Vier Jungs, ein Mädchen, schäbige Klamotten, große Klappen, dazu grimmige Gesichter, die sie herzeigen, und große Ängste, die sie verbergen. Ein alter Mann, der sie durchschaut, sagt: "Seit ich denken kann, habe ich keine so traurige Truppe gesehen." Doch die fünf halten sich selbst für eine Eliteeinheit – nicht, weil sie es nicht besser wüssten, sondern weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Alle reden böse über sie, haben sie doch einen sehr schlechten Ruf, versuchen sich ohne Angehörige, ohne festen Wohnsitz, ohne Schule bettelnd und stehlend durchzuschlagen.

Niemand kümmert sich um diese Straßenkinder, niemand ist freundlich zu ihnen. Wohin sie sich auch wenden, niemand will sie. Sie stehen im Zentrum von Kurt Helds Jugendbuchklassiker Die rote Zora und ihre Bande", der 1941 in der Schweiz erschien.

Benannt ist Zora nach ihren roten Haaren, nicht nach ihrer sozialistischen Gesinnung. Kurt Held wird die Doppeldeutigkeit gefallen haben. Eigentlich hieß er Kurt Kläber, wurde 1897 in Jena geboren, war Mitglied der KPD und im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet, kam wieder frei, floh mit seiner Frau in die Schweiz, wo er 1959 verstarb.

In seinem bekanntesten Buch äußerte er geschickt Sozialkritik aus dem Blickwinkel verstoßener Kinder und schuf, ähnlich der legendären Pippi Langstrumpf, eine freche, aufmüpfige weibliche Hauptfigur, die allerdings erheblich schlimmere Probleme zu bewältigen hat. "Ich habe keine Angst. Und ich werde auch nicht davon träumen", bläut sich mehrfach beschwörend etwa der zwölfjährige Branko ein – genau dann, wenn er wirklich Angst hat.

In der Inszenierung von Thomas Birkmeir spielt ihn Bekim Latifi als schmales, kluges Bürschchen in Jeans und dünnem Hemd, schnell auf den Füßen und fix im Hirn. Brankos Vater ist längst abgehauen, jetzt ist die Mutter an Schwindsucht gestorben. Mit ihr lebte er in der kleinen kroatischen Hafenstadt Senj. Seine letzte Verwandte ist die Großmutter, die nichts von ihm wissen will. "Arme Seele", meint ein Nachbar über ihn, "arme Sau" trifft es gleichermaßen. Und so landet er in der Bande der roten Zora.

Die Kindheit, von der Kurt Held schrieb, ist alles andere als kindgerecht. Sie ist eine Tragödie voller Verlorenheit und Einsamkeit, ohne Perspektiven, Zukunftschancen, Liebe. Einmal stellt einer der Bandenjungs trocken fest: "In der Hölle sind wir schon. Wir können nur noch in den Himmel kommen." Weder verklärt der Autor diese Lebensläufe, noch überhöht er sie als spannende Räuber-und-Gendarm-Fabel. Stattdessen breitet er sie mit all den harten persönlichen und gesellschaftlichen Widersprüchen aus, in die Branko und Konsorten geraten und denen sie gar nicht gewachsen sein können.

Thomas Birkmeir vermeidet in seiner schönen, schwungvollen Inszenierung "für alle ab 10 Jahren" jede Rührseligkeit und bemühte Aktualisierung. Einzig die von Irmgard Kersting entworfenen, bestens passenden Kostüme sind modisch aktuell. Birkmeir hat unter dem Titel Die Rote Zora eine Spielfassung erarbeitet, die den umfangreichen Roman in neunzig verdichteten Minuten nachvollziehbar und empathisch erzählt. Der Bühnenbildner Christoph Schubiger benötigt lediglich ein paar provisorische Häuschen für die Burgruine, in der die Kinder mit ihrem Sperrmüllzeugs hausen: für das Gefängnis, aus dem Branko von Zora befreit wird; für die kümmerliche Wellblechhütte des Fischers Gorian.

Auf der Rückwand geben Projektionen von ramponierten Mauern oder einem aufgepeitschten Meer den entsprechenden räumlichen Bezugsrahmen und holen mit dem Sternenhimmel die ganze Traurigkeit herein, die Branko überfällt, wenn er in der Nacht allein ist. Dagegen hilft: Musik. Ein sechzehnköpfiges Ensemble spielt exzellenten Balkan-Pop.

Natürlich bietet der Stoff immer wieder Gelegenheit für rasante Verfolgungsjagden, wenn die Bande etwas ausgefressen hat. Dass man dem reichen Unternehmer Karaman, den Oliver Mallison knallchargig aus dem Anzug pöbeln lässt, nicht ohne Gegenwehr die Hühner klauen oder den Karpfenteich trockenlegen kann, ist klar. Die Schlägerei mit gehässigen Gymnasiasten dagegen findet in Zeitlupe statt, sodass gut zu verfolgen ist, wie exakt alles choreografiert wurde.

Die quirlig überzeugende Toini Ruhnke als Zora hat ihre Gang fest im Griff, ohne sie zu unterdrücken. Glänzend auch der dick aufgepolsterte Steffen Siegmund als Pavle, der mit Branko ein Pärchen wie Pat und Patachon bildet. Mal komisch absurd, mal rabiat verzweifelt, mal klassenkämpferisch aufgeheizt wird Die Rote Zora in Birkmeirs kluger Regie ein grenzüberschreitendes Spektakel fürs Publikum – zum Mitfürchten, Mitlachen, Mitdenken. Und zum Mitfühlen.