Gegenüber Frauen hätten Hunde eklatante Vorteile. Findet Walter Penk-Lipovsky. Sie seien "einfacher zu handhaben, weil sie im Unterschied zu Frauen noch folgen können". Der Wiener Privatdetektiv – Falco, Haider und Franz Josef Strauß gehörten zu seinen Auftraggebern – setzt die folgsamen Hunde erklärtermaßen auch als "Waffe" ein. Sherlock, Samurai oder Dillinger helfen ihm bei der Selbstdarstellung: "Zur Vergrößerung, für mein Ego. Ich liebe mich, (...) ich bin einer der nettesten Menschen, denen ich je begegnet bin."

Der Hund als Erweiterung des Ichs: Das aufschlussreiche TV-Interview mit Österreichs berühmtesten Privatdetektiv stammt aus der Reportagereihe "Alltagsgeschichte". In Denn Hundeherzen schlagen treu porträtierte die Regisseurin Elizabeth T. Spira 1991 Herrchen und Frauchen. Und wie Penk-Lipovsky erklären darin die Tiernutzer, wenn sie von ihren Kaniden erzählen, wie sehr die Schützlinge eine Ausweitung ihrer selbst bedeuten, ihr Leben bereichern.

Das Video ist derzeit im Dresdner Hygienemuseum zu sehen, es trifft den Kern der aktuellen Ausstellung Tierisch beste Freunde (bis 1. Juli 2018). Denn nur vordergründig stehen die Tiere im Mittelpunkt. Ausgestopft oder eingelegt, empfangen einen zwar im ersten Raum Goldhamster und Chinchilla, Netzpython und Weißhaubenkakadu, Kampffisch und Vogelspinne – ein lebloser Zoo beliebter Hausbewohner. Doch schon hier wird klar, dass es sich vielmehr um eine Zurschaustellung des Menschen handelt. Und in Teilen: um seine Bloßstellung.

Allein was Homo sapiens aus Canis lupus nach seinem Willen geschaffen hat, ist in einer variantenreichen Sammlung von Dermoplastiken zu sehen: Beagle, Rauhaardackel, Barsoi, Papillon. Es sind Resultate jener frühen Idee, Tiere nach Beinlänge, Ohrengröße, Aggressivität oder Fellmusterung zu produzieren, wie man sie haben möchte. Schöpfungen aller Art; egal, wie krank. Heute wiegen schwere Hunde hundertmal so viel wie ihre federleichten Artgenossen.

Haustiere sind nicht der Versuch, die Natur zu sich zu holen. Vielmehr sind die 30 Millionen tierischen Kreaturen in deutschen Haushalten Objekte, um die erstaunliche Leidenschaften gepflegt werden. Wir hegen nicht nur Kaninchen, sondern päppeln, putzen, kämmen sie, sodass sie beim Schönheitswettbewerb gewinnen mögen. Wir bringen Vögeln das Singen bei. Zum modernen Alltag des Tierbesitzers gehört auch, dass Hunde Kleider und Schmuck tragen, Friseurtermine wahrnehmen und ihrer Neurosen wegen beim Psychologen auf der Couch sitzen.

Dieser gemeinsame Weg nach Absurdistan hat früh begonnen – mit der Domestizierung des Wolfs in der Steinzeit und seiner Verwandlung in Canis lupus familiaris. Aber die Kuratoren der Ausstellung deuten die lange Anlaufphase, in der das gehaltene Tier Nahrung, Jagdbegleiter und Transporthelfer wurde, nur an. Wichtig ist ihnen die Entwicklung vom 19. Jahrhundert an, als die Industrialisierung die Nutztiere aus den Städten verdrängte. Im Gegenzug entdeckte nach dem Adel das Bürgertum das Tier als Unterhalter und Alltagsgefährten und machte es zum häuslichen Equipment. Nicht so, wie die Natur es schuf. Es wurde passend gemacht. Systematische Zucht ermöglichte es, das Getier eigenen ästhetischen Wünschen gemäß zu modifizieren und in Szene zu setzen. Das Resultat: eine tierische Kunstwelt, fernab der einstigen Natur. Heute leben weltweit noch 200.000 Wölfe in der Wildnis – dagegen tummeln sich allein in Deutschland neun Millionen Hunde im arttypisch gewordenen Biotop namens Wohnung. Für viele Menschen sind Haustiere überhaupt die einzigen Tiere, mit denen sie noch in Kontakt geraten.

Immerhin beförderten die Zweckgemeinschaften erstaunliche gesellschaftliche Entwicklungen. Zunächst legte das Tier das Böse in uns offen. Früher war es normal, alles Nichtmenschliche zu treten und zu schlagen. Mit der Bewunderung für Siegerhunde, rassereine Karnickel und süße Katzen aber kam im 19. Jahrhundert der Tierschutz in Mode. Ein genauso wichtiger Faktor war Darwins Evolutionslehre. Sie machte Tiere auch im Bewusstsein der Menschen zu Verwandten und damit zu leidensfähigen Wesen. Tierquälerei wurde verboten. Nicht nur gesetzlich, auch didaktisch ging man gegen diese Untugend vor. Im Struwwelpeter plagt der böse Friederich, der Wüterich, Tiere zum Scherz – bis er an einen großen Hund gerät. Und um 1916 erscheint ein Büchlein des Berliner Tierschutz-Vereins: Tierschutz-Geschichten zur Erweckung und Verbreitung einer edel menschlichen Gesinnung auch gegen die Tiere – ein Jahrhundert bevor wir in Talkshows ernsthaft über Bürgerrechte für Tiere zu diskutieren begannen.