Die Tristesse, die über dem alten Haus am Deich liegt, ist erdrückend. Sogar der Schnee rieselt hier nur matt aus den niedrig hängenden Wolken, während fahles Winterlicht die norddeutsche Einöde in dumpfes Grau taucht. Doch Simpel macht das alles nichts aus. Er hüpft fröhlich singend in bunten Moonboots übers Watt, in einer Blechwanne zieht er seinen Stoffhasen hinter sich her. Als sein Bruder Ben ihn dort findet, tanzen sie so lange gemeinsam herum, bis sie prustend im Schlick landen.

Ein Familienidyll – wäre da nicht die irritierende Tatsache, dass Simpel, der eigentlich Barnabas heißt, kein Kleinkind ist. Er ist ein junger Mann, der nicht allein für sich sorgen kann. Trotz der Kälte trägt er nur eine Unterhose unter seinem Parka. Simpel ist geistig behindert.

Die Betreuung übernimmt sein jüngerer Bruder Ben: Geldverdienen, Putzen, Kochen, Anziehen, Ausziehen, Ins-Bett-Bringen. Die Mutter ist krank, der Vater hat sich, so erfährt der Zuschauer nach und nach, schon früh davongemacht und eine neue Familie gegründet.

Das Zusammenleben geht so lange gut, bis die Mutter eines Tages tot im Bett liegt. Simpel soll ins Heim abgeschoben werden, so wollen es die Behörden. Ben will das um jeden Preis verhindern. Also hauen die Brüder ab – und ein Roadmovie der besonderen Art beginnt.

Der Film Simpel des Regisseurs Markus Goller (Frau Ella) nach dem gleichnamigen Roman der Französin Marie-Aude Murail hätte leicht als seichte Feel-good-Komödie mit einem Schuss Behinderten-Romantik enden können. Dass es anders gekommen ist, liegt an der Sensibilität, mit der Groller die komischen und tragischen Anteile seines Films ausbalanciert.

Das gelingt durch die hervorragende Besetzung selbst kleinster Nebenrollen: Annette Frier als lebenskluge Hure. Emilia Schüle als Retterin in der Not, die selbst mit Einsamkeit zu kämpfen hat und sich nach Feierabend hinter Videospielen verschanzt. Devid Striesow als abwesender Vater, der nicht nur unangenehme Selbstzufriedenheit ausstrahlt, sondern auch etwas von dem inneren Zwiespalt seiner Figur erahnen lässt.

Besonders gelingt die Balance zwischen Komik und Tragik den Hauptdarstellern David Kross und Frederik Lau als ungleiches Brüderpaar Simpel und Ben.

David Kross ist der Typ Schauspieler, der sich mit vollem Körpereinsatz in eine Rolle stürzt. Um Simpel zu werden, hat er einige Zeit in einem Behindertenheim verbracht und die Menschen studiert. Er hat sich einen schleifenden Gang zugelegt, spricht mit schwerer Zunge, aber die eigentliche Sensation ist sein Gesicht: Es spiegelt die Palette menschlicher Emotionen in ihrer reinsten Form, so, wie das normalerweise nur Kindern möglich ist, ungefiltert, ohne Zynismus. Wenn er sich abends mit roten Wangen an seinen Bruder kuschelt, wirkt er vollkommen arglos.

Frederik Laus Ben hingegen scheint mit seinem Knautschgesicht die ganze Last dieser Welt zu tragen. Vor lauter Aufopferung vergisst er, selbst zu leben. Er hat nichts von der Welt gesehen, hat keine Freundin, keine Hobbys. Lau stellt dieses Dilemma dar mit einer Mischung aus Charme, Humor und Wehmut. So gelingt die Charakterstudie eines schüchternen jungen Mannes, der sich lieber hinter seinen Pflichten versteckt als sich dem Leben zu stellen. Die Frage, wer wen braucht und in welchem Maß – der Behinderte den Pfleger oder der Pfleger den Behinderten –, beantwortet der Film höchst ambivalent.

Simpel ist kein einfacher Film. Er besticht durch Schattierungen und hat sogar noch einen dritten Hauptdarsteller, der sich zwar erst nach einer guten halben Stunde ins Bild mogelt, aber dann sehr präsent ist: die Stadt Hamburg.

Von ein paar Luftbildern der glitzernden Metropole bei Nacht abgesehen, dient die Großstadt nicht als Traumkulisse, sondern als Auslöser für die innere Entwicklung der Figuren. Die rastlosen Hochbahnen, das Treiben auf der Fruchtallee, im Schanzenviertel und auf St. Pauli, das alles kann Angst machen, aber auch neue Lebenswege aufzeigen. Je tiefer die Helden in die Topografie der Stadt vordringen, desto weiter wird ihr Horizont. Weiter als zu Beginn in der Weite des Watts. Wie weit genau, das muss man sich anschauen.