Können Steuerhinterzieher und dubiose Finanzjongleure jetzt noch ruhig schlafen? Seit Wochenbeginn veröffentlicht ein weltweites Journalistenkonsortium häppchenweise brisante Informationen aus einem Datenleck: 13,4 Millionen Geschäftsdokumente aus 19 Steueroasen wurden der Süddeutschen Zeitung zugespielt, gespickt mit prominenten Namen und hochnotpeinlichen Details über Geschäfte in der Karibik, im Pazifik und am Golf.

Das ist nur die jüngste in einer Serie von Enthüllungen aus Steueroasen, wo Nachfragen von Journalisten oder Fahndern normalerweise abgeblockt und abgewimmelt werden. In den vergangenen Jahren hatte es mehrere Datenlecks gegeben: die Swiss Leaks oder die Panama Papers. Jede dieser Veröffentlichungen zeigt Wirkung: Üblicherweise kommt es zu Selbstanzeigen und auch zu Festnahmen.

Und bei jeder Enthüllung wird noch etwas ganz anderes deutlich: wie gigantisch das Geschäft trotz allem ist. Die veröffentlichten Einblicke stammen ja immer nur aus wenigen Quellen. Im Fall der Paradise Papers waren es vor allem eine Anwaltskanzlei auf den Bermuda-Inseln und ein Treuhänder in Singapur. Schon dabei kommen Abertausende von Transaktionen, Scheinfirmen und involvierten Personen zum Vorschein. Und auf jede Transaktion, zu der am Ende irgendwelche Namen und Gesichter in der Zeitung zu sehen sind, kommen noch mal Hunderte, die niemand richtig zuordnen kann. Anonymität ist nämlich genau das Geschäft, das man an solchen Orten betreibt. In Steueroasen werden Geld, Wertpapiere oder Immobilientitel gelagert, gehandelt, vermehrt und in unübersichtlichen Strukturen versteckt – auf dass kein Steuerfahnder, kein geprellter Gläubiger und erst recht kein Journalist sie mit ihren eigentlichen Besitzern in Verbindung bringe. Bei jedem neuen Datenleck erkennt man, wie viele Neuerungen sich die Berater in den Steueroasen seit dem letzten Mal wieder haben einfallen lassen und wie saftig die Honorare sind, die sie dafür einstreichen. Kurzum: wie lohnenswert und wachstumsstark dieses Geschäft derzeit sein muss – und wie hilflos die Staaten dagegen aussehen.

2013 schätzten Geldwäscheexperten am Center for International Policy in Washington, dass selbst die gut ausgestatteten Ermittler aus den USA bei der Jagd nach "schmutzigen" Finanztransaktionen nur eine Erfolgsrate von 0,1 Prozent haben. Der auf Steueroasen spezialisierte Ökonom Gabriel Zucman von der Universität Berkeley (ZEIT Nr. 45/17) schätzt, dass acht Prozent des weltweiten Finanzvermögens schon in Steueroasen liegen – 80 Prozent davon vor irgendeinem Fiskus versteckt.

Und außer ein paar markigen Sonntagsreden, alle paar Jahre wieder, unternehmen die großen westlichen Staaten beängstigend wenig gegen den Boom in den Finanzparadiesen. Pläne für "Task-Forces" und schwarze Listen, etwa beim Reiche-Länder-Club OECD, werden selten konsequent umgesetzt. Irgendein Mitgliedsstaat muss irgendwann wieder dem Druck der heimischen Finanzlobby nachgeben oder entdeckt sein Interesse daran, bestimmte Steueroasen doch überleben zu lassen. Und wie viel Schlagkraft ist überhaupt von einer EU zu erwarten, deren Kommissionspräsident die Steueroase Luxemburg selbst mit aufgebaut hat? Oder von den USA, deren 45. Präsident höchstpersönlich in den undurchsichtigen Sümpfen des weltweiten Immobiliengeschäfts zu Hause ist? Und 2017, in der Trump-Brexit-Ära, steht die Solidarität unter den großen Staaten vor einer noch größeren Belastungsprobe. Offshore-Zentren wollen das ausnutzen und dabei gewinnen.

Zum Beispiel: in der City of London. Seit die Entscheidung für den britischen EU-Ausstieg gefallen ist, arbeiten Finanzmarkt-Lobbyisten dort besonders eifrig an einer Lockerung der Aufsichtsgesetze und an Kooperationen mit Steueroasen in aller Welt. Geldwäschefahndern stieß ein Vorhaben der Premierministerin Theresa May besonders übel auf: Sie wollte zeitweise das Serious Fraud Office mit seinen gefürchteten Finanzfahndern auflösen. "Wenn Sie glauben, die City of London sei korrupt, dann warten Sie erst mal ab, was Lobbyisten und Fantasten dort nach dem Brexit vorhaben", spottet Nicholas Shaxton, ein britischer Finanzexperte.

In den USA hatte die Obama-Administration noch zaghaft versucht, den Finanzmarkt transparenter zu gestalten. Unter Donald Trump geht es in die Gegenrichtung. China, das seit vielen Jahren seine Einnahmen aus dem Exportgeschäft in aller Welt anlegt, steigt zu einem wichtigen Gestalter des Weltfinanzmarkts auf. Die Aufsicht dieses Marktes aber hat bei den Chinesen kaum Tradition. Tatsächlich betreibt die Volksrepublik eine Handvoll Steueroasen für eigene Zwecke: vom Börsenplatz Hongkong über die Kasino-Insel Macau bis hin zur obskuren Freihandelszone Khorgos und Horgos an der kasachischen Grenze, die auch "die Kaimaninseln von China" genannt wird.

Am Arabischen Golf ist die Steueroase Dubai zum Dreh- und Angelpunkt der Weltwirtschaft aufgestiegen. "An solchen Orten geht es um mehr als das reine Finanzgeschäft", sagt Andrew Feinstein, ein früherer Politiker aus Südafrika, der seit Jahren in der Offshore-Welt recherchiert. In Dubai gebe es nicht nur Briefkastenfirmen, dort träfen Käufer und Verkäufer einander persönlich. Sie könnten dort Deals einfädeln, bei denen nicht alles mit rechten Dingen zugehe: zum Beispiel eine Waffenlieferung, die ein Embargo umgeht, oder ein Rohstoffgeschäft, bei dem die Menschenrechte versklavter Minenarbeiter unbeachtet bleiben. "Die finanziellen Arrangements können sie gleich vor Ort miterledigen", sagt Feinstein. Sprich: Man verhandelt diskret im Siebensternehotel am Golf und geht über die Straße, um die Geldwäsche zu arrangieren.

Sieht man es so, ist der Begriff "Steueroasen" viel zu eng gefasst. Fahnder und Branchenkenner sprechen lieber allgemeiner von "Offshore-Finanzzentren" oder von "Geheimhaltungs-Jurisdiktionen". Blickt man in die schmutzigen Ecken dieser Schattenwelt, ist Steuerbetrug noch die harmloseste Aktivität. Ganze Zonen der Gesetzlosigkeit sind entstanden, in denen alles läuft, was von umfassender Diskretion profitiert. Das geht bis zu Medikamententests, die den Behörden westlicher Länder als zu riskant erscheinen. Oder Finanz- und Handelsdeals mit Drogenbanden. Es gibt Südseeinseln, auf denen Verbrecher die Staatsbürgerschaft erhalten – sogenannte goldene Visa –, wenn sie ihr herangeschlepptes Vermögen vor Ort investieren. Den Beruf des Finanzfahnders auszuüben ist hingegen streng untersagt.

In Lateinamerika, wo engagierte Staatsanwälte seit Jahren zahllose Skandale bei Öl- und Baufirmen enthüllen, stößt man bereits auf eine neue Dimension der Korruption. Dort wurden Fälle dokumentiert, bei denen nicht einfach Politiker geschmiert wurden, damit sie Bauprojekte absegnen und bei dubiosen Kostensteigerungen beide Augen zudrücken – einige Projekte wurden offenbar überhaupt erst in Angriff genommen, weil dabei Gelder abgezweigt werden konnten: Es wurden Raffinerien erworben, Fußballstadien errichtet und Städte umgeplant, obwohl alles gänzlich überflüssig war.

Das ist die größte Gefahr, die von einer wild wuchernden Offshore-Welt ausgeht: "political capture", die Übernahme der Politik durch eine neue Gesetzlosigkeit. Genau das, was passiert, wenn Milliardensummen steuerfreien Schmiergelds auf korrupte Politiker warten, anonym auf ein Offshore-Konto gezahlt. Und wenn diese Politiker im Gegenzug nur eines sicherstellen: dass der Geldfluss aus ihren Heimatländern in jene Steueroasen niemals versiegt.