Von Alexander Kluge stammt die böse Formulierung vom "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit". Man kann sie so verstehen, dass unser Jetzt alles Vergangene entwertet und alles Zukünftige jedenfalls erschwert; man denke nur an zerstörerische Modernisierungsprozesse, die an die Wurzeln gehen, oder an folgenreiches Nichthandeln aufgrund kurzfristiger Interessen, Stichwort Klima. Die unendlichen Sondierungsgespräche zur Koalitionsbildung in Berlin zeigen, wie schwer es gerade ist, die Gegenwart in den Griff zu kriegen.

Parallel zu den politischen Bemühungen fand letzte Woche an sieben über die Hauptstadt verstreuten Spielstätten ein Festival statt, das zur Umkehrung des Klugeschen Gedankens anregt. Der Angriff der übrigen Zeit auf die Gegenwart. Das Jazzfest Berlin, ausgerichtet im 54. Jahr, nahm mit Werdendem und Gewesenem den Moment auf eine Art in die Zange, die das Publikum forderte und auch verwirrte.

Natürlich hat der Jazz die Geschichte seines Entstehens immer hochgehalten; unzählige Kompositionen sind in den hundert Jahren seit der ersten Jazzplattenaufnahme Mal um Mal gespielt worden, viele sind zu Standards geworden. Sie bilden einen Bezugsrahmen, in dem viele Hörer sich zu Hause fühlen.

Die Frage ist, wie sehr sich diese Tradition im Jetzt abbilden muss, wie aktuell das Alte sein kann. Der 35-jährige Trompeter Ambrose Akinmusire kam mit seinem kalifornischen Sextett und vier Liedern von Mattie Mae Thomas. Wenn man diese schwarze Sängerin nicht kennt, liegt das daran, dass sie nie aufgetreten ist, ja gar keine Musikerin war. Sie saß 1939 in der Parchman Farm ein, einem Frauengefängnis im US-Bundesstaat Mississippi, und sang in das Mikrofon eines Musikwissenschaftlers. Woher sie kam, was sie sich zuschulden kommen ließ, was aus ihr wurde – niemand weiß es. Nur die paar kratzigen Aufnahmen sind erhalten.

Black Lives Matter, natürlich. Aber Akinmusire überlässt seiner Heldin die Bühne nicht. Man hatte noch nie von ihr gehört, und man kann sie auch jetzt nicht hören. Stattdessen wird ihre Stimme gelegentlich eingeblendet, während das Sextett neue Kompositionen spielt. Als Geist schwebt Mattie Mae Thomas im Haus der Berliner Festspiele über den Köpfen des 2017er Publikums, und Dean Bowman, der einst als Mitglied der Screaming Headless Torsos – der "schreienden kopflosen Rümpfe" – Aufsehen erregte, singt dazu den Blues mit einer krächzenden Stimme, als habe er eine Schellackplatte verschluckt.

Der Auftritt zollt der unbekannten Frau Respekt und geht zugleich respektlos mit ihr um – über anderthalb Stunden, in denen die Zeit stillsteht und über weite Strecken leider auch die Dramaturgie. Hinterher mag man über Idee und Umsetzung diskutieren, währenddessen ist es recht langweilig. Hier zeigt sich eine Schwäche des Jazzfestes, die es mit anderen ambitionierten Festivals teilt: Auftragskompositionen, die Geschichte schreiben sollen, kranken oft daran, dass das Budget zum Vorbereiten und Proben dann doch nicht reicht. Vielleicht hatte Akinmusire mehr im Sinn, als es schließlich zu hören gab.

Möglicherweise gilt das auch für den Aufritt der Trondheim Voices. Sieben junge Norwegerinnen in schwarzen Kutten versammeln sich in der nachmittäglich dunklen Berliner Gedächtniskirche zu einem heidnischen Ritus unter einer Christusfigur und einem Kreuz. Sie schnalzen, blubbern, singen, heulen in ihre Mikrofone, verändern ihre Stimmen mit elektronischen Mitteln, und ein Toningenieur hinter einem leuchtenden Apfel lässt die Klänge über der Gemeinde rotieren, während von draußen vom Tauentzien ein Tatütata hereinfährt. Die einzigen blauen Noten im Raum sind die Eiermannschen Kirchenfenster.

Als gegen Ende die Stoßatmung einsetzt, der Kreischsaal zum Kreißsaal wird, leeren die Reihen sich merklich. Steht dieser archaische Angriff für den Jazz von morgen? "Feenstaub", zischt jemand beim Rausgehen, "Einhornkotze".

Der charmante Intendant des Festivals, der Brite Richard Williams, lobt Norwegens Verdienste um den Jazz, "vor allem angesichts der geringen Bevölkerungsdichte". Nicht erwähnt er den Überfluss an Öl und Gas, der es dem reichsten Land Europas ermöglicht, in großem Stil musikalischen Nachwuchs heranzuziehen, der sich dann in industrieferner Schären-Schwärmerei ergeht.

Dass Spiritualität – wie auch immer – ein Thema dieses Festivals werden würde, ließ sich schon an der Verdoppelung der Zahl der sakralen Spielstätten gegenüber dem Vorjahr erkennen. In der Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf feilt das Oktett von Amir ElSaffar bis eine Stunde vor der Aufführung an der Auftragskomposition, die westliche und östliche Musik unter einem christlichen Dach vereinen soll. Dem einfühlsamen Trompeter aus Chicago, Sohn einer Amerikanerin und eines Irakers, gelingt mit Hörnern, Klarinetten, Posaune und Schlagzeug tatsächlich etwas Neues: eine Verschmelzung statt bloßer Vermischung.

Blau leuchtet das Kirchenschiff, eine Lichtorgel wirft orientalische Farben hinter den Altar, und das Altsaxofon spricht Arabisch. Alles ist da, in der Partitur fein verteilt, der Posaunenchor, die Ruf-und-Antwort-Tradition des Blues, die Atmosphäre des Basars, das geräuschig Rätselhafte der Neuen Musik.

Auf dem Höhepunkt der guten Stunde stößt die mikrotonale Tuba nur noch einzelne Seufzer aus, von schmerzhaft langen Pausen unterbrochen. Absolute Stille im Saal. Dann singt Amir ElSaffar unbegleitet ein wortloses, melismensattes Lied, das er beim Studium im Irak gelernt hat. Babylon grüßt Berlin!

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