DIE ZEIT: Noch vor wenigen Jahren galt Deutschland in der Islamismus-Prävention als Entwicklungsland. In der Zwischenzeit hat der Bund viel Geld investiert. Auch Innenminister Thomas de Maizière unterstützt die Präventionsarbeit. Wie lange dauert es noch, bis die Maßnahmen Wirkung zeigen?

Michael Kiefer: Lange. Es hat sich in den vergangenen drei Jahren zwar viel getan, mehrere Hundert Millionen Euro haben Bund und Länder in verschiedene Projekte gesteckt. Aber noch ist vieles Patchwork. Von einer systematischen, wissensbasierten und aufeinander abgestimmten Radikalisierungsprävention sind wir immer noch weit entfernt.

ZEIT: Warum?

Kiefer: Ein Grund sind die Forschungslücken. Die Wissenschaft bietet noch zu wenig Anhaltspunkte für die praktische Präventionsarbeit. Für viele Annahmen über die Gründe einer Radikalisierung – wie etwa Diskriminierung, fehlender Vater, mangelnde religiöse Bildung, prekäre Lebensverhältnisse – finden sich zwar Hinweise, aber keine Belege. Warum radikalisieren sich die einen, die anderen nicht? Warum driften junge Menschen aus fast idealen Lebensverhältnissen in den gewaltbereiten Islamismus ab? Es mangelt an empirischer Forschung über Radikalisierungsverläufe. So wird in der Präventionsarbeit oft experimentiert. Hilfreich wäre ein Wissenschaftszentrum wie das King’s College in London, an dem seit Jahren über Radikalisierung geforscht wird.

ZEIT: Woran hakt es noch?

Kiefer: Es gibt sehr große Unterschiede in der Qualität der einzelnen Projekte. Viele leisten hervorragende Arbeit. Aber es gibt auch Träger, denen grundlegende Voraussetzungen fehlen. Es gibt keine fachlichen Standards, die Programme werden zu selten evaluiert. Die großen Summen, die bereitgestellt werden, haben auch ungeeignete Träger angelockt. So ist ein gewisser Wildwuchs in der Projektlandschaft entstanden.

ZEIT: Was fehlt denn konkret für die fachgerechte Umsetzung der Prävention?

Kiefer: Ein Problem ist derzeit, dass fast keine ausgebildeten Sozialarbeiter mehr auf dem Markt sind. Viele sind in der Flüchtlingsarbeit gebunden. Es darf nicht sein, dass es als Qualifikation genügt, Muslim zu sein. Das ist mit Sicherheit ein Vorteil bei der Kontaktaufnahme. Aber es ist keine ausreichende Qualifikation. Da gibt es im Moment viele Selbstberufene in der Szene, ohne die zwingend notwendigen Fachkenntnisse wie ein sozialpädagogisches Studium oder Erfahrungen in der Jugendarbeit. Um erfolgreich in der Drogenprävention zu arbeiten, genügt es ja auch nicht, wenn ich vorher drogenabhängig war.

ZEIT: Auf den ersten Blick erscheint es allerdings nicht besonders einleuchtend, dass die Religion bei der Präventionsarbeit mit radikalen Islamisten keine Rolle spielen soll.

Kiefer: Es gibt Jugendliche, bei denen lässt sich Dschihadismus nicht als eine radikalisierte Form des Islams beschreiben – sondern da ist einer radikal und islamisiert sich quasi nachträglich. So gibt es in der salafistischen Szene ja auch ehemalige Rechtsradikale. Wir haben an den Unis Osnabrück und Bielefeld gerade die Chatprotokolle von radikalisierten salafistischen Jugendlichen analysiert, über 5.700 WhatsApp-Nachrichten, die aus den letzten drei Monaten vor einem Anschlagsversuch stammten. Darin zeigte sich, dass die Islamkenntnis der beteiligten zwölf jungen Männer überschaubar war: Manche hatten kaum religiöses Wissen, einer nicht einmal einen Koran. Da war kein ideologisches Rüstzeug zu erkennen, ihr "islamisches" Weltbild haben sie sich zusammengegoogelt.

ZEIT: Wenn Religion nachgeordnet ist, welche Rolle spielen dann die Moscheegemeinden?

Kiefer: Man darf ihnen keine große Bedeutung beimessen – weil sie die Jugendlichen vielerorts nicht erreichen.

ZEIT: Viele der Beratungsstellen haben ihren Sitz in Städten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Ist Radikalisierung ein Großstadtphänomen?

Kiefer: Nein, auch da muss nachgebessert werden. Junge Menschen radikalisieren sich natürlich auch in der Provinz. Wenn etwa in einem Flächenland wie Bayern eine Beratungsstelle in München den Anspruch hat, Jugendliche in ganz Bayern zu betreuen – wie soll das gelingen? Wie soll ein Betreuer aus München einen Jugendlichen in Würzburg begleiten? Es braucht doch einen engen, fast täglichen Kontakt. Dafür benötigt man Leute im jeweiligen Wohnviertel.

ZEIT: Wenn es nicht die Moscheen sind, welche Institutionen sind bei der Präventionsarbeit dann vor allem gefragt?

Kiefer: Die Schule. Dort müssen alle durch, gleich welcher Herkunft oder Religion. Deshalb müssen Lehrer entsprechend fortgebildet werden. Das Wichtigste in der Prävention ist die lebensweltliche Stabilisierung. Man muss den Jugendlichen helfen, mit ihrem Leben klarzukommen, in der Schule, in der Ausbildung, zu Hause. Eltern, Lehrer, Trainer, Jugendämter – sie alle müssen sich besser vernetzen. Die müssen miteinander reden. Nur so kann ein Frühwarnsystem entstehen. Auch die Ausreise der sogenannten Brigade Lohberg nach Syrien hätte so vielleicht verhindert werden können. Es ist logisch, dass derzeit angesichts der Anschläge der Fokus auf der Sicherheit liegt. Aber man darf nicht nur die Symptome bekämpfen. Prävention beginnt, bevor ein Jugendlicher abrutscht.