Am letzten friedlichen Sonntag, eine Woche vor der Katastrophe, erlaubt der Pastor sich noch einen Scherz über das Jenseits. Frank Pomeroy, ein kräftiger Mann mit Bikerbart, predigt zu der Gemeinde von Sutherland Springs über Gottvertrauen; und um das zu veranschaulichen, hat er sein Motorrad mitgebracht. Blank geputzt steht die schwere Maschine im Altarraum, dahinter Blumen und das Podium des Predigers, rechts ein Schlagzeug, links lehnen E-Gitarre und Bass – die Instrumente eines texanischen Landgottesdienstes. Ein Gemeindemitglied singt Happiness is the Lord; und Pastor Pomeroy, angetan mit Schlips zum Jeanshemd, lobt den Sänger. Ein gutes Lied! "Aber erwartet jetzt nicht, dass ihr im Paradies ein Motorrad bekommt!"

Es ist der 29. Oktober in Sutherland Springs, Texas. Es ist der Sonntag vor dem Sonntag, an dem 26 Menschen im Gottesdienst erschossen werden, in einem Dorf mit kaum siebenhundert Einwohnern. Eine Überlebende wird sagen: "Du denkst, du bist sicher im Haus des Herrn, doch dann tritt das Böse durch die Tür." Noch steht das weiße Kirchlein unversehrt, ein dicker Leuchtturm auf flachem Land. 20 Kilometer bis San Antonio, die nächste Millionenstadt; 200 Kilometer bis Houston, die größte Metropole des Bundesstaates. Pomeroys Gemeinde in der First Baptist Church ist ein bunter Haufen einfacher Leute. Sie sind nicht sehr viele und wirken nicht sehr fromm. Kinder laufen während der Predigt umher.

Frank Pomeroy, der Hauptpastor, der überlebt, weil er am blutigen Sonntag ausnahmsweise verreist sein wird, vergleicht jetzt das Gottvertrauen mit dem Motorradfahren: Man legt sich in die Kurve, obwohl einem das anfangs ganz falsch vorkommt, aber dann merkt man, eben durch dieses Sichhineinlegen richtet sich die Maschine nach der Kurve umso sicherer wieder auf. Pomeroy spricht schwungvoll und überzeugend. Der weiße Biker ruft " Amen!" so lässig wie die schwarzen Pastoren in der Bronx. Er zitiert die Fantasy-Autoren C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien. Auf der Website seiner Kirche kann man nachhören, wie er sagt: "Vertraue dem Herrn von Herzen, und verlasse dich nicht auf dein eigenes Verständnis der Welt. Lehn dich an ihn an!"

Den Satz wiederholt Pomeroy nach dem Massaker unter Tränen. Montag, der 6. November, der erste Tag der neuen Zeitrechnung des Schreckens: "danach". Pomeroys Aushilfspastor Bryan Holcombe ist tot, erschossen, als er zum Predigtpult gehen wollte. Holcombes Frau Karla, ihr Sohn Marc Daniel und dessen kleine Tochter Noah, ein Jahr alt, sind auch tot. Die Schwiegertochter von Pastor Holcombe, Crystal, und drei ihrer fünf Kinder sind tot: Emily, Megan, Greg. Sie alle starben durch die Hand des 26-jährigen Ex-Soldaten und Ex-Wachmanns Devin Patrick Kelley. Warum? Die Ermittler wissen es noch nicht.

Nur dies: Kelley schoss am 5. November gegen Mittag zuerst mit einem Sturmgewehr Ruger AR-556 durch ein Kirchenfenster auf die Gemeinde. Dann betrat er die Kirche und tötete systematisch jeden, der sich nicht unter den Bänken verkriechen konnte. Die Überlebenden erzählen, wie Kelley zu den Niedergeschossenen zurückkehrte, um zu prüfen, ob sie auch tot seien. Lebten sie, schoss er ihnen in den Kopf. Er schoss scharf auf Kinder, die schrien. Auch Pomeroys Tochter Annabelle, 14, ist tot.

Was soll der Pastor antworten, wenn die Journalisten ihn nun fragen, bei der Pressekonferenz am Montag, unter freiem Himmel direkt vor der Kirche, womit er die Gemeinde tröste? Frank Pomeroy steht fröstelnd in der Sonne und antwortet sehr leise: "Daran arbeite ich noch, danke."

Auf der Wiese neben der Kirche sucht ein Dutzend FBI Agenten mit Metalldetektoren nach Spuren. Die neuesten Erkenntnisse hat man den Journalisten bereits mitgeteilt: Das Verbrechen sei weder religiös noch terroristisch motiviert gewesen. Indizien deuten auf einen familiären Hintergrund hin, denn die Schwiegermutter des Täters ging hier regelmäßig zur Kirche. Als der leitende Ermittler des FBI und der Sheriff ihre Erklärungen beendet haben, tritt überraschend Pastor Pomeroy vor die Kameras.

Der schwere Mann wirkt, als würde er jeden Moment zu Boden sinken. Meist spricht seine Frau Sherri, die tapfer eine Erklärung vom Handy abliest. "Ich finde Trost in dem Gedanken, dass unsere Tochter von ihrer kirchlichen Familie umgeben war, als sie starb." Mehr wolle sie jetzt über Annabelle nicht sagen, aus Respekt vor all den anderen Toten. Am Ende wird der Pastor gefragt, ob er in der Tragödie irgendeinen Sinn sehe. Er sagt: "Ich verstehe es nicht, aber mein Gott versteht es." An die betroffenen Familien gewandt, fügt er hinzu: "Lean into the Lord!"