Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Islamwissenschaftler Tariq Ramadan wegen des Verdachts der Vergewaltigung. Er ist ein Promi: Sein größtes Publikum hat der Schweizer Ramadan in Frankreich, dort debattiert er im Fernsehen und auf Veranstaltungen. Die Nachricht machte daher im Nu die Runde, und seither melden sich weitere Frauen, die behaupten, von ihm vergewaltigt oder bedrängt worden zu sein. Für etliche seiner vielen politischen Gegner ist die Schuldfrage bereits geklärt. Unter seinen Anhängern wiederum geht die Rede von einem zionistischen Komplott um.

Ausgelöst wurde die Affäre durch die #MeToo-Kampagne auf Twitter. Sie regte die Muslimin Henda Ayari zu einem folgenreichen Schritt an. Ayari, einst Salafistin, hat ihre Befreiung aus den Fängen eines extremistischen und patriarchalen Umfelds vor gut einem Jahr in einem Buch beschrieben, das auch davon erzählt, wie sie von einem bekannten Vertreter des Islams vergewaltigt wurde. Nun twitterte sie am 20. Oktober: "Es ist eine sehr schwere Entscheidung, aber ich habe mich entschieden, dass es Zeit ist, meinen Aggressor zu nennen, es ist Tariq Ramadan." Und ging mit ihren Aufzeichnungen von damals zur Polizei.

Es dauerte nicht lange, bis eine andere Frau bei der Polizei aussagte, auch sie sei von Ramadan vergewaltigt worden, und zwar im Jahr 2009. Ihr Anwalt gibt außerdem an, mit weiteren Frauen gesprochen zu haben, die wegen sexueller Gewalt Anzeige erstatten könnten. Es folgten noch mehr Anschuldigungen dieser Art, sie wurden unter anderem von der Journalistin Caroline Fourest erhoben, die schon vor Jahren mit mehreren Opfern gesprochen haben will, um diese von einer Anzeige zu überzeugen. Außerdem wird jetzt in Genf wegen des Verdachts ermittelt, Ramadan habe dort in den 1980er und 1990er Jahren sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Schülerinnen unterhalten.

Der reagierte mit Verleumdungsklagen. Gegen Fourest erstattete er Anzeige wegen Zeugenbeeinflussung. Mehr ist von ihm nicht zu erfahren.

Der 1962 in Genf geborene Ramadan entstammt einer Familie radikaler ägyptischer Islamisten und ist eine Schlüsselfigur des Konflikts um die gegenwärtige Rolle des Islams in Europa. Muslimen erteilt er den Rat, Integration nicht als Anpassung ihres Glaubens zu verstehen, einschließlich der muslimischen Ethik und der Scharia. Diese Botschaft findet seit den 1990er Jahren wachsenden Zuspruch, vor allem unter Frankreichs muslimischer Intelligenz. Zu Ramadans Vortragsreisen erschienen damals gleich viele Männer wie Frauen, erinnert sich der Lyoner Priester Christian Delorme, der an vielen Debatten mit Ramadan teilgenommen hat. Delorme wirft ihm noch heute vor, dass dieser als erster Redner in öffentlichen Sälen in Frankreich die Trennung der Sitzbereiche von Frauen und Männern einführte.

"Er hat Tausende junger französischer Musliminnen davon überzeugt, den Schleier anzulegen", sagt Delorme. Der katholische Priester sieht das nicht nur negativ: "Der Islam in Frankreich galt damals als unkultiviert. Dann kam Ramadan und vermittelte der muslimischen Mittelklasse und ihren Intellektuellen einen neuen Stolz auf ihren Glauben." Daher rühre auch heute noch Ramadans Ansehen in der muslimischen Bildungsschicht.

Er spricht auch in freier Rede druckreif, sein Diskurs ist geschliffen, aber schillernd. Manchmal spricht er sich für eine Modernisierung des Islams aus: Der Koran dürfe nicht wörtlich verstanden, sondern müsse zeitgenössisch interpretiert werden. Doch wenn es konkret wird, kommen finsterste Ressentiments zum Vorschein, namentlich wenn Sexualität das Thema ist. Homosexualität beispielsweise verstoße gegen seinen Glauben, schrieb er einmal; an anderer Stelle riet er seinen Glaubensbrüdern, gemischte Badeanstalten zu meiden, damit die Muslime keines Bikinis angesichtig würden.

Als Ramadan vor zwölf Jahren gar forderte, islamische Länder sollten ein Moratorium für die Steinigung von Ehebrecherinnen verabreden, als Denkpause sozusagen, war die Entrüstung groß, weil damit ja zugleich gesagt wurde, über so etwas könne überhaupt noch diskutiert werden. Die Steinigung rundheraus abzulehnen, sah sich Ramadan in einer Fernsehdebatte sodann außerstande. Weitere Äußerungen Ramadans, etwa über die angebliche Rolle der Geheimdienste bei der Vorbereitung islamistischer Attentate oder über jüdische Intellektuelle in Frankreich, machten ihn unter Linken, die ihn bis dato gern zu Konferenzen eingeladen hatten, schließlich weithin unmöglich.

Was stets auffällt: Der gut aussehende Charismatiker, der so viel von Respekt spricht, begegnet Andersdenkenden in Diskussionen mit einer die Verachtung streifenden Arroganz. Er hält eben große Stücke auf sich.

Von seinen Freunden gern als "Oxford-Professor" apostrophiert, hat Ramadan an der dortigen Universität einen Lehrstuhl inne, den Katar finanziert, jene Ölmonarchie, die außer Ramadan auch Dschihadisten unterstützt. Unter Islamwissenschaftlern, ob gläubig oder nicht, genießt er keinen guten Ruf. Er ist auch nicht durch wissenschaftliche Arbeiten bekannt geworden, sondern durch Vorträge, Zeitungsartikel und populäre Schriften. Gleichwohl nimmt er in Oxford Prüfungen ab. Die dortige Universitätsleitung brauchte viele Tage, bis sie auf die Anschuldigungen reagierte. Zunächst sehr verhalten. Erst als eine Protestwelle anschwoll, entschloss sie sich, Ramadan zu beurlauben. Um ihm Zeit zu geben, sich den Vorwürfen zu stellen, wie es offiziell hieß.

In Frankreich tobt währenddessen der Streit. Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo karikierte den erigierten Penis Ramadans als "sechste Säule des Islams", woraufhin die Redaktion wieder einmal Morddrohungen erhielt. Die Gegner des verheirateten Tugendwächters wiederum sprechen davon, dass dieser nicht nur mit gespaltener Zunge rede, sondern auch ein Doppelleben führe.

Und wie 2011 in der Affäre um den französischen sozialistischen Politiker Dominique Strauss-Kahn äußern sich auf einmal Leute öffentlich, die behaupten, schon immer von diesem Doppelleben gewusst zu haben. Ein hoher Beamter des Innenministeriums beispielsweise gab der Presse kund, es sei bekannt gewesen, dass nach Ramadans Vorträgen "Mädchen auf sein Hotelzimmer gebracht wurden, die er aufforderte, sich auszuziehen, dass einige sich weigerten und dass er aggressiv und gewalttätig werden konnte". Wenn das stimmt, dann bedeutet es: Man wusste und schwieg. Wie im Fall Strauss-Kahn. Warum, das ist nicht aufgeklärt.

Die Anklage gegen Strauss-Kahn wurde schließlich fallen gelassen. Doch politisch war er, der beste Aussichten auf das Präsidentenamt hatte, ruiniert. Zu viel war bekannt geworden über seinen verächtlichen, auch aggressiven Umgang mit Frauen.

Die französische Gesellschaft wollte so einen wie Strauss-Kahn nicht an der Staatsspitze. Jetzt gibt es Anzeichen für tiefe Enttäuschung unter Muslimen, die jemanden wie Ramadan nicht als Vertreter ihrer Moral akzeptieren mögen, egal wie die juristischen Verfahren auch ausgehen mögen. Hatte er nicht eheliche Treue und Hochachtung vor den Frauen gepredigt?

Für seine fanatischen Gefolgsleute hingegen ist er bereits jetzt ein Märtyrer. Von ihrem Antisemitismus hat er sich erwartungsgemäß nicht distanziert.

Mitarbeit: Georg Blume