Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Liebe Hanna, entweder wir beide haben bisher einfach Glück gehabt oder Deine These mit dem biblischen Menschenbild als wirksamem Schutz vor sexueller Belästigung trifft ins Schwarze. Ich kann mich auf Anhieb auch an keine Anzüglichkeit erinnern, die ich im kirchlichen Kontext erleiden musste. Ganz im Gegenteil – ich kann Dir sogar von Priesteramtskandidaten erzählen, mit denen ich studierte und die mich im Vertrauen fragten, wo eigentlich die Grenze zwischen einem Kompliment und einer Zweideutigkeit verläuft.

Mich hat diese Sensibilität sehr gefreut, auch wenn es schwierig war, eine universal gültige Antwort zu finden. Doch wenn man die vielen Einträge unter #metoo so liest, geht es ja meistens um viel mehr als ein schiefgegangenes Kompliment. Da erlebe ich die Kirche tatsächlich auch als Schutzraum. Für mich hat das auch mit der grundsätzlichen Wertschätzung des Gegenübers zu tun, die ich übrigens auch im ökumenischen Miteinander erlebe. Kann es nicht sein, dass hier auch die gemeinschaftsstiftenden Kirchenbilder wirken, wie zum Beispiel, wenn Paulus vom Leib mit den vielen Gliedern spricht?

Doch über #metoo hinaus gedacht ist struktureller Sexismus in der katholischen Kirche dann doch ein großes Thema, wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts ausgegrenzt oder nicht ernst genommen werden. Das ist mir auch schon passiert. Ich erzähle immer wieder davon, weil ich ahne, dass es anderen immer noch so ergeht.

In meiner Kindheit wollte ich unbedingt Ministrantin werden und durfte es nicht, weil ich ein Mädchen war. Ich habe das nicht verstanden, war traurig und hilflos, weil ich daran nichts ändern konnte und mich so gern einbringen wollte. Kinder verstehen noch nicht viel von Geschlecht, schon gar nicht, warum sie deshalb vermeintlich schlechtergestellt sein sollten als der andere. Später im Studium habe ich mein Frausein nicht mehr als Begrenzung erfahren und wurde sogar gefördert. Ich dachte, ich hätte meinen Frieden gefunden. Doch als ich Jahre später bei einem Heimatbesuch das erste Mal Ministrantinnen mit langen Zöpfen durch den Mittelgang meiner Kirche einziehen sah, schossen mir die Tränen in die Augen. Dass mich das immer noch so bewegt, hat mich überrascht.

Seither weiß ich: Wenn man wegen seines Geschlechts ausgegrenzt wird, trifft einen das existenziell. Ganz egal, um was es geht. Das vergisst man nie. Beim Thema Geschlechtergerechtigkeit bin ich seither sensibel geblieben. Ich reagiere empfindlich, wenn bei einem kirchlichen Event ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass nach dem Essen die Männer weiterdiskutieren und die Frauen spülen. Unter diesen Vorzeichen gäbe es sicher ein paar mehr kirchliche Einträge zu #metoo, meinst Du nicht auch?

Herzlich grüßt Dich zurück

Deine Alina