An einem Samstagnachmittag, kurz vor drei, steht Enis allein in der Umkleidekabine. Er hat sich die schwarzen Stutzen hochgezogen, die Fußballschuhe geschnürt und das schwarze Trikot übergezogen. Jetzt greift er in seine Sporttasche und holt zwei Karten heraus – eine rote und eine gelbe. Er schnappt sich einen Kugelschreiber, eine Karte mit einer leeren Tabelle darauf und eine kleine Trillerpfeife und schiebt alles in die Brusttasche seines Shirts.

Enis wird gleich als Schiedsrichter bei einem C-Jugend-Spiel auf dem Platz stehen. Was er entscheidet, gilt. Alle Spieler müssen auf das hören, was er sagt. "In der C-Jugend ist das nicht so schwer", sagt Enis, "ich weiß ja, was in den Köpfen der Spieler vorgeht." Die Fußballer auf dem Platz sind 13 Jahre alt – wie Enis selbst.

Seit knapp einem Jahr pfeift Enis Fußballspiele, 22-mal war er schon als Schiedsrichter im Einsatz. Er vergibt Freistöße und Elfmeter und muss dabei immer versuchen, fair zu bleiben. Und er muss viel rennen, um den Überblick zu behalten.

Schiedsrichter zu sein ist anstrengend, es bedeutet viel Verantwortung, manchmal Ärger. Denn ein Schiri bekommt auch blöde Sprüche zu hören, wenn Spieler oder Zuschauer Entscheidungen falsch finden. Warum macht das jemand freiwillig?

"Ich wollte das anfangs gar nicht", sagt Enis. "Ich dachte, Schiris machen eh nur Fehler." Doch seine drei älteren Brüder haben ihn überredet. Sie sind selbst Schiedsrichter und finden, das liege bei ihnen in der Familie. Wegen seiner Brüder hat Enis eine Sondererlaubnis bekommen und durfte schon mit 12 Jahren anfangen. In Baden-Württemberg, wo Enis lebt, muss man dafür normalerweise 14 Jahre oder älter sein. Bevor er zum ersten Mal pfeifen durfte, musste Enis aber vier Wochen lang zum Schiedsrichter-Unterricht und danach noch eine schriftliche Prüfung bestehen.

Um Punkt 15 Uhr läuft Enis aufs Spielfeld. Den Ball unterm Arm, geht er zielstrebig zum Anstoßkreis in der Mitte, die beiden Mannschaften traben brav hinter ihm her. Sie stellen sich rechts und links von ihm auf. Ein Team trägt blau-orangefarbene Trikots, das ist die SGM Unterlenningen. Die andere Mannschaft, der TSV Ötlingen, spielt in Rot.

Enis zieht eine Münze aus der Hosentasche und fragt die Kapitäne der beiden Teams: "Kopf oder Zahl?" Die Spieler neben ihm murmeln etwas, Enis nickt und wirft die Münze in die Luft. Die Seiten sind ausgelost. Die Fußballer aus Ötlingen verteilen sich in der rechten Spielfeldhälfte, die Unterlenninger bilden noch schnell einen Kreis. Einer ruft: "Wir sind!" Und alle antworten: "Ein Team!" Dann rennen sie auseinander. Enis legt den Ball auf den Anstoßpunkt, tritt drei Schritte zurück und bläst in seine Pfeife: Anstoß! Der Ball rollt, das Spiel hat begonnen.