Bevor es besser (oder gut) werden kann, muss es erst noch viel schlimmer werden." Das ist eine der Einsichten, die Angela Merkel in zwölf Jahren Kanzlerschaft gewonnen hat – egal, ob es um innerparteiliche Streitereien, Griechenland oder weltpolitische Krisen geht. Nach diesem Muster könnten auch die Verhandlungen über ein Jamaika-Bündnis verlaufen. Das Problem ist nur: Je nach Perspektive ist nicht ganz klar, was "gut" eigentlich bedeutet – dass Jamaika gelingt oder dass die Sondierung zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen doch scheitert.

"Neuwahlen" und "staatspolitische Verantwortung" sind die Begriffe, zwischen denen Jamaika hin- und herschwankt. Während Angela Merkel und alle Minister in spe ein Interesse daran haben müssen, dass schnell mit dem Verhandeln und Regieren begonnen wird, wird es für Christian Lindner und seine FDP dann erst richtig gefährlich. Und Horst Seehofer muss eigentlich hoffen, dass das Sondieren und Verhandeln gar nicht mehr aufhört, weil das zurzeit seine Lebensversicherung ist.

Dabei geht es nicht nur um Politikerkarrieren und nicht einmal nur um weltanschauliche Gräben – sondern darum, ob und wie Politik möglich ist in zentrifugalen Zeiten. Denn dass hier vier Parteien ringen und nicht wie üblich zwei oder drei, ist ja auch schon Ausdruck einer Krise mindestens des Parteiensystems.

Beim Problemthema Migration könnte den Verhandlern unbeabsichtigt die EU zu Hilfe kommen. Der geschäftsführende Innenminister Thomas de Maizière arbeitet mit Frankreich an einer Lösung, bei der Asylverfahren beschleunigt und an die Grenzen Europas verlegt würden. Das wäre zwar im Sinne der CSU, würde die Grünen aber in den Verhandlungen entlasten, weil die EU "schuld" wäre und nicht sie. Schwieriger ist die Lage beim Klimaschutz, wo die FDP die bereits vor Jahren gesetzten Klimaziele infrage stellt. Die Reduzierung CO₂-schädlicher Gase bis 2020, so ihr Argument, sei vereinbart worden, bevor der Atomausstieg beschlossen wurde, die Grundlage mithin entfallen. Für die CDU ist das schwer denkbar. Die Grünen erklären es schlicht für "nicht verhandelbar". Hinzu kommt: Anders als bei früheren Koalitionsverhandlungen lernen sich die neuen Partner in spe gerade erst kennen.

Auch deshalb haben die Parteispitzen enorme Zeit auf das Verfassen von Zeitplänen verwendet. Es sei der Versuch, über die Form und den Prozess zu Inhalten und persönlichem Vertrauen zu kommen, sagt einer der Beteiligten. Die Risse, die das Wahlergebnis verursacht hat, soll die menschliche Chemie kitten helfen. Nur entsteht die erst langsam. Immerhin habe man genug Stoff, um nach der Verzeitplanung von Jamaika auch noch eine umfangreiche Verschriftlichung vorzunehmen, merkt ein Sondierer vergangene Woche leicht sarkastisch beim Frühstücksei an. Und nun knallt auch noch der Machtkampf in der CSU in die Planung, ebenfalls streng terminiert: Zwei Tage nach Abschluss der Sondierung am 18. November will Seehofer das "Trommelfeuer" aus den eigenen Reihen beantworten.

Die FDP kann wahlkämpfen, aber kann sie auch regieren?

Seine Partei habe keine Angst vor dem Wähler, erklärt Christian Lindner. Offen verbreiten FDP-Politiker, dass sie im Falle von Neuwahlen die kleinsten Probleme hätten, die Volksparteien hingegen nicht mal einsatzfähige Kanzlerkandidaten. Bekomme man harte Positionen durch – gut. Scheitere Jamaika – auch nicht schlimm. Das stimmt aus FDP-Sicht und ist doch nur die Hälfte der Wahrheit. Zu der gehört, dass die FDP gezeigt hat, dass sie wahlkämpfen kann. Aber kann sie auch regieren? Lindner hat vielleicht keine Furcht vor Neuwahlen, aber begründete Sorgen vor Koalitionsverhandlungen. "Wir haben panische Angst, von den anderen an die Wand gespielt zu werden", bekennt ein liberaler Sondierer. Ohnehin wird geargwöhnt, es könne eine informelle schwarz-grüne Koalition innerhalb der schwarz-grün-gelben Koalition geben.

Ganz abwegig ist das nicht. Viele von Merkels Getreuen wie Peter Altmaier, Gesundheitsminister Hermann Gröhe oder Armin Laschet stehen den Grünen inhaltlich und persönlich nahe. Die Kanzlerin selbst tendiere zwar inhaltlich oft zu FDP-Positionen, persönlich und "kulturell" aber erkennbar zu den Grünen, auch wenn sie sich in den Verhandlungen um Äquidistanz bemühe, beobachten Parteifreunde.