Wem Gruselfilme zu harmlos sind, der sollte die Disease Outbreak News der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abonnieren. Der globale Seuchenticker informiert darüber, welche schrecklichen Infektionskrankheiten ausgebrochen sind, wie die furchtbaren Symptome aussehen, wie viele Erkrankte und Tote es gibt – und was dagegen unternommen wird. Letzteres ist meistens der gruseligste Teil.

Die Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung sind in der Regel unzureichend, was die Protagonisten selten zugeben. Getreu der bewährten Horrorfilm-Dramaturgie platzt der größte Schock dann am Ende herein, wenn die besiegt geglaubten Zombies wiederauferstehen.

Gerade ist in Madagaskar die Pest ausgebrochen. Bis Ende Oktober registrierte die WHO 1309 Fälle und 93 Tote. Achtzehn der 22 Regionen des Inselstaates sind betroffen, mit einer landesweiten Ausbreitung wird gerechnet. Für die Verbreitung in Nachbarländer besteht ein "mäßiges Risiko".

Ein Dreivierteljahrhundert nach Einführung der Antibiotika verbreitet der Schwarze Tod, das schlimmste Monster der Seuchengeschichte, wieder Angst und Schrecken. Wie ist das möglich?

Die Pest ist eine junge Krankheit. Sie entstand, als der Homo sapiens vor rund 15.000 Jahren begann, Landwirtschaft zu betreiben und Siedlungen zu bauen. Angelockt von Vorräten und Essensresten, zogen Ratten in die Behausungen ein. Ihre Flöhe ernährten sich fortan abwechselnd von Nagetier- und Menschenblut. Damals entwickelte sich aus tierischen Darmkeimen ein neuer Erreger, der Flöhe infizieren und mit ihnen auf den Menschen springen konnte: das Bakterium Yersinia pestis.

Das wenige Tausendstelmillimeter große Lebewesen tötete in drei Seuchenzügen rund 200 Millionen Menschen und beeinflusste unsere Geschichte wie keine andere Spezies. Die Justinianische Pest trug im 6. Jahrhundert zum Untergang des Oströmischen Reiches und zum Ende der Antike bei. Im 14. Jahrhundert läutete der Schwarze Tod den Zusammenbruch des mittelalterlich-christlichen Weltbildes ein, da die "Gottesstrafe" Pest auch jene traf, die ohne Sünde waren. Die dritte Pest-Pandemie begann Ende des 18. Jahrhunderts und wütete hauptsächlich in Asien. Erst in der Ära der Antibiotika hat die Pestilenz ihren Schrecken verloren. Kleinere Ausbrüche, die in Entwicklungsländern noch vorkommen, können im Anfangsstadium durch Medikamente und Rattengift gestoppt werden.

Doch wehe, wenn ein Ausbruch unbemerkt bleibt. Nach einem Flohbiss wandert Yersinia pestis in die nächstgelegenen Lymphknoten, die unter Fieber zu schmerzhaften Beulen anschwellen. Diese "Beulenpest" ist durch rechtzeitige Antibiotika-Gabe heilbar. Ohne Behandlung können die Bakterien jedoch über den Blutkreislauf in die Lunge eindringen. Die dann entstehende "Lungenpest" ist fast immer tödlich. Sie wird ähnlich wie die Grippe von Mensch zu Mensch übertragen. Deshalb breitet sich diese gefährlichste Form der Seuche sehr schnell aus, sobald die Zahl der Erkrankten in einer Population einen kritischen Wert überschreitet.

Dies ist in Madagaskar gerade geschehen. Obwohl die Beulenpest auf dem zentralen Hochplateau regelmäßig auftritt und eine strenge Meldepflicht gilt, blieb der Ausbruch zwei Wochen lang unbemerkt. Ende August infizierte sich ein Mann aus der Hafenstadt Toamasina bei einem Besuch im Landesinnern. Auf der Heimfahrt mit dem Bus, die durch die Hauptstadt Antananarivo führte, begann er zu husten und starb kurz danach. Als daraufhin in beiden Großstädten die Lungenpest ausbrach, erkannten sie die Ärzte nicht: Die typischen Beulen fehlten, und nur zwei Labore der Insel können auf Yersinia pestis testen. Als die Gesundheitsbehörde Alarm schlug, waren bereits Hunderte erkrankt.

Spätestens seit der Ebola-Epidemie in Westafrika, die ebenfalls zu spät erkannt wurde, steht fest, dass Entwicklungsländer dringend Ausbildung und Ausrüstung zur Erkennung von Seuchen brauchen. Solange es daran fehlt, müssen wir Oldtimer wie die Pest fürchten, obwohl es wirksame Therapien gibt. Wer nichts aus der Seuchengeschichte lernt, ist dazu verdammt, sich weiter zu gruseln.