Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Selbstwertgefühl ist wichtig. Aber um den Wert des Selbst festzustellen, braucht es den Vergleich. Selbstbestätigung stellt sich beispielsweise schnell ein, wenn man seine eigene Person an weniger Begabten misst. Eine große Hilfe bei diesem Prozess ist es, wenn eine bestimmte Auffassung von Wissenschaft täglich mit Unglaublichem überrascht. So stellten Forscher nunmehr die erstaunliche These auf, der zufolge ein gewisser Zusammenhang zwischen Alkoholgenuss und Leichtsinn bestehe. Ein, zwei Promille im Blut, und schon würden jene Mechanismen, die für Vorsicht und Besonnenheit sorgen, außer Kraft gesetzt. Diese Erkenntnis mag in einem Land wie Österreich nicht wirklich verblüffen, aber man ist veranlasst, zu rätseln, wie die Wissenschaftler dahinterkamen. Selbstversuch wäre eine Methode, die allerdings den Nachteil hat, dass bei einer halbwegs aussagekräftigen Versuchsannahme das Erinnerungsvermögen beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen wird. Eine andere Möglichkeit ist es, einer Probandengruppe Fusel zu verabreichen, während die Kontrollgruppe im Trockenen gelassen wird. Die nüchternen Versuchspersonen, so das Ergebnis des Experiments, seien in der Folge weit weniger zu unüberlegtem Sex bereit gewesen als ihre angeheiterten Pendants. Eine genaue Definition von überlegtem Sex blieben die Forscher allerdings schuldig. Man ist da auf Vermutungen angewiesen. Diese Art der zwischenmenschlichen Kommunikation lebt ja, zumindest wenn sie Spaß bereiten soll, vor allem vom Deliberativen. Abwägung ist einfach der primäre Lustfaktor bei einem gelungenen koitalen Erlebnis. Man könnte diese Studie auch einfach als Blödsinn abtun. Das wäre dann wirklich unüberlegt, denn hier verbirgt sich eine neue Methode der Motivation. Vorbei die Zeiten, da Scientia komplizierte Dinge vermittelte, zu denen man nur ehrfürchtig aufschauen konnte, weil man sie nicht verstand. Das erzeugt Frustration. In einer Wissenschaft, die schlau genug ist, sich dümmer zu stellen, als es die Leute sind, liegt der Bildungsauftrag der Zukunft. So entsteht zwar nicht Bildung, aber es kommt zur Ausbildung von Einbildung, und das ist immerhin besser als Unbildung. Aber bitte mit überlegtem Sex.