Von der Seite fällt das Licht in diesem Buch, indirekt, nicht von vorn oder oben; das macht es zu einer rundum erstaunlichen Lektüre. Denn der zeithistorische Hintergrund der Tagebuchnotizen, die Michael Rutschky unter dem Titel In die neue Zeit veröffentlicht hat, ist ja nichts Geringeres als ein welthistorischer Epochenbruch: das Jahr 1989, von Rutschky miterlebt in Berlin. Doch in den Aufzeichnungen des Essayisten und passionierten Fotografen aus den Jahren 1988 bis 1992 konzentrieren sich Ton und Beleuchtung auf den Alltag, nicht auf das große Historiendrama. Das unscheinbare Detail, die kleine Szene sind wichtiger als Draufsicht und Panorama. Mit dem Rutschkyismus vertraute Kenner haben das in vielen seiner Texte schon erlebt, so auch in seinem großartigen Tagebuch Mitgeschrieben über die Zeit von 1981 bis 1984. Aber dass Rutschky die Wonnen der Alltäglichkeit so konsequent auch dann entdeckt, wenn Helmut Kohls Mantel der Geschichte in Deutschland orkanartig herumgewirbelt wird, beeindruckt doch.

Also liest man einiges über das Privatleben eines deutschen Intellektuellen namens R., Jahrgang 1943, das Zusammenleben, Beobachten und Diskutieren mit seiner Frau, der 2010 verstorbenen Publizistin Katharina Rutschky, von den Hunden Nickel und Kupfer, von den Streifzügen und neugierigen Herumstromereien durch Berlin, den vorsichtigen, überraschten Erkundungen im Osten. Das Neue wird sorgsam registriert. Mit Karl Schlögel und Gerd Koenen speist R. in Phoenix, Arizona, bei Burger King, was er genau beschreibt; ebenso präzise seine Probleme mit den Klopsen bei einer Abendeinladung von Joachim Sartorius und Karin Graf. R. telefoniert und träumt sehr viel in diesem Tagebuch, unter anderem vom Massengräber aushebenden Rainald Goetz. Rutschkys Tagebuch ist eine Mischung aus Selbsterkundung und ständig durchreflektiertem Augenzeugenbericht, die literarische Ethnologie einer versunkenen, seltsamen Welt, zudem mit feinem Sensorium für Skurrilitäten und vielen plastischen Szenen. Wie gut, dass Michael Rutschky damals so genau hingeschaut hat.

Michael Rutschky: In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988–1992. Berenberg Verlag, Berlin 2017; 288 S., 25,– €