Diese Studie offenbart eine auf den ersten Blick widersprüchliche Erkenntnis: In der zehnten Klasse eignen sich deutsche Schüler zwar mehr Fachwissen an – sie verbessern sich aber kaum darin, Mathematik, die Naturwissenschaften und das Lesen im Alltag anwenden zu können.

Es sind Erkenntnisse, zu denen Bildungsforscher des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien an der TU München kommen. Pisa Plus haben sie die Untersuchung genannt, für die sie die Schüler aus der internationalen Pisa-Studie von 2012 ein Jahr später noch einmal getestet haben. Aus den Neuntklässlern waren inzwischen Schüler der zehnten Klasse geworden.

Um herauszufinden, ob die deutschen Jugendlichen von der neunten zur zehnten Klasse etwas dazulernen, wiederholte der Pisa-Plus-Test bei den Zehntklässlern 2013 einen Teil der Pisa-Aufgaben sowie zusätzlich einen Teil der Ländervergleichs-Aufgaben. Mit dem Ländervergleich wird regelmäßig überprüft, ob die Jugendlichen in den einzelnen Bundesländern die Bildungsstandards erreichen.

Während im Pisa-Test überprüft wird, ob die Schüler bis zum Ende der Pflichtschulzeit grundlegende Kompetenzen erworben haben, die sie im Alltag anwenden können, geht es im Ländervergleich eher um das Fachwissen, das in den Lehrplänen vorgegeben ist. Eine Aufgabe aus dem Pisa-Test besteht beispielsweise darin, die Grundfläche einer Wohnung zu berechnen. Dagegen geht es bei der Überprüfung der Bildungsstandards im Ländervergleich eher darum, die Koordinaten eines an einer Geraden gespiegelten Dreiecks anzugeben.

Nun zeigt sich also, dass sich die Schüler während des zehnten Schuljahres nur geringfügig darin verbesserten, Mathematik im Alltag anzuwenden. In den Naturwissenschaften und im Lesen gewannen sie gar keine Anwendungskompetenzen hinzu. Überdies wurde die Schere zwischen den Leistungsstarken und den Leistungsschwachen in Mathematik und in den Naturwissenschaften größer – tendenziell verschlechterten sich die weniger kompetenten Jugendlichen sogar. Nur die Gymnasiasten waren kompetenter als ein Jahr zuvor.

Beim Fachwissen steigerten sich hingegen die Schüler sowohl in Mathematik als auch in den Naturwissenschaften; Lesen war im Ländervergleich 2012 nicht getestet worden. Die Leistungsunterschiede zwischen ihnen wurden kleiner, und auch an den nicht gymnasialen Schulen gab es Verbesserungen.

"Der Unterricht legt immer noch zu wenig Wert auf Anwendungskompetenzen, die auf das Leben vorbereiten", sagt Kristina Reiss, die Koordinatorin der deutschen Pisa-Studie. "Auch die Prüfungen sollten stärker auf allgemeinbildendes und anwendbares Wissen ausgerichtet werden." Über das Fachwissen hinaus, sagt Reiss, sollten die Schülerinnen und Schüler "ein tiefer gehendes Verständnis für ein Fach entwickeln".

Bei Mädchen und Jungen verläuft die Entwicklung recht ähnlich. "Die Studie bestätigt, dass die entscheidende Phase für die Entwicklung der Geschlechterunterschiede die Zeit von der fünften bis zur siebten oder achten Klasse ist", sagt Reiss. "Wir müssen Wege finden, das Auseinanderdriften während der ersten Jahre an den weiterführenden Schulen zu verhindern."