Vor 100 Jahren brach die Russische Revolution aus, ihr Führer Lenin starb 1924, sieben Jahre später. Doch Wladimir Iljitsch lebt. Täglich drängen die Landsleute in das Mausoleum, das Putin 2011 mit Unsummen aufgehübscht hat – einen Tempel für den heiligen Lenin. Im Westen beten sie ihn nicht an, aber immer noch unterscheiden viele zwischen dem Gründervater und seinem Nachfolger: Lenin wollte das Beste, Stalin war das Böse schlechthin, der Mörder einer guten Idee, obwohl die Zehnermillionen von Toten gefordert hat.

Ein schönes Bild, leider ein falsches. Stalin machte bloß weiter, wo sein Vorbild aufhörte. Der große Marxismus-Kenner Leszek Kołakowski urteilt: Lenin hat "das Fundament für die Ein-Mann-Tyrannei gelegt". Auf dem Komintern-Kongress 1921 donnerte Lenin: "Wir versprechen weder Freiheit noch Demokratie!" Sein Adlatus Leo Trotzki zelebrierte 1920 in Terror und Kommunismus die revolutionäre Blutrunst: Wir kümmern uns "nie mit kantischem Pfaffengerede und vegetarischem Quäkergeschwätz über die Heiligkeit des menschlichen Lebens"; es regieren "Eisen und Blut".

Wie, das zeigte ein Jahr später der friedliche Protest der Matrosen in Kronstadt, die freie Wahlen und Gewerkschaften sowie die Abschaffung der Geheimpolizei Tscheka wollten. "Sie dürfen keine Gnade erwarten", rief Lenin. Mit 20.000 Mann ging Trotzki auf die Streikenden los. Das infernalische Blutbad markierte das Ende aller Illusionen, wonach Lenin irgendeine Opposition tolerieren würde.

In der neuen Biografie Lenin: The Man, the Dictator and the Master of Terror schreibt der Sowjetexperte Victor Sebestyen: "Die Terrorherrschaft begann in den ersten Stunden." Ab dem zweiten Tag wurde die Presse zensiert, am 7. Dezember 1917 die Tscheka etabliert, um "Konterrevolutionäre" zu liquidieren. Es tobte die "Revolutionsjustiz". Denn: "Uns ist alles erlaubt", verfügte Lenin. Es gebe nur eine Wahrheit: "Was meinem Feind nützt, schädigt mich – und umgekehrt." Der Sieg fordere "den grausamsten revolutionären Terror". Auch Gulag und Einparteienstaat hat Lenin, nicht Stalin erfunden, der sich als dessen Schüler brüstete. Lenin hatte nur sieben Jahre Zeit, Stalin 36 für den Massenmord am eigenen Volk.

Die Gewaltorgie war im System, nicht in der Person angelegt. In Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (einem fiktiven Straflager) sah Dostojewski das Grauen voraus. "Tyrannei wird zur Gewohnheit, schließlich zur Krankheit. Blut und Macht steigern sich zum Rausch." Das ist die perfekte Beschreibung der Leninschen Horrorherrschaft, die keine Nachhilfe von Stalin brauchte. Die weltliche Heilslehre des Kommunismus hat Lenin ebenfalls ganz allein erfunden.

Der Kern des Katechismus: Wenn du an mich glaubst, kommst du ins Paradies, und zwar nicht im Jenseits, sondern hier auf Erden. Glaubst du nicht, bringen wir dich um. Dich und Abermillionen, wo immer die rote Religion rund um die Welt triumphierte. Das Sowjetimperium implodierte 1994. Doch Lenin lebt fort in den Köpfen der russischen Gläubigen, weshalb Putin der Leiche einen neuen Tempel gestiftet hat. Er braucht den Bolschewismus nicht, aber doch den Erfinder, der Putins Alleinherrschaft legitimiert und Russlands nationalistisches Sendungsbewusstsein symbolisiert. Lenin ist tot, der Leninismus lebt.