Die Recherche eines kleinen Vereins aus dem Münsterland brachte vor zwei Jahren Klimaschützer auf der ganzen Welt zum Jubeln. Die Umweltorganisation Urgewald hatte öffentlich gemacht, dass der norwegische Staatsfonds in vielen Ländern in Kohlefirmen investierte. Nach massiver Kritik beschloss das norwegische Parlament, ab 2016 kein Geld mehr an Unternehmen zu geben, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle verdienen. Mit knapp 800 Milliarden Euro gehört der Fonds zu den größten der Welt. Insgesamt wurden der Kohleindustrie danach rund vier Milliarden Euro abgezogen.

Kein anderer Rohstoff bläst bei der Verbrennung so viel CO₂ in die Luft wie Kohle. Auf der Klimakonferenz in Bonn diskutieren deshalb derzeit wieder die Vertreter der Vereinten Nationen darüber, wie man in Zukunft den Kohlestrom durch saubere Energie ersetzen kann. Auch in den Sondierungsgesprächen für die neue Bundesregierung ist der Kohleausstieg ein Streitthema. Doch welche Unternehmen überhaupt an dem Geschäft mit der Kohle beteiligt sind und welche Investitionen sie planen, das wusste keiner so genau. Bis jetzt.

Nach ihren Recherchen in Norwegen hat Urgewald zwei Jahre lang an einer Datenbank gearbeitet, die nun einen Überblick über das weltweite Kohlegeschäft geben soll. An diesem Donnerstag stellt die Organisation ihre Global Coal Exit List auf der UN-Klimakonferenz vor. Die ZEIT konnte die Datenbank einsehen. Das Ergebnis: Weltweit planen Kohlefirmen den Bau neuer Kraft- und Bergwerke. Wo Kraftwerke geschlossen werden, geht aus der Datenbank zwar nicht hervor. Doch sie zeigt, dass weltweit rund 1600 neu geplant oder erweitert werden sollen. Insgesamt sind 282 Unternehmen in 62 Ländern daran beteiligt. 225 wollen außerdem neue Kohleminen erschließen oder ausbauen.

Obwohl in der Europäischen Union der Bau neuer Kraftwerke zurückgeht, investieren laut der Datenbank auch europäische Kohlefirmen weiter ins alte Geschäft. Innerhalb der EU sind vor allem in Polen neue Kraftwerke geplant. Noch kräftiger expandieren europäische Firmen außerhalb der EU. Dort wollen 20 Firmen neue Kraftwerke oder Bergwerke bauen. Das britische Unternehmen Anglo-American plant zum Beispiel neue Minen in Südafrika, der französische Konzern Engie neue Kraftwerke in Chile, der Mongolei und Marokko.

Die Datenbank zeigt außerdem, dass auf dem Markt auch Firmen mitmischen, die traditionell nicht zur Kohleindustrie gezählt werden. Zum Beispiel der japanische Handelskonzern Marubeni, der in neun Ländern neue Kraftwerke plant und damit mittlerweile einer der wichtigsten Anlagenbauer ist.

Wo neue Kraftwerke gebaut werden

Quelle: CoalSwarm/Urgewalt e.V., Julia Kliemann © ZEIT-Grafik

Mit der Datenbank lässt sich auch zum ersten Mal die gesamte Lieferkette des Kohlehandels verfolgen. Man kann darin Firmen finden, die zwar nicht direkt an der Kohleproduktion oder -verbrennung beteiligt sind, sich aber ausschließlich auf Dienstleistungen für Kohleunternehmen spezialisiert haben, etwa auf die Verlegung von Gleisen zu Kohlehäfen. Über 200 solcher Kohledienstleister werden hier aufgelistet. Und: Dank der Datenbank bekommt man auch einen Einblick in die kreative Namensgebung mancher Kohleunternehmen. Die heißen oft so, dass man an alles denkt, nur nicht an fossile Brennstoffe: Africa China Sunlight Energy zum Beispiel, Pearl River Investment oder Silver Unicorn Trading.

Urgewald erhofft sich von der Datenbank einen ähnlichen Effekt wie damals in Norwegen. Auch weil mittlerweile viele Banken und Versicherungen mit einem grünen Image werben und gezielt kohlefreie Investments anbieten. Doch weil bislang kaum jemand wusste, welche Firmen am Kohlegeschäft beteiligt sind, war das schwer zu überprüfen. "Jetzt steigt der Druck auf Investoren, ihr Geld abzuziehen", sagt Moritz Schröder von Urgewald. "Und das ist wichtig, denn kein Kohlekraftwerk könnte gebaut werden ohne Versicherungen, Kredite und Investitionen."

Der Ökonom Manuel Frondel vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ist skeptischer. "Die Transparenz, die die Datenbank schafft, ist sehr sinnvoll", sagt er. "Ich bezweifle aber, dass in Indien und China deshalb weniger in Kohle investiert wird."

Doch auch wenn nicht alle Investoren ihr Geld abziehen, könnten die Informationen der Datenbank Folgen für die Kohleindustrie haben. Als der norwegische Staatsfonds damals beschloss, nicht mehr in Kohle zu investieren, löste das einen Dominoeffekt aus. Kurze Zeit später beschloss auch die deutsche Allianz-Versicherung, Kohlefirmen weniger zu fördern. Das brachte die Industrie noch einmal um Milliarden Euro.