Bloß nicht offline sein – Seite 1

Die Zeit rast, das Weltgeschehen scheint zu galoppieren. Welche der jüngeren Ereignisse werden einst in den Geschichtsbüchern unser Ururenkel stehen? Ziemlich sicher wird ein Ereignis, das vor exakt zehn Jahren stattfand, darunter sein: weil seine Folgen tief in den Alltag eingreifen. Weil das Leben danach ein anderes war.

2007 kam das erste massentaugliche Smartphone heraus, das iPhone. Am 9. November vor zehn Jahren war der erste Verkaufstag in Deutschland. Apples Gerät transformierte das Mobiltelefon zu einem sozialen Universalwerkzeug. Mit seinem berührungsempfindlichen Bildschirm, der Bedienung in bis dahin ungeahnter Leichtigkeit zuließ, und mit einer Internet-Anbindung, die es erlaubt, so gut wie an jedem Ort online zu sein (und bald auch mit einer App für jedes Bedürfnis). Seitdem sind wir Zeuge einer Veränderung, von der noch niemand genau weiß, was sie bedeutet. Was passiert, wenn wir überall und permanent mit der Welt verbunden sind? Wenn uns in jedem Augenblick so viel Information zur Verfügung steht wie Generationen vor uns nicht in ihrer ganzen Lebensspanne? Wenn anthropologische Konstanten wie Alleinsein und Langeweile scheinbar abgeschafft werden?

Der Psychologe Peter Vorderer untersucht seit fast 30 Jahren die Wirkung von Medien – von Büchern, Fernsehen, Computerspielen – auf den Menschen. Das Smartphone sieht er in einer anderen Kategorie. Seine Auswirkungen seien mit nichts Vorherigem vergleichbar, allenfalls mit der Elektrifizierung. Nur dass die Smartphonisierung zehnmal so schnell ging. Und niemanden prägt die neue Technik stärker als jene, für die sie gar nicht neu ist. Für die ab Mitte der neunziger Jahre Geborenen ist das Immer-online-Sein eine Art Grundbedürfnis, so wie Nahrung, Wärme oder Schlaf. Das Smartphone begleitet sie in fast organischer Verbundenheit. Dazu ein paar Zahlen:

• Heute besitzen laut der JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest 95 Prozent der jugendlichen Deutschen ein Smartphone. Schon zwei Drittel der Zwölfjährigen haben eine Flatrate.

• Im Schnitt verbringen die Jugendlichen gute drei Stunden täglich aktiv im Netz, die allermeisten mobil. Sind sie älter, kommt ungefähr dieselbe Zeitspanne hinzu, die sie offline mit anderen elektronischen Medien verbringen.

• Der Informatiker Alexander Markowetz hat mit seiner App "Menthal" das Nutzungsverhalten von Smartphone-Besitzern aufgezeichnet. Danach greifen die Deutschen im Schnitt (Schlafzeiten ausgenommen) alle 18 Minuten zum Gerät, Jugendliche noch häufiger.

• Unter den 15-Jährigen leiden laut Pisa-Studie 41 Prozent an latenter Nomophobie: Sie geben an, sich schlecht zu fühlen, wenn sie sich nicht mit dem Internet verbinden können.

Unplausibel, dass ein solcher Digitalkonsum keine Auswirkungen haben sollte. Wer mit dem Smartphone aufwächst, spielt anders, lernt anders, kommuniziert anders und erinnert sich anders. Doch wie anders? Die klarste Antwort auf diese Fragen gibt in Deutschland seit Jahren der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer. Für ihn machen digitale Medien schlicht dick, dumm und krank.

Amerikanische Jugendliche haben heute später ihre erste Beziehung und weniger Sex

Weniger vereinfachend, aber genauso laut meldete sich kürzlich die US-Jugendpsychologin Jean Twenge in einem viel beachteten Essay zu Wort. Unter dem Titel Haben Smartphones eine Generation zerstört? breitet die Professorin aus San Diego in der Zeitschrift Atlantic verschiedene Langzeitdaten zum Verhalten und Wohlbefinden amerikanischer Jugendlicher aus. Da zeige sich, dass sich "die sanften Kurven" der Statistiken zu einem bestimmten Zeitpunkt "in steile Berge und reinste Klippen verwandeln".

Die Raten von Depression und Selbstmord steigen

Twenge verortet den historischen Kipp-Punkt im Jahr 2012. Es ist das Jahr, da mehr als die Hälfte der Amerikaner ein Smartphone besitzt. Plötzlich treffen sich die US-Jugendlichen seltener mit ihren Freunden, sie haben später ihre erste Beziehung und weniger Sex als frühere Generationen. Zwar hat diese "iGen", wie Twenge diese Alterskohorte nennt, Gutes zu bieten: Ihre Mitglieder pflegen ein engeres Verhältnis zu ihren Eltern, nehmen weniger Drogen und verursachen weniger Unfälle – sitzen sie doch meistens zu Hause. So gehen Zwölftklässler in den USA heute weniger aus als noch vor wenigen Jahren die Achtklässler. Glücklich scheint das die Kids aber nicht zu machen. Mehr als früher fühlen sie sich allein; die Raten von Depression und Selbstmord steigen.

Auch deutschen Eltern gleichaltriger Kinder wird das Stubenhocker-Syndrom bekannt vorkommen. Doch sind dafür wirklich Smartphones und Spielekonsolen verantwortlich? Der Nestflucht-Reflex könnte dem Nachwuchs auch aus anderen Gründen abhandengekommen sein. Weil man sich eben gut mit den Eltern versteht, weil das Leben zu Hause schlicht komfortabler ist, weil einen die Schule heute stärker beansprucht und man auch als Jugendlicher mal seine Ruhe haben möchte.

Das ist das Problem praktisch aller großen Studien zum Thema: Sie verbinden den Digitalkonsum Jugendlicher mit anderen (besorgniserregenden) Trends wie Hyperaktivität oder Konzentrationsmängeln und behaupten, das eine komme vom anderen. Doch Indizien sind keine Belege und Zusammenhänge keine Kausalität. So zeigen sich Jugendliche, die ständig an Geräten hängen, anfälliger für Depressionen. Aber vielleicht spielen ja auch depressionsgefährdete Jugendliche einfach mehr. Tatsächlich ist es schwer zu erfassen, wie sich der vernetzte vom nicht vernetzten Menschen unterscheidet. Zehn Jahre, das ist für die Generation Smartphone mehr als die Hälfte des bisherigen Lebens, für die seriöse Wissenschaft aber eine relativ kurze Zeitspanne.

Gute Nacht? Von wegen

Prozentualer Anteil der US­-Jugendlichen, die in den meisten Nächten weniger als sieben Stunden schlafen

Centers for disease control and prevention/nach Twenge © ZEIT-Grafik

Einige unmittelbare Folgen der Smartphonisierung hingegen zeichnen sich ab. Wenig umstritten: Das Gerät raubt Jugendlichen die Nachtruhe. "Es gibt eine zwingende Evidenz, dass der Nutzen der neuen Digitaltechniken negative Effekte auf Dauer und Qualität des Schlafes hat", heißt es in einem Überblicksartikel der Zeitschrift Perspectives on Psychological Science. Jugendliche, die viel online sind, gehen später zu Bett, benötigen länger zum Einschlafen und träumen häufiger schlecht. Dabei beeinträchtigt nicht nur die pure Zeit am Bildschirm den Schlaf, auch die Nutzungsgewohnheiten wirken sich negativ aus. Laut einer Studie von Mannheimer Kommunikationsforschern nehmen Studenten ihr angeschaltetes Handy zu 69 Prozent mit ans Bett, weitere 16 Prozent mit ins Bett – stets in mentaler Habachtstellung, ob über Facebook oder WhatsApp eine neue Botschaft eintrifft.

Der Mensch ist ein soziales Tier, nichts interessiert ihn so sehr wie andere Menschen. Für Heranwachsende gilt das besonders. Wer seine eigene Identität erst formt, muss wissen, was die anderen machen und denken. Wer sich von den Eltern abnabelt, giert nach Zugehörigkeit. Dieses Bedürfnis bedienen die sozialen Medien perfekt. Früher war der Austausch mit der Peergroup mit Aufwand verbunden (Briefe schreiben, telefonieren, sich treffen) und auf eine relativ kleine Gruppe beschränkt. Heute hat man Hunderte digitale Freunde und kann mühelos und permanent kommunizieren. "Die Grenzen zwischen Kontakt und Nichtkontakt verflüssigen sich, Konversationen spinnen sich über Stunden und Tage fort", sagt der Medienforscher Christoph Klimmt. "Kommunikation wird zum Dauerzustand."

Vernetzt und doch allein

Anteil der Jugendlichen in den USA, die sich häufig ausgegrenzt oder einsam fühlen (in Prozent)

Centers for disease control and prevention/nach Twenge © ZEIT-Grafik

Das Motiv "Kontakt zu Freunden" wird denn auch als erstes genannt, wenn Teenager angeben sollen, warum sie ein Smartphone brauchen. Indem sie immerfort Texte und Bilder austauschen, führen heutige Jugendliche tatsächlich ein sozialeres Leben als frühere Generationen. Sie chatten in der Schule per Skype mit der Austauschklasse in Australien, erstellen im digitalen Pingpong Videos, wehren beim Computerspiel gemeinsam böse Mächte ab – oder schieben sich übers Netz die Hausaufgaben zu. Und: Anders als all die Warnungen vor Cybermobbing suggerieren, ist der Grundsound der WhatsApp- oder Facebook-Welt respektvoll und motivierend.

Junge Kids schweben geradezu auf einem digitalen Teppich aus Herzchen, Smileys und Likes. Lustige YouTube-Filmchen sind ihre beliebtesten Posts. Doch was das Netz gibt – Aufmerksamkeit und Zeit, Bestätigung und Sicherheit –, das nimmt es auch. Die digitale Gemeinschaft erwartet Dauerpräsenz, schnelle Antworten und eine gute Performance. Menschen mit Ich-Schwäche sollten sich von dieser Welt fernhalten. Leider haben Heranwachsende entwicklungsbedingt alle eine Ich-Schwäche. Immer müssen sie sich mit Gleichaltrigen messen. Früher dienten Pausenhof, Fußballplatz, Partykeller oder Disco als Laufsteg. Heute geht das online rund um die Uhr. "Die Momente, da sich junge Menschen mit anderen vergleichen, haben sich vervielfacht", sagt Medienforscher Klimmt. "Für Heranwachsende ist das eine potenzielle Bedrohung."

Jede digitale Nachricht ein kleiner Hormonschub

Um das Pensum empfangener Posts, Nachrichten, Tweets und Meldungsschnipsel zu bewältigen, wird es nebenbei abgearbeitet: beim Zähneputzen und Frühstücken, unter der Schulbank, bei den Hausaufgaben, neben dem Fernseher, vor dem Einschlafen. Doch was viele als "Multitasking", als Bewältigung paralleler Aufgaben, bezeichnen, ist in Wirklichkeit "Task-Switching": Da man seine Aufmerksamkeit nicht teilen kann, springt man zwischen den Aufgaben hin und her. Darunter leidet nachweislich die Konzentration. In einer Studie der Universität Mainz zur Ablenkung durch Facebook gaben Studenten an, in rund 60 Prozent der Fälle, in denen sie zum Handy greifen, gerade mit einer anderen, wichtigeren Sache beschäftigt zu sein.

Schon die bloße Anwesenheit des Smartphones reicht, um die Konzentration zu senken, wie ein Artikel im Journal of the Association for Consumer Research kürzlich darlegte. Die Forscher teilten Studenten in zwei Gruppen auf und ließen sie Denkaufgaben lösen. Die einen mussten ihr Handy zuvor abgeben, die anderen durften es behalten. Das Ergebnis: Die Gruppe mit Geräten schnitt im Test selbst dann schlechter ab, wenn diese stumm geschaltet in der Tasche bleiben mussten. Im Unterbewusstsein schien das Smartphone ihnen weiter zuzuraunen: "Schalt mich an! Check deine Nachrichten!"

Doch kommt hier wirklich Neues in die Welt? Auch früher gab es unzählige Möglichkeiten, sich abzulenken. Denen widerstanden die einen besser, die anderen schlechter. Auf ihn wirke das Smartphone wie ein großer Verstärker, sagt Medienforscher Klimmt. Wissbegierige werden schlauer, Gesellige beliebter, Traurige depressiver. Vielleicht verstärkt die neue Technik also das Bestehende, im Guten wie im Schlechten, erweitert den Horizont der Erlebnisse und die Reichweite von Kommunikation um den Preis der Überlastung. Vielleicht reichen die Folgen aber auch tiefer, und wir werden gerade Zeuge eines regelrechten Umbaus der menschlichen Psyche.

Leidet die analoge Erlebnisfähigkeit, wenn man digital schon alles erlebt hat?

Klar ist: Die Generation Smartphone wird die erste sein, an der sich auch die langfristigen Folgen der Durchdigitalisierung des Alltags beobachten lassen. Etwa für die Kreativität. Die amerikanische Professorin Eva Marder schrieb kürzlich, ihre Biologiestudenten hätten heute weniger Faktenwissen, weil sie meinten, alles digital nachschlagen zu können. Doch gerade wer auf Neues kommen wolle, warnt die Neurobiologin, müsse das Alte im Kopf parat haben: "Es ist unmöglich, kreativ zu denken, ohne zu wissen, was bekannt ist." Ihre besten Ideen kamen großen Geistern oft, wenn sie gerade nicht am Schreibtisch oder im Labor saßen, sondern müßig nichts taten und scheinbar Langeweile hatten. Wer hat zuletzt einen Jugendlichen für längere Zeit aus dem Fenster schauen sehen?

Verspricht doch jede digitale Nachricht einen kleinen Hormonschub. Forscher sprechen vom Smartphone auch als "Mood-Optimizer". Was bedeutet es für die Fähigkeit, größere Herausforderungen zu meistern, wenn man daran gewöhnt ist, bei kleinen Unannehmlichkeiten zum Stimmungsaufheller zu greifen?

Keine Generation hat, bevor sie erwachsen wurde, schon so viele Strände gesehen, so viele Katastrophen verfolgt, so viele Sexabenteuer gestreamt wie die heutige. Leidet die analoge Erlebnisfähigkeit, wenn man digital schon alles erlebt hat? Und wie verändern sich soziale Fähigkeiten angesichts der digitalen Dauersozialität? Vor Kurzem gab es dazu ein interessantes Experiment: Forscher testeten die Fähigkeit von Kindern, in Gesichtern Gefühle zu erkennen. Später schickten sie den einen Teil der Kinder ins Ferienlager, wo sie fünf Tage ohne Fernsehen, Computer und Smartphone verbringen mussten. Am Ende führten sie den Test erneut durch. Beide Gruppen verbesserten sich. Doch bei jenen Kindern, die sich der kurzen Digital-Diät unterzogen hatten, erhöhten sich die Empathie-Werte stärker.

Praktisch alle Teenager

12­- bis 19­-Jährige in Deutschland, die ein Smartphone besitzen (in Prozent)

JIM 2012–2016 © ZEIT-Grafik

Vielleicht ist das Bild von der Diät ganz treffend. Jahrtausendelang hatte der Mensch zu wenig zu essen, heute leben wir im Überfluss – und sind vom Übergewicht bedroht. Wir mussten erst lernen, nicht alles, was gut schmeckt, in uns hineinzuschlingen. Das Smartphone versorgt uns heute mit einem Übermaß an Informationen, Sozialkontakten und Zerstreuungen. Noch haben wir es nicht geschafft, unseren Appetit darauf zu zügeln.

Zumal es mächtige Kräfte gibt, die das nicht wollen. Die Aufforderung, Kinder und Jugendliche müssten selbst das Abschalten lernen, ist richtig, aber auch naiv. Denn auf der anderen Seite ihres Geräts sitzen nun einmal die größten Konzerne der Welt, die ein Heer von Psychologen, Ingenieuren und Spieleentwicklern beschäftigen, um genau dieses eine zu verhindern: dass sie das Gerät abschalten.

Es ist absolut denkbar, dass wir in 30 Jahren zu der Einsicht kommen, die digitale Dauerpräsenz, für die das Smartphone steht, habe uns weit mehr Vorteile als Nachteile gebracht. Ebenso denkbar ist, dass im Jahr 2007 eine Entwicklung begonnen hat, von der man in der Rückschau sagen wird, man hätte sie nicht so laufen lassen sollen. Was wir erleben, ist ein Menschheitsexperiment in Echtzeit.

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