Die bisherige Ost-Koordinatorin der Linken im Bundestag klagt an: "Wer ostdeutsch ist, muss draußen bleiben. Die Elite der Bundesbeamten ist auch nach 27 Jahren deutscher Einheit fest in westdeutscher Hand." Sie weiß ganz genau, was zu tun sei. "Gegen diese Kruste hilft nur eine Ossi-Quote."

Lassen wir vorerst das Grundgesetz beiseite, obwohl der Artikel 3 verfügt: "Niemand darf ... wegen seiner Heimat und Herkunft ... benachteiligt oder bevorzugt werden." Da wackelt die Quote schon mal. Fragen wir zuerst nach den Fakten. Ein Soziologenteam der Hochschulen Jena und Zittau meldet, dass Ostdeutsche in Spitzenpositionen kräftig unterrepräsentiert seien. Sie besetzten nur 1,6 Prozent der Vorstandsstühle in Dax-Unternehmen, stellen gerade mal 7,1 Prozent im Kabinett Merkel.

Man kann es auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Bis vor Kurzem waren zwei Drittel der Staatsspitze (bestehend aus Präsident, Bundestagspräsident, Kanzler) ostdeutscher Herkunft: Joachim Gauck und Angela Merkel – unter Gerhard Schröder war es ein Drittel mit Wolfgang Thierse als Parlamentschef. Vorteil Ostdeutschland, denn rein buchhalterisch dürften Ostdeutsche nur das Fünftel reklamieren, das ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.

Diskriminierung setzt Ziel und Plan voraus. Tatsächlich verlaufen Auswahlprozesse eher unbewusst. Wer oben ist, zieht Leute nach, die ähnlich denken und ausgebildet sind. Sie haben den MBA in Fontainebleau bei Paris oder den Wirtschaftsingenieur an der TU München gemacht. Die ostdeutschen Eliten, einst "Kader" genannt, waren nach der Wiedervereinigung suspekt – zu viel Marx, zu wenig Markt, von der Stasi-Connection ganz zu schweigen. Und die Neuen kannte man nicht, also her mit den Wessis.

Dieses Problem aber löst sich von allein – oder biologisch. Eine neue Elite wächst heran, die "gesamtdeutsch" ist. Nach dreißig Jahren Einheit werden Universitäten nicht nach Standort, sondern Ruhm unterschieden. München und Heidelberg stehen unter den deutschen Unis in den Rankings an der Spitze, aber nichts hindert einen begabten jungen Magdeburger, sich dort zu bewerben. Humboldt ist sowieso keine "ostdeutsche" Universität mehr. Hinzu kommt, dass Herkunft nach drei Jahrzehnten so leicht zu fassen ist wie ein Pudding. Nach wie vielen Jahren im Westen ist ein Görlitzer noch ein Ossi? Ein Personaler (jetzt "Human Resources") müsste schon böswillig im CV nach dem Geburtsort fahnden.

"Egal!", würde ein Egalitätsapostel grollen. "Das Problem ist hier und jetzt, und da schafft nur die Quote Gleichbehandlung." Apropos Gleichheit: All diese Proporz-Diskussionen kreisen um Elitejobs. Generell geht es nicht darum, die Aldi-Kassiererin zur Filialleiterin zu machen, sondern studierte Frauen aus der oberen Mittelschicht in den Aufsichtsrat zu bugsieren. Die Jena-Zittau-Studie, die so gern zitiert wird, beschäftigt sich nicht mit Durchlässigkeit von ganz unten nach ganz oben, die jeder bejubeln würde, sondern mit Spitzenpositionen für Spitzenleute. Das ist ein Eliteprojekt: Mehr für uns, die wir schon das Talent und die Bildung haben. Es geht nicht um Chancen für "die da unten", sondern um goldene Epauletten für Menschen, die schon fast oben sind.

Aber tun wir so, als existierten weder Verfassungshürden noch Probleme bei der Herkunftsbestimmung im fusionierten Deutschland, noch Magengrimmen bei Quoten, die sich zum unartikulierten Eliteprogramm verdichten. Fragen wir nur: Würden Quoten denn funktionieren, ganz gleich, wie fadenscheinig die plakative Gleichheitsideologie ist? In Deutschland herrscht kein allgemeines Quotenregime; gesetzlich gilt es nur für Behinderte (was auch verfassungsgemäß ist) und neuerdings auch für reservierte Frauenplätze in Aufsichtsräten. Generell werden Quoten ausgehandelt oder folgen dem Druck der veröffentlichten Meinung. Die Hauptnutznießer sind Führungsfrauen, sei’s in den Parteien, Redaktionen oder Talkshows.

Ob die "mathematische Gerechtigkeit" funktioniert, kann man am besten in Amerika studieren, wo es seit einer Generation die offizielle affirmative action gibt. Das ist ein freundlicher Begriff für die proportionsgerechte Bevorzugung von Schwarzen, Braunen und ethnischen Minderheiten aller Art, und zwar schon seit einem halben Menschenalter. Ein klassisches Schlachtfeld sind die hochselektiven Universitäten von Harvard bis Stanford. Nüchtern konstatierte die New York Times kürzlich: "Selbst unter affirmative action sind Schwarze und Latinos an den Top-Hochschulen noch stärker unterrepräsentiert als vor 35 Jahren." Die gute Absicht geriet zum Frust, trotz großzügiger Steighilfen. Nehmen wir einen Bewerber asiatischer Herkunft, der keinen Bonus erhält. Im standardisierten Aufnahmetest SAT (mit maximal 1.600 Punkten) muss er/sie 140 Punkte besser als ein Weißer sein, 270 Punkte mehr holen als ein Latino und 450 mehr als ein Schwarzer. Nur greift das System nicht, es gibt zu viele Minderheiten-Studenten, die scheitern oder aufgeben.

Wieso? Stellen wir uns einen nicht so tollen Läufer vor, der im olympischen Team landet, wo er gegen die Cracks antreten muss. Er kann nicht mithalten, spürt den mangelnden Respekt, beginnt an sich zu zweifeln und steigt aus. Ein Schwarzer, der es in eine der großen Anwaltskanzleien schafft, wird nie wissen, ob er den Karrieresprung seiner Begabung oder Bevorzugung verdankt. Und die Kollegen werden hinter seinem Rücken über ihn lästern. Oder schlimmer: Es tobt der Verteilungskampf. In einem besonders dramatischen Fall hat eine Gruppe von Amerikanern asiatischer Abstammung Harvard wegen Diskriminierung verklagt. Es gebe eine geheime Obergrenze, die sie systematisch zugunsten anderer Minderheiten benachteilige. Hochleistung werde bestraft. Ein Sprecher: Es dürfe nicht sein, dass Rasse oder Ethnie "irgendjemand behindert oder fördert". Hier öffnet sich das Quoten-Paradox: Zwietracht sät, was dem gedeihlichen Zusammenleben der Gruppen dienen soll. Das Justizministerium ermittelt, und die Causa wird vor dem Obersten Gericht der USA landen.

Was hat Amerika mit Ostdeutschland zu tun? Die USA probieren Quoten seit 35 Jahren aus, und die Hauptprofiteure sind hochqualifizierte weiße Frauen, die sowieso schon privilegiert sind. Die Moral von der Geschicht ist nicht ermutigend: Gut gemeint ist nicht gut gemacht, und der egalitäre Anstrich verhüllt, dass es bei Quoten – in Deutschland oder Amerika – um Verteilungskämpfe in der Eliten-Arena geht. Solche Kämpfe stiften immer Unfrieden, weil "mehr für dich" bedeutet "weniger für mich". Sodann: "Du gewinnst nicht, weil du besser bist, sondern weil du bevorzugt wirst."

Artikel 3 GG schließt "Herkunft oder Heimat" als Schubhilfe aus. Wahrscheinlich sind auch Bayern in Vorständen jenseits des Mains unterrepräsentiert, obwohl sie mit 13 Millionen den zweitstärksten Stamm bilden. Sollen sie eine "Weißwurst-Quote" für sich fordern? Gemäß der Logik der Linken sehr wohl: Noch nie ist ein Bajuware Kanzler geworden, obwohl zwei es probiert haben. Die Ossis aber konnten mit Merkel, Gauck und Thierse die drei höchsten Ämter im Staat erobern. Ohne Quote.