Im Verhandlungssaal 203 des Landesgerichts für Strafsachen in Wien geht es um Drogen, genauer gesagt um gestrecktes Heroin und eine amateurhafte Schmuggelfahrt von Holland nach Österreich. Rudolf Mayer verteidigt den 22-jährigen Herrn C., den einzigen der vier Angeklagten, der an diesem Vormittag Anzug und Krawatte trägt. Mayer hat schon Schlimmeres gesehen, weit Schlimmeres als ein bisschen Heroin. In Österreich kennt man ihn als den Anwalt ohne Berührungsangst mit den blutigsten Fällen.

Für Herrn C. legt er sich an diesem Morgen trotzdem ins Zeug, als sei es einer seiner wichtigsten Prozesse. "Ohne Anwalt", schmettert Mayer den Schöffinnen entgegen, "hat er bereits bei der Polizei gestanden: 'Ich konnte nicht Nein sagen. Ich war nur der Chauffeur.'" Mayer deutet auf eine junge Frau im Gerichtssaal. "Er hat heute einen Job", sagt er bedeutungsschwanger, "und seine Freundin ist da, eine Kanzleiassistentin bei einem Rechtsanwalt."

Es ein typischer Mayer-Auftritt, das erzählen Strafverteidiger und Staatsanwälte. Mit viel Geschick und Gespür wirbt er bei Richtern, Schöffen und Geschworenen um Mitgefühl für seine Mandanten. Zu diesen gehörten Elfriede Blauensteiner, die als "Schwarze Witwe" in die Kriminalgeschichte einging, die "Eislady" Estibaliz C., die die zerstückelten Leichen ihrer beiden Opfer im Keller einbetoniert hatte, und der Inzesttäter Josef F., sozusagen die Crème de la Crème des österreichischen Wahnsinns. Bei Plädoyers kann die Stimme des 70-jährigen Anwalts sehr samtig werden, und der Lausbub wird wohl nie ganz aus seinem Gesicht verschwinden. Dabei ist er ein gewiefter Profi.

Wenn Mayer mit seinem schwarzen Rollkoffer voller Akten durch das Straflandesgericht eilt, wirkt er ein wenig wie ein Getriebener. Er habe zu Hause sogar medizinische Fachzeitschriften abonniert, um mit Sachverständigen auf Augenhöhe sprechen zu können, sagt sein Mitarbeiter Philipp Winkler. Er selbst nannte die Pension einmal den "Wartesaal des Todes". Lieber studiert Mayer weiter dicke Gerichtsakte, besucht U-Häftlinge und hält im Gerichtssaal gefühlige Plädoyers.

Außerdem trainiert Mayer zweimal in der Woche in der Boxunion Favoriten. Auch im Ring sei er ein unermüdlicher Arbeiter, sagen Jüngere. Als Präsident eines im Keller der Boxunion eingemieteten Clubs fordert er von seinen Athleten gerne "bedingungsloses Kämpfen". Einmal verließ Mayer aber selbst ein bisschen sein Instinkt. Im Jahr 2008 übernahm er die Verteidigung von Josef F., der seine Tochter in einem Kellerverlies gefangen gehalten und mit ihr sieben Kinder gezeugt hat. Der beispiellose Fall brachte den Anwalt zwar weltweit ins Fernsehen, war "vom Image her aber ein gewaltiger Schaden", sagt Mayer heute. "Es haben sogar Stammklienten von mir gesagt, was brauchst denn so einen machen." Drohanrufe in seiner Kanzlei standen in dieser Zeit an der Tagesordnung.

Warum Mayer den aussichtslosen Fall übernahm, wunderte auch die robusteren Gemüter unter seinen Kollegen. Immerhin gehörte er schon zu den arrivierten Strafverteidigern. Mayer ist auch im Vorstand der Vereinigung österreichischer Strafverteidiger, die für eine Aufwertung der Berufsgruppe lobbyiert. Und er betont gerne, dass nicht nur Mörder und Messerstecher, sondern auch Wirtschaftsbetrüger, sogenannte Kriminelle mit weißem Hemdkragen, zu seinem Alltagsgeschäft gehörten.

Anders als viele Advokaten erweckt der Sohn eines Opernsängers den Anschein, aus kleinen Verhältnissen zu stammen. Auch vor Gericht drückt er sich betont volkstümlich aus und pflegt jene Dativ-Akkusativ-Unschärfe, die viele Politiker in Wien massentauglich wirken lässt. "Niederlagen müssen einem allgemein stärker machen", sagt er zum Beispiel.

Mayer fand spät zur Strafjustiz, erst mit 29 Jahren begann er zu studieren. Aufgewachsen ist er vor allem in einem Internat, in dem die körperliche Züchtigung noch alltäglich ist. Er versuchte sich als Balletteleve, später als Schauspieler, verdiente sein Geld als Kellner in dem Szenelokal Motto, arbeitete im Sozialreferat von Floridsdorf und war Bewährungshelfer. Der Glaube des jungen Bewährungshelfers an das Gute im Menschen ist heute verblasst, jener an die Kraft der Schauspielerei aber nach wie vor lebendig. Den Fleiß des Anwalts habe er damals noch nicht gekannt. "Ich war überhaupt nicht ehrgeizig, ich bin ein Alt-Hippie", sagt Mayer und grinst sein verschmitztes Bubenlächeln.