Ein Konferenzraum der ZEIT in Berlin, draußen zieht der Sturm Xavier auf, und auch drinnen geraten die Gemüter in Aufruhr. Unsere drei Gäste sind Ärzte, zu ihrem Job gehört es, Patienten schlimme Diagnosen mitzuteilen und Angehörigen beizustehen. Dabei machen sie Fehler. Und über die wollen sie heute offen reden – gerade weil das Reden in ihrer Zunft häufig zu kurz kommt. Alle drei haben Geschichten aus ihrem Klinikalltag mitgebracht, die sie bis heute nicht loslassen.

ZEIT Doctor: Wenn Gespräche zwischen Ärzten und Patienten schiefgehen – was sind nach Ihrer Erfahrung die häufigsten Gründe dafür?

Hausarzt: Nehmen wir ein Symptom wie Schwindel. Da muss ich genau nachfragen: Ist es wie auf einem Karussell, schwankt es wie auf einem Schiff, oder ist es so eine Unsicherheit im Raum? Häufig dringe ich gar nicht so tief, weil der Patient es nicht gewohnt ist, über sich so genau zu reflektieren. Oder bei Kopfschmerzen: Sind Sehstörungen dabei oder Sprachstörungen? Das sind für uns wichtige Warnzeichen. Aber für solche Nachfragen muss ich eine gute kommunikative Basis finden, damit die Patienten verstehen, was ich meine, damit sie nicht denken: Sehstörung? Klar, ich habe doch eine Brille!

Intensivmedizinerin: Oder wenn wir sagen, wir wollen das Knochenmark punktieren. Da kommt beim Kranken oft an: Die wollen mir das Rückenmark punktieren – das Rückenmark, da, wo die ganzen Nerven entlanglaufen! Selbst ohne Fachsprache ist manchen nicht klar, wovon man redet. Ich glaube, viele Menschen haben keine Vorstellung von ihrem Körper, sie wissen nicht, wo die Organe sitzen.

Lungenarzt: Manchmal ist uns nicht klar, wer was weiß. Wenn ich mit Krebspatienten darüber spreche, wo Metastasen sitzen, kommen manchmal Fragen, die zeigen, dass gar nicht angekommen ist, was ich gesagt habe. Zum Beispiel Lymphknoten: Oft wissen die Patienten nicht, was das ist. Wir Ärzte beschäftigen uns den ganzen Tag damit, da ist es schwer vorstellbar, dass so etwas nicht klar ist. Wobei man sagen muss: Es gibt natürlich auch Fehler, die sich bei uns Ärzten einschleichen.

ZEIT Doctor: Was hat sich bei Ihnen eingeschlichen?

Intensivmedizinerin: Manchmal übertrage ich meine Vorstellungen auf andere. Dann gehe ich einfach davon aus, dass der Patient genau dasselbe möchte wie ich, wenn ich in seiner Situation wäre. Wenn ich eine schlimme Diagnose bekäme und mir nur noch wenig Zeit bliebe, dann würde ich das wissen wollen – damit ich die Zeit gut nutzen könnte. Es gibt aber sehr viele Patienten, die das gar nicht wissen wollen. Denen reicht es aus, die letzten drei Monate vor dem Fernseher zu verbringen.

Hausarzt: Und man darf sich beim Zuhören auch nicht zu sehr vom ersten Eindruck leiten lassen. Ich habe eine Situation bei einer Kollegin mitbekommen, die mir zu denken gab. Die hatte einen Patienten, zwei Meter groß, muskelbepackt, und der sagt: Ich hätte gern Anabolika. Und sie pumpt sich innerlich schon auf – was fällt Ihnen ein! –, aber bevor sie loslegt, denkt sie: Ach, ich frage doch mal, warum. Und fragt ihn also: Wieso eigentlich? – Ich habe Halsschmerzen. – Ach, Sie meinen Antibiotika?! Das war ein Mordskerl, bei jedem anderen hätte sie wohl Antibiotika verstanden, bei ihm klang es für sie nach Anabolika.

Intensivmedizinerin: Hinzu kommt die Arbeitsverdichtung. Bei uns auf der Intensivstation warten oft schon fünf, sechs Angehörige, dann kommt ein Notfall dazwischen, und dann muss man halt mal drei Sätze in den Raum rufen, die man gar nicht weiter ausführen kann. Man wirft den Menschen Brocken hin und wird der Situation in keiner Weise gerecht.

ZEIT Doctor: Was sind das für Brocken?

Intensivmedizinerin: Na ja, quasi die pure Information – der Zustand hat sich gestern verschlechtert, der Patient musste heute noch mal in den OP, es kommt dann jemand und erklärt Ihnen das.

Lungenarzt: Ganz blöd ist das auch bei Verdachtsdiagnosen. Wenn man sagt: Es könnte ein Tumor sein ... so, jetzt muss ich aber erst mal weiter.

ZEIT Doctor: Bei welchen Situationen dachten Sie selbst hinterher: Das hätte ich anders sagen müssen?

Lungenarzt: Ich neige dazu, Befunde zu beschönigen oder Risiken von Eingriffen kleinzureden. Weil ich es wohl selbst nicht wahrhaben will oder weil ich dem Patienten das Beste wünsche. Ich hatte vor langer Zeit eine Patientin mit einer Leberzirrhose, die Bauchwasser hatte, Aszites. Da kann man ein Röhrchen in die Leber einbringen, um den Druck wegzunehmen. Sie hätte das nicht unbedingt gebraucht, aber man konnte gut vertreten, es zu machen. Sie selbst war eher kritisch und sagte, sie möchte es eigentlich nicht. Ich habe dann länger mit ihr gesprochen und sie am Ende überzeugt oder besser: überredet. Und dann ist sie von dem Eingriff nicht wiedergekommen, sie ist gestorben. Die Leber wurde perforiert, und sie ist verblutet.

ZEIT Doctor: Was haben Sie gedacht, als Sie das hörten?

Lungenarzt: Man fühlt sich extrem verantwortlich.

ZEIT Doctor: Haben Sie schlecht geschlafen?

Lungenarzt: Ja, auf jeden Fall! Das ist eine Situation, an die man sich sein Leben lang erinnert und die einem eine Lehre ist. Ich habe mir von da an vorgenommen, den Wunsch der Patienten mehr zu respektieren und in Aufklärungsgesprächen die Vor- und Nachteile besser zu gewichten und bewusst auch darauf hinzuweisen, was alles passieren kann.

Intensivmedizinerin: Man kommt immer wieder in Situationen, in denen man sich überfordert fühlt, und je jünger man als Arzt ist, desto mehr. Wenn Patienten etwa fragen: Warum ich? Was bleibt mir denn jetzt noch? Natürlich habe ich auf solche Fragen genauso wenig eine Antwort wie jeder andere.