Gesine Schwan

"Die psychische Dimension der Vereinigung ist nie hinreichend bedacht worden. Die Wertschätzung, die Anerkennung für das, was die Ostdeutschen nach 1990 geleistet haben, ist nie groß genug gewesen. Dass es bis heute viel zu wenige ostdeutsche Führungskräfte gibt, geht damit einher. Mir geht es bei einer Ostquote wie bei der Frauenquote: Ich war früher immer dagegen, aber heute bin ich dafür. Auswahlverfahren für Leitungsjobs haben so viele informelle, irrationale Komponenten. Es geht darin um gemeinsame Sprachcodes, um Netzwerke und Leute, die man gemeinsam kennt. Pierre Bourdieu hat gesagt: Schon die Art, wie einer beim Vorstellungsgespräch auftritt, kann deutlich machen, das ist keiner von uns. Wer Menschen für Führungspositionen aussucht, hat ein Interesse an Homogenität. Das andere findet man beunruhigend, weil es einen selbst infrage stellt. Deshalb gilt: Ich bin heute, 27 Jahre nach der Einheit, für eine Ostquote. Die Ostdeutschen sind jetzt reif für Führungspositionen, und es wird Zeit, dass die Westdeutschen gezwungen werden, die Ostdeutschen in Verantwortung kommen zu lassen."

Gesine Schwan, 1943 geboren, war von 1999 bis 2008 Präsidentin der Europa-Uni Viadrina Frankfurt/Oder und zweimalige Bundespräsidenten-Kandidatin der SPD.

Robert Thalheim

"Warum eigentlich nicht? Wenn beispielsweise nur 13 Prozent der Richter in den obersten Gerichten der neuen Länder auch selbst aus dem Osten kommen, wirft das doch wirklich ein anderes Licht auf die Frage, warum sich viele Ostdeutsche in unserem politischen System nicht repräsentiert fühlen. Eine Quote kann nur aufrütteln und Fragen aufwerfen. Beispielsweise, was die Generation betrifft, die jetzt mit 40 Jahren in diese Positionen vorrücken müsste? Die haben ja viel länger in der Bundesrepublik gelebt als im Osten, es aber anscheinend nicht in die Eliten ihres Landes geschafft. Was ist im Übergang von der Schule zum Studium, vom Studium ins Berufsleben anders verlaufen? Es kann nicht die Verteilung der Intelligenz und der Fähigkeiten sein, sondern es hängt natürlich mit Netzwerken zusammen, mit Förderung und mit entsprechenden Anregungen, ganz allgemein mit der Durchlässigkeit der Gesellschaft. Warum kann man nicht teilhaben, wenn man nicht ohnehin dazu gehört? Und was sagt das wiederum darüber aus, wer es überhaupt schafft in diese Eliten? Eins ist sicher, es liegt nicht daran, dass diese Plätze 'dort oben' besetzt wären durch Menschen, die ursprünglich aus bildungsfernen Milieus kommen, in sozial benachteiligten Familien aufgewachsen sind oder einen Migrationshintergrund haben."

Robert Thalheim, 1974 in Berlin geboren, ist Film- und Theaterregisseur ("Kundschafter des Friedens").

Jana Hensel

"Einmal, das ist schon ein paar Jahre her, saß ich nachts mit einem leitenden Redakteur einer großen Tageszeitung in einer Hotelbar. Die Stimmung war gut, wir plauderten nett, zuvor hatte eine Preisverleihung stattgefunden, ich hatte einen Preis gewonnen. Wahrscheinlich erinnere ich mich deshalb so gut an das Gespräch. Und plötzlich sagte der Mann zu mir, noch immer freundlich, gar nicht provozierend, sondern eher so, als handele es sich um die normalste Sache der Welt: Er fände es nicht wichtig, ostdeutsche Redakteure in seiner Zeitung zu haben. Migrantische Stimmen bräuchte es, aber ostdeutsche, nein, die nicht.

Schaut man sich die Präsenz von Menschen mit ostdeutschem Migrationshintergrund in der sogenannten Bewusstseinsindustrie an, kann man sagen, der Mann vertrat mit dieser Meinung den absoluten Mainstream. Ich kenne eigentlich kaum Zeitungen, Buchverlage oder Radiosender, in denen es für wichtig erachtet wird, auf eine Durchmischung der Mitarbeiter zu achten. Ostdeutsche, Migranten, Frauen. Einen überregionalen ostdeutschen Diskursraum hat es deshalb seit dem Mauerfall nicht gegeben, allenfalls Einzelkämpfer. Viele von ihnen erzählen unschöne Geschichten, sie leiden unter ihrer marginalen Position, sind abhängig von der Toleranz der Kollegen. Mal zeigen die sich tolerant, mal nicht. Es bleibt ein ständiges, weil strukturelles Machtgefälle. Leichter haben es da jene Ostdeutsche, die sich als solche lieber nicht zu erkennen geben. Ich kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen.

Eine Quotenregelung für die Bewusstseinsindustrie wird es nie geben, kein Staat kann den privaten Unternehmen diese vorschreiben. Aber wir sind ja hier unter uns und dürfen kurz einmal träumen: Dieses, unser Land sähe anders aus, wenn die verschiedenen Teile der Gesellschaft mit einer entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung garantierten Präsenz ausgestattet wären. Es wäre ein besseres Land, eine Heimat für viele. Denn Präsenz heißt Macht. So funktioniert die Demokratie. Und wer nicht reden darf, fängt irgendwann an zu brüllen."

Jana Hensel, 1976 geboren, wuchs in Leipzig auf. Zuletzt erschien ihr Roman "Keinland".

Manuela Schwesig

"Wir brauchen mehr Ostdeutsche in Führungspositionen. Das gilt nicht nur für die Bundesregierung, die öffentlichen Verwaltungen oder die Parteien, sondern auch in der Wirtschaft oder an der Spitze großer gesellschaftlicher Organisationen. Es ist kein gutes Zeichen, dass 27 Jahre nach der deutschen Einheit die frühere innerdeutsche Grenze bei der Besetzung von Spitzenämtern noch immer sichtbar ist.

Beim Stichwort 'Quote' bin ich skeptisch. Klar ist aber: Wir brauchen eine gezieltere Förderung ostdeutscher Nachwuchskräfte. In den ostdeutschen Ländern übernimmt jetzt eine neue Generation Verantwortung. Wir haben unsere Kindheit noch in der DDR verbracht, in unserer Jugend die friedliche Revolution von 1989 miterlebt und sind unter den schwierigen Bedingungen der Jahre nach der deutschen Einheit ins Erwachsenenleben gestartet. Wir mussten früh unsere eigenen Entscheidungen treffen. Mit diesen Erfahrungen blicken wir mit Selbstbewusstsein und Optimismus in die Zukunft. Ich bin sicher: Wir haben etwas einzubringen ins vereinte Deutschland."

Manuela Schwesig, 1974 in Frankfurt/Oder geboren, ist SPD-Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende.