Ein politisches Erdbeben erschütterte am vergangenen Wochenende das Königreich Saudi-Arabien: Erst wurden mindestens elf Prinzen und 38 der einflussreichsten Geschäftsleute verhaftet und einige von ihnen im pompösen Hotel Ritz-Carlton in Riad eingesperrt. Dann erklärte Libanons Premierminister Saad al-Hariri, ein Verbündeter der Saudis, in Riad seinen Rücktritt und wetterte gegen Saudi-Arabiens Erzrivalen Iran. Schließlich fing die saudische Armee nahe dem Flughafen eine feindliche Rakete ab, abgefeuert wohl von Huthi-Rebellen im benachbarten Jemen. Daraufhin machte Saudi-Arabien die Grenzen dicht und verkündete, man betrachte den Zwischenfall als einen Kriegsakt und dessen Drahtzieher säßen im Iran. Dass wenig später ein weiterer saudischer Prinz unter ominösen Umständen mit dem Hubschrauber abstürzte, ist nur noch eine Randnotiz – wenn auch wohl kein Zufall.

Die Vorwürfe gegen den Iran heizen zwar den Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten weiter an, sie sind gefährlich, neu aber nicht. Neu dagegen ist die Erschütterung des Königreichs selbst: Im Ritz-Carlton werden nun einige der mächtigsten Männer des Landes festgehalten, darunter ehemalige Minister und mit Al-Walid bin Talal einer der reichsten Unternehmer der Welt (er ist, nebenbei bemerkt, auch ein wichtiger Investor bei Twitter und Apple). Der Haftbefehl kam direkt aus dem Königshaus, das blumig verlauten ließ, man greife durch gegen "schwache Seelen", die "illegal Gelder angehäuft" hätten. Tatsächlich ist die Säuberung weniger ein Schlag gegen Korruption als ein Mittel zur Machtfestigung.

Im Zentrum der Operation steht Kronprinz Mohammed bin Salman, Sohn von König Salman und der eigentlich starke Mann im Staat. Mohammed ist gerade einmal 32 Jahre alt und erst seit fünf Monaten Kronprinz. Er gilt als radikaler Erneuerer. Jetzt hat er seine ärgsten Widersacher aus dem Verkehr gezogen.

Die naheliegende Lesart lautet darum: Der junge Kronprinz wird bald König, sein Land ist folglich auf Reformkurs. In Wahrheit jedoch schlägt Mohammed bin Salman wild um sich, um seine eigene Schwäche zu verdecken – und hofft darauf, dass niemand zurückschlägt. Denn zum einen kann der Kronprinz nicht sicher sein, dass ihn das Königshaus als Thronfolger akzeptieren wird. Zum anderen ist Saudi-Arabien unter ihm noch tiefer in jene Krise gerutscht, die er zu lösen versprochen hat.

Diese Krise ist existenziell, denn dem Land brechen gleichzeitig seine zwei tragenden Säulen weg. Die erste: Das Öl geht zur Neige, das bislang rund 90 Prozent des Staatshaushalts finanziert haben dürfte, außerdem ist der Ölpreis im Keller, was das Haushaltsloch vergrößert. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung, zwei Drittel der Saudis sind jünger als 30 Jahre. Die zweite Säule: Amerika, Fixpunkt aller saudischen Politik, fällt in der Region als Ordnungsmacht aus. Und der schiitische Iran, mächtigster Gegenspieler des sunnitischen Saudi-Arabien, ist stark wie nie.

Der Kronprinz hat die Krise zur großen Chance erklärt und daraus bislang politisches Kapital gezogen. Nachdem ihn sein Vater vor zwei Jahren in die Regierung geholt hatte, versprach Mohammed, Saudi-Arabien wirtschaftlich zu öffnen und die Gesellschaft zu modernisieren. Er überschlägt sich geradezu mit spektakulären Ankündigungen: Er will den staatlichen Ölkonzern Aramco an die Börse bringen und mithilfe ausländischer Investitionen neue Wirtschaftszweige fördern. "Vision 2030" nennt Mohammed sein Reformprogramm und gibt damit auch das Tempo vor: alles neu in weniger als 15 Jahren.

Zugleich treibt er als Verteidigungsminister die aggressive Politik gegen den Iran voran, führt sein Land in den Jemenkrieg und isoliert den Nachbarn Katar, weil der zu sehr mit Teheran flirte. Die Devise des Kronprinzen: Dank seiner erwächst Saudi-Arabien zu neuer Stärke.

Mohammed bin Salman mag vielleicht ein radikaler Reformer sein, progressiv aber ist er nicht. Er will vor allem das Überleben der Monarchie sichern. Und ist bereit, dafür mit ihren Traditionen zu brechen. Seit je funktioniert die Macht im Königreich nach dem Konsensprinzip: Theoretisch verfügt der König über absolute Macht, doch in der Praxis waren die verschiedenen Clans der Königsfamilie stets an der Macht beteiligt.