Adalbert Nowotny stammte aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk. Am 14. Mai 1918 befand er sich am Bahnhof von Tscheljabinsk östlich des Ural. Hier waren Züge mit unterschiedlichem Reiseziel eingetroffen. In den einen saßen Passagiere, die nach Westen, in ihre Heimat wollten. Andre sollten ihre Insassen nach Osten transportieren, über Sibirien wollten die Männer um die halbe Welt nach Frankreich gelangen. Dort beabsichtigten sie, gegen ihr altes Vaterland zu kämpfen. Gemeinsam war ihnen: Sie alle stammten aus der Armee der Donaumonarchie.

Nun aber, mitten im jungen Sowjetreich, betrachteten sie sich als erbitterte Feinde: Kriegsgefangene auf der Heimreise, Angehörige der Tschechoslowakischen Legion auf dem Weg in den Krieg. Die Streitigkeiten der verfeindeten Habsburger Untertanen mündeten in einem Ausbruch blutiger Gewalt. Der Wiener Nowotny war vor Ort, als der Tscheche František Duchaček niedergeschlagen wurde, woraufhin dessen Angreifer "mit Messern, Stöcken, Knüppeln und Bajonetten bearbeitet" wurde, bis nur mehr eine "breiige Masse" von ihm übrig war. Vergeblich versuchten die lokalen Machthaber einzuschreiten. Die Lage eskalierte. Was mit einem Wortgefecht begann, endete in Konflikten, die ein Reich in Brand setzten. Wie aber konnte es dazu kommen?

Die Russische Revolution stellte sich als Systemzusammenbruch gigantischen Ausmaßes dar. Binnen weniger Monate wurde vor 100 Jahren das Imperium der Romanow-Dynastie regelrecht pulverisiert. Die Atomisierung einer Großmacht macht erst begreifbar, wie es einer letztlich verschwindenden Minderheit, maximal einigen Zehntausend Gefolgsleuten der Bolschewiki, gelang, zum zentralen Faktor in der Entwicklung eines Landes mit rund 130 Millionen Einwohnern zu werden. Wie, so die Frage vieler Zeitgenossen, sollte es einem Häufchen linksradikaler, auf westliche Industrialisierung hin orientierter Marxisten gelingen, den von Zentrifugalkräften erschütterten Agrarstaat unter ihre Kontrolle zu bringen?

Die Bolschewiki, die sich bald nach dem Roten Oktober Kommunisten nannten, regierten von Anfang an mit Gewalt, doch in der chaotischen Phase nach dem Umsturz musste sich ein effektives staatliches Verwaltungs- und Repressionssystem erst ausbilden. Lenin und seine Gefolgschaft wussten um die Gefahr, jederzeit gestürzt werden zu können. Deshalb war eine Atempause im Konflikt mit den "Imperialisten", also das Ende der Kämpfe mit den Mittelmächten – allen voran Deutschland und Österreich-Ungarn – von zentraler Bedeutung. Die Reiche der Hohenzollern und der Habsburger wurden vor diesem Hintergrund zu den wichtigsten ausländischen Einflussfaktoren, die Millionen Kriegsgefangenen der k. u. k. Armee gerieten in den Strudel der Ereignisse. Ein beträchtlicher Teil von ihnen fand sich auf beiden Seiten wieder – in den Reihen der roten Revolutionäre und an der Seite jener unterschiedlichen Kräfte, die sie wieder von der Macht vertreiben wollten.

Im Rahmen der am 22. Dezember 1917 in Brest-Litowsk begonnenen Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und Räterussland wurde sehr schnell klar, dass die Kluft zwischen den Gesprächspartnern nicht größer hätte sein können. Die Spannungen erreichten ihren Höhepunkt, als es zum Konflikt zwischen Petrograd und Kiew kam. Bedroht vom Oktoberregime und dessen lokalem Anhang, erklärte sich die Ukraine im Jänner 1918 für unabhängig und suchte das Bündnis mit den Mittelmächten. Während die Friedensverhandlungen unterbrochen waren, setzten sich deutsche und österreichisch-ungarische Truppen in der zweiten Februarhälfte in Bewegung und marschierten bis Anfang Mai 1918 weit nach Osten, in die Ukraine, nach Rostow am Don, auf die Krim und später auch noch in den Kaukasus.

Die Entente-Staaten nutzten Rivalitäten unter den Kriegsgefangenen

Unterdessen, exakt am 3. März, wurde mit der militärisch unter Druck gesetzten Sowjetregierung der Brester Frieden geschlossen, bei dem Russland enorme Bevölkerungs- und Gebietsverluste hinnehmen musste. Berlin und Wien betrachteten daraufhin die "befreundete" Ukraine fast ausschließlich als Requirierungszone für Rohstoffe und Lebensmittel. Als sich die Rada, die Kiewer Führung, weder willens noch fähig erwies, diesen Wünschen zu entsprechen, entschieden sich Deutsche und Österreicher, die Souveränität des neuen Staates zu missachten und ein willfähriges Regime, das Hetmanat des früheren zaristischen Generals Pawlo Skoropadskyj, einzusetzen. Parallel dazu gerieten Deutsche und Österreicher, die hemmungslos die Nahrungsreserven der Bevölkerung beschlagnahmten, in einen Guerilla- und Bauernkrieg, den unter anderem Kaiser Karl selbst mit dem Befehl zu rücksichtslosem Vorgehen verschärfte.

Zu dieser bedeutendsten militärisch-politischen Intervention auf dem Territorium des untergegangenen Romanow-Imperiums trat nun noch ein spezifisch österreichisch-ungarisches Phänomen.

Die rund zwei Millionen Angehörigen der Habsburgerarmee, die in russische Gefangenschaft geraten waren, erlebten die Revolution vor allem auch als verschärfte Ideologisierungs- und Ethnisierungsphase. Aus den Reihen der Kriegsgefangenen schlossen sich speziell 1917 rund 40.000 Mann der Tschechoslowakischen Freiwilligenlegion an, während nach und nach eine vergleichbar große Zahl von überwiegend ungarischen und deutsch-österreichischen Soldaten als "Internationalisten" den prosowjetischen Verbänden und der gerade entstehenden Roten Armee beitraten. In beiden Fällen spielten Versorgungsfragen wohl eine ebenso große Rolle wie weltanschauliche Überzeugungen. Wichtiger aber als diese Tatsache war ein anderer Faktor. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk gerieten die miteinander rivalisierenden Gruppen unter den Kriegsgefangenen verstärkt in das Kalkül der gegen die Mittelmächte kämpfenden Entente-Staaten.

Auslöser war die Eskalation des Streites unter den Völkern der Donaumonarchie auf dem Boden des untergegangenen Romanow-Imperiums: Nach dem Brester Vertrag drängten viele Kriegsgefangene auf ihre Repatriierung nach Österreich-Ungarn, während die formell unter französischem Kommando stehenden Legionäre oder Druschinen um den "halben Erdkreis" – via Wladiwostok, Pazifik und Atlantik – an die Westfront in Marsch gesetzt werden sollten, um dort gegen die Mittelmächte zu kämpfen. Auf den Bahnhöfen begegneten einander beide Kontingente aus der Donaumonarchie. Sie warben einerseits für die Sache der "nationalen Befreiung" vom "habsburgischen Joch". Die "kaisertreuen Heimkehrer" beschimpften andererseits die "Druschinisten" als "Verräter" und Fahnenflüchtige, denen im Falle ihrer Ergreifung durch die k. u. k. Armee die Hinrichtung drohte.