Es herrschen milde Herbsttemperaturen bei der Königin von Saba, 28 Grad, der Wind wirbelt Sandsäulen auf, und Hamda Ahmed al-Wales ist aufgeregt. Eingehüllt in eine bodenlange Abaja, geht sie noch einmal ihre Notizen durch. Ausländer sind kaum mehr aufgetaucht, seit sich 2007 genau hier ein Al-Kaida-Attentäter in einer Gruppe spanischer Touristen in die Luft sprengte. Ausgerechnet jetzt, mitten im Krieg, stapft ein gutes Dutzend westlicher Journalisten zur Tempelanlage aus dem ersten Jahrtausend vor Christus.

"Dort stand der Thron der Königin von Saba", ruft die Archäologie-Dozentin, "und hier sehen Sie den Platz für Tieropfer." Sowie einige Graffiti aus jüngeren Zeiten. Ein gewisser Ali hat sich auf den Ruinen verewigt.

Dass es die sagenhafte Königin von Saba wirklich gegeben hat, ist nicht bewiesen, aber das darf man einer jemenitischen Patriotin wie Hamda al-Wales nicht sagen. Die Erinnerung an vergangene große Epochen hat etwas Tröstliches in diesen Zeiten. Al-Wales’ Heimatstadt Marib war einst das Zentrum eines blühenden Südarabiens, Knotenpunkt der Weihrauchstraße, reich an Nahrung dank eines meisterlich konstruierten Staudamms. Ihre Landsleute, findet sie, sollten sich ein Beispiel nehmen an den zivilisatorischen Leistungen der Vorfahren. "Dann stünde es besser um dieses Land."

Der Jemen hat in den vergangenen sechs Jahren eine Schussfahrt in die Katastrophe vollzogen. Was 2011 als hoffnungsvoller Aufstand gegen den Diktator Ali Abdullah Saleh begann, mündete zunächst in einen innerjemenitischen Konflikt zwischen alten Eliten, Stammesmilizen und Islamisten und dann in einen Stellvertreterkrieg. Die religiös dem Schiitentum zugehörige Rebellenbewegung der Huthi hatte 2014 zum Vormarsch auf das gesamte Land angesetzt, was Saudi-Arabien als iranisches Komplott im eigenen Hinterhof interpretierte und dazu bewog, im Frühjahr 2015 mit eigenen Kampfbombern, Bodentruppen arabischer Verbündeter und westlicher Unterstützung zu intervenieren. Es sollte ein Shock-and-Awe-Erfolg für den neuen starken Mann in Riad, Kronprinz Mohammed bin Salman, werden. Die Bilanz nach über zwei Jahren: mindestens 10.000 getötete Zivilisten, eine anhaltende Cholera-Epidemie sowie 19 Millionen Jemeniten, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, von der nicht genug eintrifft. Internationale Gelder sind knapp, die Kriegsparteien blockieren immer wieder Versorgungswege. Al-Kaida und der IS florieren, ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.

Doch mitten im Land hat sich die Provinz Marib als eine Insel der Stabilität entpuppt. Im Jemen ist das ein relativer Begriff. Die Stadt liegt nur eine Autostunde von der Front entfernt und in Reichweite von Raketen der Huthi-Rebellen. Das Geräusch amerikanischer Drohnen kennt man hier ebenfalls. Aber für Tausende Jemeniten aus anderen Regionen ist Marib der Ort, an dem man Arbeit findet, eine funktionierende Schule für die Kinder und volle Märkte.

Das hat maßgeblich mit Sultan bin Ali al-Aradah zu tun, einflussreicher Stammesführer und seit 2012 Gouverneur der Provinz. Al-Aradah ist entschiedener Gegner der Huthi. Ihren Angriff auf Marib wehrte er mit einer Koalition aus Stämmen, Armee-Einheiten und offenbar reichlich saudischer Waffenhilfe ab. Aber anders als Saudi-Arabien, das den jemenitischen Luftraum kontrolliert und internationalen Journalisten die Einreise so schwer wie möglich macht, möchte der Gouverneur seine Provinz nun endlich in der ausländischen Presse sehen. Und sich natürlich auch. Weswegen vergangene Woche kurz die Tür in dieses Land aufging – und sich wenige Tage später wieder genauso schnell schloss.

Al-Aradah, 59 Jahre alt, ist ein kräftiger Mann im weißen Langhemd, den obligatorischen Krummdolch im breiten Gürtel. Bei Essen, Kat und Tee präsentiert er seine Erfolgsbilanz: Krankenhäuser renoviert, neue Schulen eröffnet, die Universität erweitert, die Gehälter der Angestellten der staatlichen Ölfirma im rohstoffreichen Marib gesichert, Wohnungen für Binnenflüchtlinge gebaut. Außerdem hat er in Deutschland Kunstrasen für das neue Sportstadion bestellt, will 66.000 Bäume pflanzen und plant als Nächstes "einen Flughafen – für Inlandsflüge oder international. Das prüfen wir gerade." Und all das, so betont er immer wieder, mit viel zu geringem Budget bei gleichzeitig rasant wachsender Bevölkerung. 360.000 Menschen hätten 2015 in der Provinz gelebt, jetzt seien es mit den Vertriebenen drei Millionen.

Zu überprüfen sind solche Zahlen nicht. Und bei der Frage nach seinem Budget bleibt der Sultan vage. Klar ist: Al-Aradah ist ein Kriegsgewinnler, wenn auch nicht im üblichen Sinn des Wortes. Er hat Sicherheit hergestellt und so Handel, Rohstoffgeschäfte und Schmuggel aller Art ermöglicht. Seit der Zentralstaat zerfällt, haben lokale Machthaber wie er mehr Zugriff auf Einnahmequellen.