Es war wahrscheinlich das letzte Mal, dass Peter Pilz mehrere Tage hindurch die Nachrichten dominierte. Doch diesmal hätte der öffentlichkeitshungrige Politiker wohl liebend gerne auf die große Aufmerksamkeit verzichtet. Wie in seinen Sternstunden gab er Interviews wie am Fließband. Nur befand er sich nun nicht auf der Spur irgendeiner finsteren Gaunerei. Sondern bedrängt von Journalisten und umringt von Mikrofonen und Kameras musste er sich ein ums andere Mal selbst erklären und sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, die ihm persönliches Fehlverhalten zur Last legen. Und das tat er nach seiner erprobten Methode: Er witterte eine Verschwörung. Man wolle seine neue und erfolgreiche Liste vernichten, indem man ihn der sexuellen Belästigung bezichtige. Er sprach davon, Opfer einer "Rufmordkampagne" zu sein, kündigte an, er werde nun jedes Detail aufklären und die Hintermänner enttarnen. Ganz so, als würde Peter Pilz die Leitung eines Untersuchungsausschuss zur Person Peter Pilz fordern, witzelte die satirische Internet-Gazette Die Tagespresse.

Nur auf Raten gelang es dem 63-jährigen Parlamentarier, sich zurückzuziehen. Es bedurfte mehrerer Anläufe. Er werde sein Nationalratsmandat nicht annehmen, räumte er endlich nach langem Hin und Her am Montag ein. Vorerst, schränkte er ein. Er werde wiederkommen, gelobte er schließlich. Es war ein klägliches Schauspiel, das der Mandatar mit 31 Dienstjahren zu Beginn der Woche bot.

Der tiefe Fall des Peter Pilz ist in der österreichischen Innenpolitik einzigartig. Vor drei Wochen noch stand er am Zenit seiner Karriere. Im ersten Anlauf hatte der grüne Renegat mit seiner Liste bei der Wahl am 15. Oktober den Sprung in den Nationalrat geschafft, obwohl er nur vier Monate Zeit zur Vorbereitung hatte, über ein lächerlich geringes Wahlkampfbudget von nicht einmal 300.000 Euro verfügte und in nahezu allen Diskussionssendungen im Fernsehen übergangen wurde. Den Triumph verdankte er ausschließlich der Zugkraft seines Namens, den er sich über die Jahre als Korruptionsbekämpfer und Skandalaufdecker erworben hatte. Abgerundet wurde sein Coup von dem überraschenden Scheitern seiner ehemaligen Weggefährten, von denen er sich aus der Partei gemobbt gefühlt hatte. Ohne grüne Abgeordnete würde ihm im Parlament fortan die linksliberale Bühne allein gehören, die er mit den großen Oppositionsmonologen zu bespielen gedachte.

In gespannter Erwartung bereitete sich Pilz mit seiner Liste auf die kommenden Aufgaben vor. Man erwäge, auch bei den nächsten Landtagswahlen anzutreten, verkündete der Listengründer, was insbesondere für die Grünen, die um ihr politisches Überleben bangen müssen, eine bedrohliche Vorstellung war. Vor allem in Wien: In der Bundeshauptstadt hatte die Liste Pilz in fast allen Bezirken die Grünen überholt und sie sogar in deren Hochburgen marginalisiert. Eine eigene Kandidatur des abtrünnigen Veteranen würde das Ende der rot-grünen Stadtregierung bedeuten und damit eine womöglich entscheidende weitere Schwächung der Ökopartei. Der Rachefeldzug des Peter Pilz, so hatte es den Anschein, würde erst jetzt so richtig Fahrt aufnehmen.

Dann holte den erfolgsverwöhnten Selbstdarsteller mit einem Mal die eigne Vergangenheit ein.

Die Vorwürfe blieben im Raum stehen, die Anklageschrift wanderte in den Giftschrank

Im grünen Biotop war schon früher mitunter zu vernehmen, dass der Umgang, den Peter Pilz mit Kolleginnen und Mitarbeiterinnen pflegte, nicht immer ganz tadellos sei, vor allem nicht nach den Kriterien, die in der feministischen Partei Gültigkeit besitzen. Das war mit ein Grund, warum Pilz in der Partei nicht immer unumstritten war. Es dürfte auch eine Rolle dabei gespielt haben, dass der grüne Bundeskongress im Mai dem politischen Schwergewicht den angestrebten Listenplatz verweigerte, was ihn erst zu seinem Egotrip veranlasste. Doch mehr als Gerüchte, die in der Regel wieder verstummten, wurden nicht laut.

Einen Vorfall aus dem Jahr 2015, der nun die Initialzündung für den Fall von Peter Pilz war, klärte die Parteiführung intern. Eine Mitarbeiterin des Mandatars beschuldigte ihren Chef bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft, er habe sie mehrmals belästigt, hauptsächlich mit anzüglichen Bemerkungen, aber auch mit Berührungen. Die staatliche Servicestelle informierte die damalige Bundessprecherin Eva Glawischnig, die Pilz zur Rede stellte. Doch der stritt jedes Fehlverhalten ab und behauptete, hinter den Vorwürfen würde ein Arbeitskonflikt stecken. Da die Betroffene auf ihrer Anonymität beharrte – was sie noch immer tut –, wurde nie geklärt, was es mit den Anschuldigungen tatsächlich auf sich hat. Sie blieben im Raum stehen, die Frau erhielt einen neuen Job, und ihre Anklageschrift landete im grünen Giftschrank.

Es spricht einiges dafür, und insofern dürfte die gewundene Rechtfertigungssuada von Peter Pilz nicht aus der Luft gegriffen sein, dass das brisante Dokument nun wieder in einem für die Grünen prekären Moment hervorgeholt und gezielt Medien zugespielt wurde. Weil das Muster dieser Enthüllung an die Art und Weise erinnert, wie vor zwei Monaten die schmutzigen Tricks des SPÖ-Beraters Tal Silberstein bekannt geworden waren, könnte wieder ein spezieller Experte für gesteuerten Informationsfluss eingeschaltet gewesen sein. Diesmal, so lautet eine Vermutung, im Dienst einer Entlastungsoffensive für den Planungssprecher der Wiener Grünen, Christoph Chorherr, der in eine Spendenaffäre geschlittert war.