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Es ist gerade modisch, Abgesänge auf die USA zu halten und das Hohelied auf die EU zu singen. Auch unsere Kollegen Jörg Lau und Bernd Ulrich plädierten vor zwei Wochen ("Im Westen was Neues", ZEIT Nr. 43/17) für eine postatlantische Außenpolitik der Europäischen Union. Die Vereinigten Staaten von Amerika, schrieben sie, hätten jedweden moralischen, militärischen und politischen Führungsanspruch verwirkt. Mit der Wahl von Donald Trump hätten sich die amerikanischen "Krankheiten" derart verselbstständigt, dass die vernünftigen Kräfte in den USA sie nicht mehr ausgleichen könnten. Diese Analyse ist ebenso verwegen wie die Vorstellung, dass stattdessen Europa und vor allem Deutschland weltpolitisch führen sollen. Denn wie gesund ist denn im Augenblick Europa?

Auch wir sind der Meinung, dass die EU deutlich mehr weltpolitisches Gewicht entfalten muss, denn die amerikanische Regierung scheint derzeit eher Risiko als Sicherheitsgarant zu sein. Im gleichen Maße wie Amerika seine globale Verantwortung zurückfährt, steigert es seine Irrationalität. Die Vereinigten Staaten sind insofern "krank", als ihre politische Kultur verkommt; Trump ist deshalb nicht bloß eine unfallartige Verirrung. Doch wegen dieser Diagnose den Atlantizismus begraben zu wollen ist eine seltsame Vorstellung von Heilung. Noch dazu, wenn sie von einem Kontintent kommt, der selbst ziemlich angeschlagen ist.

Das Symptom "Donald" steht für Elitenverachtung, für Misstrauen in Institutionen und Gewaltenteilung, für eine von Feindbildern getriebene Spaltung der Gesellschaft sowie für die Sehnsucht nach Abschottung und Schutz vor dem kulturell, religiös oder ethnisch Anderen. Genau damit ist allerdings eine innerwestliche Krise beschrieben, nicht bloß eine inneramerikanische.

In Frankreich hätte um ein Haar eine rechte Anti-Establishment-Kandidatin die Präsidentschaftswahlen gewonnen, in Österreich regiert demnächst wohl die nationalistische FPÖ mit, in Ungarn träumt Ministerpräsident Victor Orbán von der Errichtung einer "illiberalen Demokratie", in Polen hält die Regierungspartei PiS das "Volkswohl" im Zweifel für wichtiger als das Recht, und in Italien führt die populistische Fünf-Sterne-Bewegung die Umfragen an. Allein diese Momentaufnahme gibt kaum Anlass zu Europastolz. Die historische Betrachtung tut es noch weniger.

Im Gegensatz zu den meisten Staaten Europas ist Amerika eine fast 250 Jahre lang gewachsene und widerstandsfähige Demokratie. Es geht in ihr brutaler und kompetitiver zu, ja. Aber diese Virilität steckt auch in ihren Institutionen, den Checks and Balances. US-Bundesstaaten schließen ein Bündnis für den Klimaschutz, Städte bieten von Abschiebung bedrohten Einwanderern aus Lateinamerika eine Zuflucht. Soeben kippten Gerichte Trumps dritten Versuch, Bürgern aus bestimmten muslimischen Staaten die Einreise in die USA zu verweigern. Auch stoppten sie den Plan, Transsexuellen die Aufnahme ins Militär zu verweigern. Das Justizministerium setzte einen Sonderermittler ein, der gegen den Präsidenten und seine Entourage ermittelt.

Amerikas Gewaltenteilung funktioniert. Und es gibt Qualitätsmedien, die, anders als Trump wähnt, nicht scheitern, sondern Reichweitenrekorde feiern. Wo findet man all das in Mittel- und Osteuropa? Östlich der Elbe fehlt dem Kontinent wegen mangelnder Freiheits- und schlecht aufgearbeiteter Diktaturerfahrungen eine demokratisch-liberale Tiefengrundierung. Der Muslim-Bann ist de facto Realität in Ungarn, der Slowakei, Polen und Tschechien. Der Argwohn dieser Staaten gilt eher den Hegemonen in Berlin und Brüssel als dem in Washington. Kurzum: Die EU müsste erst einmal selbst auf die Therapeuten-Couch, bevor sie sich zum geistig-moralischen Vorbild der USA erklärt.

Außerdem wären da noch ein paar Konstruktionsmerkmale, die Europa beständig darin bremsen, zu einer alternativen Ordnungsmacht aufzusteigen. Eine Gruppe aus 28 Staaten, die ausdrücklich kein Superstaat werden will, kann schwerlich eine Supermacht sein. Im Zweifel triumphiert Souveränitätsegoismus über strategischen Gemeinsinn.

So nennt Angela Merkel zwar ein Europa, das "mit einer Stimme" spricht, eines ihrer wichtigsten Zukunftsprojekte. Doch sie ist nicht bereit, wichtige Kompetenzen an Brüssel abzugeben, etwa in der Energiepolitik. Deshalb wird auf den Berliner Wunsch hin die Nord-Stream 2-Pipeline von Russland nach Deutschland gebaut, obwohl dies den Versorgungs- und Sicherheitsinteressen der Osteuropäer widerspricht.

Andere Länder pflegen wiederum ihre Spezialinteressen. Auf eine gemeinsame Anerkennung des Kosovo konnten sich die EU-Mitgliedsstaaten vor zehn Jahren ebenso wenig einigen wie heute auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik.

Im europäischen Stuhlkreis

Eine klassische Supermacht zu sein – das habe die EU auch gar nicht nötig, sagen Lau und Ulrich, schließlich müsse man Macht heute anders denken, als es die USA täten, partnerschaftlicher, kooperativer.

Das wird in einem ernsten Konfliktfall aber nicht reichen.

Gerade wer militärische Gewalt vermeiden möchte, muss in der Lage sein, glaubhaft mit ihr zu drohen. Davon ist Europa weit entfernt, materiell wie mental. Zwar haben viele EU-Staaten damit angefangen, ihre Armeen zu verzahnen, aber noch immer produziert der militärische Flickenteppich doppelte und dreifache Kapazitäten, im Waffenbestand wie in der Beschaffung. Allein um ihr Militär auf die nächste, nämlich die digitalisierte Technikstufe zu hieven, müssten die EU-Staaten Milliarden Euro aufwenden. Wer im Post-Euro-Krisen-Raum hebt dafür die Hand?

Weil die EU bekannt ist für ihre stuhlkreishafte Haltung gegenüber allem Militärischen, war sie zu den Genfer Friedensverhandlungen für Syrien nicht einmal eingeladen. Und wo war Europas friedensstiftende Kraft zu Beginn des Syrienkrieges, als man humanitäre Schutzzonen im Land noch hätte einrichten können?

Gerade die Deutschen haben sich derart an die jahrzehntelangen Gratis-Leistungen der Amerikaner inklusive des Atomschirms gewöhnt, dass sie darüber vergessen haben, welche Kosten strategisches Handeln mit sich bringt. Lau und Ulrich fordern immerhin eine höhere "Ambivalenzkompetenz" der Europäer. Das heißt: die Fähigkeit, mehr Dinge gleichzeitig zu tun, selbst wenn diese auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, wie etwa in Ankara auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, aber die Türkei zugleich nicht fallen lassen. Nur, was die Kollegen fordern, passiert ja längst. Mit Ambivalenzkompetenz, oder vulgo: Widersprüchlichkeit, hat die Waffen-Nach-Saudi-Arabien-Exportnation Deutschland das geringste Problem.

Die Hauptherausforderung übergehen die Eurozentristen: Wer sich von Amerika abwendet, muss selbst zu größeren Opfern bereit sein. Woher zum Beispiel will Europa seine Geheimdienstinformationen bekommen, wenn es sein Abo bei der CIA kündigt? Wären die Deutschen – wie die Amerikaner – bereit, eigene Spezialtruppen unter Lebensgefahr in IS-Gebiete zu schicken, damit sie dort zur Vereitelung künftiger Anschläge Dschihadisten-Computer beschlagnahmen?

Die EU ist ziemlich stark darin, ihre Stärken zu beschwören, und ziemlich schwach darin, ihre Schwächen einzugestehen. Das gilt auch für ihre machtpolitische Kernkompetenz: die Wirtschaft. Sie gründet auf Voraussetzungen, die Regierungen selbst nicht schaffen können, nämlich unter anderem auf der gesellschaftlichen Bereitschaft zum Abbau von Handelshemmnissen über das Gebiet der EU hinaus. Genau diese Offenheit ist aber auch in Europa knapp. Von Einigkeit in Sachen Freihandelsabkommen keine Spur, über den Ceta-Vertrag mit Kanada und TTIP mit Amerika ist der alte Kontinent gespalten. Wann immer die 28 EU-Staaten mit einer Stimme zu sprechen versuchen, fühlt sich mindestens einer übergangen – und blockiert.

Eine seltene und rühmliche Ausnahme bildet die geschlossene Sanktionsfront gegen Russland nach der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion. Doch wie lange wird sie halten? Der Zuspruch für die proeuropäische Bewegung in der Ukraine hielt sich vor allem in Deutschland in Grenzen. Ungarn, Bulgarien sowie Unternehmer in der gesamten EU wünschen sich eine nachgiebigere Haltung gegenüber Russland. So viel zur Freiheitsbegeisterung der Europäer.

Zu einer Grundkrankheit des absteigenden Amerikas zählen Lau und Ulrich neben Rassismus, Todesstrafe und unsozialem Gesundheitssystem dessen "elitäres Bildungssystem". Abgesehen davon, dass die Todesstrafe auf dem Rückzug ist und Obamas Gesundheitsreform bislang der Trumpschen Abrissbirne trotzen konnte – es ist richtig, Amerika hat die elitärsten Unis der Welt. Und zugleich die besten. Superbildung gibt es aber eben nicht nur für die Superreichen. Zahlreiche Stipendien ermöglichen sozial Schwachen und Angehörigen von Minderheiten oft eher eine Spitzenausbildung als in den vermeintlich egalitären Gesellschaften Europas.

Risikofreudige Amerikaner

Selbst wenn man der These folgt, dass Bildungschancen in Europa gerechter verteilt sind: Warum gelingt es der Alten Welt dann so viel schlechter, Wissenschaftsmacht in Wirtschaftsmacht umzuwandeln? Fast alle bahnbrechenden Erfindungen der letzten Jahrzehnte kommen aus den USA: das Internet, Smartphone, Facebook, YouTube, Netflix, künstliche Intelligenz, attraktive Elektroautos und schmackiges Craft-Beer. Könnte all dies etwas mit einer produktiven Risikofreude der Amerikaner zu tun haben?

Trump fiel nicht vom Himmel, seine Wahl steht für eine gewollte Dummheit. Wenn Europa sich klug anstellt, kann es von dieser Dummheit profitieren. Schon jetzt beläuft sich der EU-Handel mit Asien auf etwa 1,6 Billionen Dollar im Jahr, der Handel Amerikas mit Asien auf lediglich 1,1 Billionen. Wenn die EU sich gemeinsam mit China zum neuen Vorkämpfer gegen Protektionismus und für moderne Klimaschutztechnik macht, wird Amerika weiter zurückfallen.

Es gibt nichts zu romantisieren am transatlantischen Verhältnis, aber umso mehr zu reparieren. Das Unrecht von Guantánamo, der Waffenwahn und Drohnen-Morde wirken weiter trennend. Und weil die amerikanische Neigung zum Exzess derzeit eher zu- als abnimmt, muss Europa ein stärkeres Gegengewicht bilden. Aber diese neue Stärke muss sich innerhalb einer Partnerschaft mit Amerika entfalten, nicht außerhalb von ihr. Denn bevor Europa dort ist, wo unsere Kollegen es schon heute sehen, ist Trump längst Geschichte.