses. Die Worte des Politikers hallen in dem Gewölbe wider. "Wir müssen", sagt er, "uns dieser Aufgabe stellen."

Etwas abseits, am Fuße einer Treppe, fährt ein junger Abgeordneter mit dem Finger über einen zerknitterten Lageplan. "Das darf doch nicht wahr sein", sagt er zu sich selbst. "Wo ist denn jetzt dieses verdammte Büro?"