Sie trägt eine feine Narbe im Gesicht. Die sieht man nicht sofort. Doch Sissi Kullik weiß, dass sie da ist und warum. Es war der Sturz vor vier Jahren, als sie stolperte und mit dem Gesicht voran auf die Treppenstufen fiel. Am meisten erschrak sie darüber, dass ihre Hände sie nicht abfingen. Dass es keinen Halt gab. Es war, als ziehe der Kopf sie nach vorne und der Rest des Körpers folge haltlos. "Ich bin im Leben schon oft hingefallen", sagt Sissi Kullik. Aber das war anders. Ihr Körper versuchte nicht einmal, sich abzustützen. Heute weiß sie: Das war bereits Parkinson.

Die Krankheit verändert Menschen schleichend und lange im Verborgenen. "Ich hatte Rückenschmerzen, und manchmal war mir schwindelig", erinnert sich die 85-Jährige. Beunruhigt war sie deshalb nicht. Wer denkt bei Rückenschmerzen schon an Parkinson? "Ich bin nie ernsthaft krank gewesen. Ich war sicher: Das wird schon wieder." Doch die Gleichgewichtsstörungen wurden schlimmer. Sissi Kullik fühlte sich seltsam steif. Sie stürzte häufiger. Zurück blieben blaue Flecken, die Narbe über dem linken Auge und ein Gefühl von Bedürftigkeit.

Parkinson ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Bei den betroffenen Menschen sterben Gehirnzellen ab, die den Botenstoff Dopamin produzieren. Durch den Mangel an Dopamin wird die Reizweitergabe zwischen Gehirn und Muskeln gestört. Die Patienten verlieren zunehmend die Kontrolle über ihre Motorik, in Fingern, Gesicht und Beinen, dann in immer mehr Muskelpartien. Viele gehen zunächst jahrelang mit ihren Beschwerden zum Orthopäden, ohne dass die Krankheit erkannt wird. Und wenn die Diagnose dann gestellt wird, hat sich der Körper oft schon merklich verändert.

Seit drei Jahren kennt Sissi Kullik ihre Diagnose. Sie kämpft gegen das unaufhörliche Fortschreiten der Krankheit und gegen die Angst vor dem nächsten Fall. Es gibt ein Mittel gegen die Angst.

Sissi Kullik hat dieses Mittel hoch im Norden gefunden, in einem Therapieraum der Schön Klinik Neustadt in Holstein. Wichtigstes Utensil: ein CD-Spieler. Aus dem schallt Musik, zum Beispiel das Lied Tanze mit mir in den Morgen von 1961. Und was dann geschieht, kann Kullik selbst kaum fassen.

Wenn Frau Kullik tanzt, weicht die Unsicherheit. Wenn sie tanzt, fühlt sie sich frei und locker. Sie spürt den Rhythmus der Musik, und die Bewegungen kommen wie von allein. Es ist, als löse sich etwas in ihr, als werde der steife Muskelpanzer, der sie umklammert, in Stücke gesprengt. "Ich tanze all das Verklemmte aus mir heraus", sagt sie.

Als Frau Kullik in die stationäre Behandlung kam, waren ihre Glieder wie erstarrt. Sie war zu Hause zunehmend isoliert gewesen. Sie war allein. Sie machte ihre Übungen zu unregelmäßig. Die Therapeuten in der Schön Klinik schlugen ihr vor, an einer Tanzstunde teilzunehmen, einer Tanzstunde für Menschen wie sie, mit Parkinson. Erstaunt war sie schon, aber gleich einverstanden.

Parkinsonpatienten bekommen Medikamente, die dem Dopaminmangel entgegenwirken und so die Beweglichkeit verbessern. Neben den Arzneien bedarf es aber unbedingt aktivierender Therapien, sie haben entscheidenden Einfluss darauf, wie stark die Krankheit das Leben beeinträchtigt. "Für Parkinsonpatienten ist regelmäßige körperliche Aktivität von zentraler Bedeutung", sagt Uwe Jahnke, Chefarzt der Neurologie an der Schön Klinik Neustadt in Holstein. "Ständiges Sitzen und Inaktivität kann die Prognose deutlich verschlechtern." Sich aufzuraffen ist nicht immer so einfach, denn das Leiden verändert nicht nur die Motorik, es kann auch schwermütig und antriebsschwach machen.

Sissi Kullik weiß das. Aber manchmal fällt es ihr schwer, sich von der Krankheit nicht fertigmachen zu lassen: "Parkinson begleitet jeden meiner Schritte", sagt sie. Ihr Mann ist vor elf Jahren gestorben. Ihre Kinder leben weit weg. Irgendwann wird sie Hilfe brauchen, denkt sie. Wie lange macht ihr Körper noch mit? Doch diese sorgenvollen Fragen schiebt sie jetzt einmal beiseite. Jetzt tanzt sie.

Der Tango scheint besonders geeignet

Zur Tanztherapie in Neustadt kommen die Patienten an Krücken, mit Stöcken oder Rollator. Aber tanzen tun sie alle. Nicht so, wie sie es in der Tanzstunde gelernt haben. Sie stampfen zum Sambarhythmus, wiegen sich zu Tangoklängen oder lassen bunte Kreppbänder im Walzertakt flattern. Mit raumgreifenden Bewegungen – sie sollen Weite gewinnen. Parkinsonpatienten machen sonst kleine Schritte, um nicht zu stürzen. Sie können nicht so einfach das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagern und beim Gehen mit den Armen schwingen. Dadurch verlieren sie leicht das Gleichgewicht.

Dass Tanzen da helfen kann, haben Experten beim diesjährigen Welt-Parkinson-Tag der Deutschen Parkinson-Gesellschaft jüngst wieder betont. In Deutschland gibt es noch nicht viele Angebote dieser Art, aber es werden mehr. Forscher untersuchen derzeit in zahlreichen klinischen Studien, wie Tai-Chi, Karate und eben auch Tanzen auf Körper und Geist von Parkinsonpatienten wirken. Die amerikanischen Neurowissenschaftler Madeleine Hackney und Gammon Earhart etwa haben in einer Studie herausgefunden, dass Tangotanzen den Gang und die Balance signifikant verbessert. Sie teilten Patienten gleichen Alters und in einem ähnlichen Stadium der Krankheit nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Während die einen 20-mal je eine Stunde Tango tanzten, machten die anderen Übungen zur Stärkung von Muskeln und Flexibilität. Die Teilnehmer beider Gruppen konnten sich hinterher deutlich besser bewegen. Aber den Tangotänzern fiel es leichter, das Gleichgewicht zu halten und bestimmte Bewegungsabfolgen zu absolvieren.

Der argentinische Tango scheint besonders geeignet. "In diesen Rhythmen gibt es immer wieder Brüche, die Patienten müssen ständig lernen, ihre Bewegung neu anzusetzen", sagt Sabine Koch, Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. So können sie üben, aus der Muskelstarre loszukommen. Auch die Bewegung mit einem Partner hilft: Da der Führende improvisiert, müssen sich die Tänzer aufeinander konzentrieren, um zu spüren, was der andere tut. Was den Betroffenen sonst Angst macht, lange Schritte, Rückwärtslaufen oder Drehungen – beim Tango üben sie all das automatisch. Die Wissenschaftler wollen auch die psychologische Wirkung untersuchen. Immer wieder berichten Patienten, dass sich die Tanzbewegungen ästhetisch anfühlen. "Möglicherweise verbessert sich die Gesundheit auch, weil sich die Patienten im Tanz schön fühlen", sagt Koch.

Der Neurologe Uwe Jahnke aus Neustadt ist immer wieder erstaunt, dass sogar Patienten, die nicht gern tanzen, beweglicher werden und guter Stimmung sind. Er vermutet, dass die Bewegungsmuster des Tanzens in Gehirnregionen abgespeichert wurden, denen die Krankheit weniger anhaben kann: "Dies könnte eine Erklärung sein, warum es Parkinsonpatienten beim Tanzen leichterfällt, sich mit großen Schritten zu bewegen."

Frau Kullik jedenfalls ist begeistert: "Alle machen mit, lachen und sind locker, das ist großartig." Dabei fordert sie der Wiegeschritt, die leichte Gewichtsverlagerung von einem auf den anderen Fuß, ganz schön heraus. "Das ist genau das, was ich üben muss, um ein sicheres Gefühl auf den Füßen zu bekommen." Sie versucht es schnell und langsam, geht vor und zurück, dreht sich und freut sich über ihre Lebendigkeit. Früher hat sie Rock ’n’ Roll, Cha-Cha-Cha und Boogie-Woogie getanzt. Die Musik, sagt sie, habe schon immer ihre Stimmung verändert. Wenn sie nun zu Hause einsam ist oder traurig, tanzt sie zu zwei Stücken und vergisst die Angst ein wenig.

Nach der Tanzstunde in der Klinik in Neustadt bleibt oft Leichtigkeit zurück – und noch etwas anderes. Wenn die Musik verklungen ist und die Patienten den Saal verlassen haben, stehen hier manchmal herrenlose Krücken und Rollatoren herum – für den Moment vergessen, so wie die Krankheit.