Soll man ins Tyrannenland Nordkorea reisen? Ist die Empörung über Fußballfunktionär Christian Constantin heuchlerisch? Soll die Schweiz der EU beitreten? Die Antworten auf all diese Fragen, sie lauten: Ja und Nein.

Wer heute in der Schweiz eine Zeitung aufschlägt, der findet in aller Regel seine Meinung bestätigt. Oder er bildet sich bei der Lektüre eine, weil das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert wird. Einerseits, andererseits. Pro und Contra.

Die Schweiz hat sich seit den siebziger Jahren und in einem zweiten heftigen Schub in den neunziger Jahren vom Land der Parteiblätter zu einem Land der Forumszeitungen entwickelt. Publizistische Erzfeinde wurden erst zu Kooperationspartnern, später zu Verlagsfreunden und verschmolzen dann, frei von parteipolitischen Altlasten und manchmal unter neuem Namen, ganz miteinander.

Eine der Vorreiterinnen dieser großen Medienkonzentration ist die Mittelland Zeitung der Verlegerfamilie von Peter Wanner. Mit ihren neun Kopfblättern und den verlagseigenen Radio- und Fernsehstationen liegt die ganze Nordwestschweiz publizistisch inzwischen in ihren Händen. Die AZ Medien sind konkurrenzlos, abgesehen von den Regionaljournalen des öffentlichen Schweizer Radios. Je stärker eine Zeitung zum Monopolblatt wird, desto mehr wird der Sowohl-als-auch-Journalismus, die Entpolitisierung der Publizistik, zum Garant für Glaubwürdigkeit – und zur Überlebensstrategie im Kampf um jeden Abonnenten. Das weiß man auch im Kanton Graubünden. Doch das steht, so fürchten nun manche dort, auf dem Spiel.

Die Basler Zeitung, die zu einem Drittel dem nationalkonservativen Milliardär Christoph Blocher gehört, und die Südostschweiz von Hanspeter Lebrument führen Gespräche über einen gemeinsamen Mantelteil. Inland-, Ausland- und Kulturthemen würden demnach künftig gemeinsam erstellt, die Artikel von Basel nach Chur geschickt – und umgekehrt. Das Ziel ist klar: Geld, also Stellen sparen.

Die Bündner fürchten, dass ihr Leibblatt nach rechts driftet

Befürchtet wird aber auch, dass SVP-Politiker Blocher damit sein publizistisches Einflussgebiet vergrößern will. Nicht irgendwo, wie in diesem Sommer, als er 25 Gratisanzeiger kaufte, mit denen er 800.0000 Leser erreicht. Sondern in seiner zweiten Heimat, in Graubünden. Dort, wo sein erstes Lebenswerk, die Fabrik der EMS-Chemie, steht und wo er das Schloss Rhäzüns besitzt. Dort, wo seine Tochter inzwischen in seine Fußstapfen getreten ist. Als Chefin des wichtigsten Arbeitgebers in der Region und als Nationalrätin der SVP.

In einem Appell rufen nun 800 Politiker, Prominente und Sympathisanten aus dem Ober- und Unterland "zur Rettung eigenständiger und freiheitlicher Medien" im Bündnerland auf. Sie fürchten, dass die Südostschweiz nach rechts driftet, politische Schlagseite bekommt. Und sie rufen Verleger Hanspeter Lebrument dazu auf, die Verhandlungen abzubrechen.

Lebrument hat die publizistische Hoheit über den Kanton Graubünden. Seine wichtigste Zeitung ist die Südostschweiz mit einer Auflage von knapp 40.000 Exemplaren. Weitere Ausgaben erscheinen in Glarus, Schwyz, im Sarganserland und im St. Galler Linthgebiet. Der einzige Konkurrent, das Bündner Tagblatt mit einer Auflage von gut 8.000 Exemplaren, gehört zum selben Verlag und ist über einen Inseratenverbund mit der Südostschweiz verbunden. Wer in einem Blatt eine Anzeige schaltet, findet sie auch im anderen gedruckt.