Als wolle er den Showdown regelrecht erzwingen: So feiert Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un seine Atomtests und Raketenversuche mit Triumphgeschrei und bombastischen Drohungen. Typisch der geglückte Start seiner ersten Interkontinentalrakete (ICBM) am 4. Juli 2017. Der sei "ein Schlag ins Gesicht der amerikanischen Bastarde" gewesen, ein "Geschenk" zum Unabhängigkeitstag der "Yankees". Nicht zum ersten Mal hatte man das Gefühl, da fühlt sich einer sehr sicher. Zu sicher?

Gut drei Wochen nach dem ersten ICBM-Test erfolgte schon der nächste Versuch, die Hwasong-14 stieg diesmal auf eine Flughöhe von 3.800 Kilometern. Bei einer flacheren Flugbahn hätte sie die Westküste der USA erreicht, möglicherweise Denver oder sogar Chicago. Kim Jong Un überschritt damit die rote Linie, die Amerikas Präsidenten seit Bill Clinton gezogen hatten und die jetzt auch Donald Trumps Nationaler Sicherheitsberater H. R. McMaster noch einmal nannte: "Der Präsident hat sich sehr klar geäußert. Er wird es nicht hinnehmen, dass Nordkorea in der Lage ist, die Vereinigten Staaten zu bedrohen." Die beiden ICBM-Versuche im Juli 2017 setzten eine Eskalation in Gang, die rund um den Globus die Furcht aufkommen ließ, der Nordkoreakonflikt könne in einen Atomkrieg münden.

Kim versucht die Provokation bis zu dem Punkt zu treiben, an dem der erhoffte Nutzen – internationale Aufmerksamkeit, humanitäre Hilfe, Aufnahme von Verhandlungen – den zu befürchtenden Schaden übertrifft. Er darf nicht den einen Schritt zu weit gehen, der den Amerikanern praktisch keine Wahl lässt, als militärisch zu reagieren. Brinkmanship nennt man in den USA diese zweifelhafte Kunst, Politik am Rande des Abgrunds zu betreiben.

Schon heute bedrohen die Kurz- und Mittelstreckenraketen des Nordens ganz Südkorea und Japan. Auch ohne den Einsatz nuklearer Waffen wären die Verluste entsetzlich. Nordkorea besitzt große Mengen Senfgas, Chlorgas, Phosgen und Sarin; es verfügt auch über das absolut tödliche Nervengas VX. Insgesamt sollen Pjöngjangs Bestände an chemischen Waffen 2.500 bis 5.000 Tonnen umfassen.

Kein Wunder, dass Nordkorea seine Gegner auch ohne Atomwaffen bisher schon abschrecken konnte. So verzichtete Präsident Richard Nixon im Jahr 1969 auf eine militärische Antwort, als Nordkorea ein Flugzeug der US-Navy mit 31 Personen an Bord abschoss. Nixons Nachfolger ließen zwar alle möglichen Szenarien durchspielen, zuckten aber stets vor einem militärischen Eingreifen zurück.

Nur die Wahl zwischen "schlechten, sehr schlechten und katastrophalen Optionen"

In Washington ist die Ansicht verbreitet, es gebe im Falle Nordkoreas einfach keine "guten Optionen"; man habe lediglich die Wahl zwischen "schlechten, sehr schlechten und katastrophalen Optionen".

All dies trägt zum selbstbewussten Auftreten Kim Jong Uns bei. Fragt man sich, was ihn antreibt, dann landet man bei zwei Erklärungen. Da ist einmal die Annahme, der Besitz von Atomwaffen werde ihn vor dem Schicksal Saddam Husseins und Muammar al-Gaddafis bewahren. Da ist zum anderen die ständige Beschwörung einer Bedrohung von außen, um die Unterdrückung im Inneren zu rechtfertigen. Begleitet wird die Anspannung aller Kräfte von hysterischer Kriegsrhetorik. "Südkorea wird in einem Flammenmeer untergehen, Japan wird in Asche versinken, und die USA werden zusammenbrechen", drohte die Parteizeitung Rodong Sinmun im Mai in charakteristischem Wortgetöse.

Westliche Geheimdienste kamen schon vor den jüngsten ICBM-Tests zu der Einschätzung: Die Lage auf der koreanischen Halbinsel sei "so angespannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr". Die Drohkulisse der Amerikaner lasse die Nordkoreaner "völlig unbeeindruckt". Noch ist die Hwasong-14-Rakete nicht einsatzbereit. Die Herausforderungen bei der Produktion eines verkleinerten Sprengkopfes, der auf die Raketenspitze passt, und die notwendige Härtung der Sprengkopfhülle, um der gewaltigen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu widerstehen, sind groß. Aber warum sollten die nordkoreanischen Ingenieure nicht auch sie bewältigen?

Viele Raketen sind mobil, sie lassen sich leicht vor Satelliten verbergen und schnell in Stellung bringen. Die modernsten Raketen werden mit festem Treibstoff angetrieben, müssen also vor dem Start nicht langwierig betankt werden. So sind sie in kürzester Zeit abschussbereit.