Es sind oft Kleinigkeiten, die große Veränderungen bewirken. Ein Halbsatz etwa oder zwei, drei Wörter. Der Weltärztebund hat gerade mit vielen Kleinigkeiten das Genfer Gelöbnis zu etwas Großem gemacht. Es könnte zu einer besseren Medizin führen.

Das Genfer Gelöbnis ist die moderne Version des hippokratischen Eids, es soll dem Arzt ein ethisches Gerüst für seine Arbeit sein, ein moralischer Kompass. Bislang war die Bedeutung des Gelöbnisses in vielen Ländern nicht allzu groß. Auch hierzulande kennen es viele Ärzte nicht, obwohl es heute an einigen Universitäten zum Abschluss des Medizinstudiums feierlich verlesen wird und am Anfang der Berufsordnung der Ärzte steht.

Mit der aktualisierten Fassung könnte sich das ändern. Der neue Eid ist mehr als nur der ältlich klingende Leitfaden, der er all die Jahre war. Die Veränderungen zeigen exemplarisch, woran es in der modernen Medizin hapert und woran sich Ärzte in heiklen Zweifelsfällen orientieren können. Vor allem schärfen sie den Blick dafür, dass die Autonomie und das Wohlbefinden des Patienten im Mittelpunkt zu stehen haben.

Das klingt selbstverständlich, doch im modernen Medizinbetrieb ist es das häufig eben nicht. Worum geht es zum Beispiel, wenn ein krebskranker Patient mit maximalem Einsatz von Chemotherapeutika, Operationen oder Röntgenstrahlen behandelt wird, nur um ihm das Leben um ein paar Wochen zu verlängern? Geht es da wirklich um das Wohl des Patienten oder eher um das gute Gewissen des Arztes und seine Angst vor dem Vorwurf, er hätte nicht alles Menschenmögliche unternommen?

In solchen Fällen ist es hilfreich, einen moralischen Kompass vor Augen zu haben. Genau diese Funktion hat der neue Gelöbnistext. Zum "obersten Anliegen" eines Arztes wird darin nun das Wohlbefinden des Patienten erklärt und nicht mehr nur dessen Gesundheit – eine kleine, aber entscheidende Veränderung. Für Onkologen bedeutet das nämlich, dass sie nicht unbedingt alle therapeutischen Möglichkeiten für krebskranke Patienten ausreizen müssen. Denn der Einsatz des Medizinarsenals steigert ja nicht immer deren Wohlbefinden, sondern macht im Gegenteil das Leben gelegentlich zur Qual.

Zwar werden keine praktischen Fälle im Genfer Gelöbnis beschrieben; es ist eher abstrakt gehalten. Dennoch sind seine Aussagen eindeutig und eine kluge Orientierungshilfe für den täglichen Gebrauch, die sich jeder Mediziner an die Wand hängen sollte, egal ob junger Assistent, spezialisierte Fachärztin oder erfahrene Chefärztin.

Die ursprüngliche Fassung des Genfer Gelöbnisses entstand 1948, als Reaktion auf die Verbrechen und Gräueltaten vor allem von deutschen Ärzten während des Zweiten Weltkriegs. Immer wieder gab es seitdem Korrekturen, aber nie so einschneidende wie jetzt. Zwei Jahre lang hat eine international besetzte Arbeitsgruppe unter Leitung der deutschen Bundesärztekammer daran gearbeitet, das Genfer Gelöbnis an die Gegenwart und die Bedürfnisse der Patienten anzupassen. Im Oktober wurde die Neufassung vom Weltärztebund in Chicago beschlossen.

Ein zentraler Punkt im neuen Gelöbnis, vielleicht der wichtigste, ist die neu hinzugekommene Formulierung: "Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren." Auch das klingt relativ selbstverständlich. "Aber wenn man bedenkt, dass sich das Genfer Gelöbnis in die Tradition des hippokratischen Eides stellt, der die Autonomie des Patienten nicht erwähnt, ist mit dieser Revision ein entscheidender Schritt in der Geschichte der Medizin vollzogen worden", kommentiert der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing, der an der neuen Fassung mitgearbeitet hat. Nun werde zum ersten Mal in "dem Eid" der Ärzteschaft der Respekt vor der Selbstbestimmung erwähnt.

Viele Ärzte, die schon länger tätig sind, werden da umdenken müssen. Der Respekt vor der Autonomie des Patienten bedeutet nämlich auch, dass die früheren "Halbgötter in Weiß" ganz bewusst einen Teil ihrer Autorität abgeben müssen; dass sie Entscheidungen nicht mehr allein treffen, kraft ihrer Position als Arzt, sondern dass sie mit ihren Patienten sprechen und diskutieren müssen; und dass die sich am Ende auch einmal anders entscheiden, als sie es aus ärztlicher Sicht heraus getan hätten.

Natürlich kann man einwenden, dass das Gelöbnis lediglich eine moralische und keine rechtsverbindliche Wirkung hat. Wer es partout als Arzt ignorieren will, kann das tun. Dennoch sollte man die Wirkung solch symbolischer Festschreibungen nicht unterschätzen. Denn sie schaffen einen Referenzrahmen, auf den sich in Zweifelsfällen und bei eventuellen Meinungsverschiedenheiten jede und jeder berufen kann.

Das gilt nicht nur für den Umgang mit todkranken Patienten. Der neue Gelöbnistext ermahnt die Ärzte auch, ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu respektieren, "um eine medizinische Versorgung auf höchstem Niveau leisten zu können" – eine klare Kritik an den überlangen Arbeitszeiten vieler Mediziner.

So wird das Genfer Gelöbnis zur Blaupause einer menschenfreundlicheren Medizin, die Ärzten und Patienten gleichermaßen dient. Dafür setzen sich nicht nur Medizinethiker wie Wiesing ein, sondern auch Standesvertreter wie Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und stellvertretender Vorsitzender des Weltärztebundes. Das Gelöbnis in seiner neuen Form sei etwas, das man "einmal durchdenken, besprechen und nach dem man dann auch handeln muss", fordert Montgomery.

So könnte der neue Text tatsächlich den Medizinbetrieb verändern. Die Ärzte müssen ihn sich nur vor Augen halten. Am besten jeden Tag.