"Ich fühle mich frei"

Ich bin ein Vorwärtsmensch geblieben, wie ich es im Workshop von Daniel Neugart gelernt habe. Ich war zwölf Jahre lang Hotelfachfrau und 17 Jahre Personalfachfrau. Dann wurde meine Stelle wegen struktureller Änderungen plötzlich gestrichen, und ich wurde arbeitslos. Das hatte einen Einfluss auf mein ganzes Leben, auch auf meine Ehe. Wir haben uns getrennt, nach 24 Jahren. Früher habe ich in der Region Basel gewohnt, heute lebe ich im Luzerner Hinterland. Eine Freundin hat mir angeboten, zu ihr zu ziehen, weil einfach keine Tür aufging. Das habe ich gemacht, im Juli 2015. Aber hier war es auch schwierig. Zum Glück habe ich über eine andere Freundin eine befristete Stelle in einer Personalabteilung gefunden, für ein halbes Jahr. So wurde ich nicht ausgesteuert. In dieser Zeit bin ich auf Save 50 Plus gestoßen. Die Idee vom Selbstmarketing hat mich überzeugt. Ich wurde aktiv, hatte eine Tagesstruktur. Der Workshop hat mir geholfen, meine berufliche Situation besser einzuschätzen. Heute arbeite ich wieder in der Gastronomie, im Stundenlohn. Ich bin einfach in ein Restaurant gegangen und habe gefragt, ob sie Arbeit haben. Das hat geklappt. Im Frühjahr habe ich auch geholfen, Spargeln zu ernten. Um sieben Uhr war ich auf dem Feld, am Abend habe ich im Restaurant serviert. Ob das hart ist? Es ist interessant, und zum Glück bin ich körperlich fit. Ich fühle mich frei, wenn ich meine Arbeitszeit selbst bestimmen kann. Das ist ein Vorteil. Für Ferien muss ich Geld zur Seite legen, die sind nicht bezahlt. Und es gibt noch einen Nachteil: Die Situation ist ungewiss. Aber das Positive überwiegt für mich, das Neuland. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und versöhnt mit dem Prozess, der hinter mir liegt.

Monika Weintke-Fleig, 56, Hotel- und Personalfachfrau

"Jetzt hat es geklappt"

Die Bank, in der ich 18 Jahre gearbeitet habe, wurde verkauft. Sie haben mehr als hundert Leute entlassen, einer davon war ich. Erfahren habe ich es 2015, viele mussten sofort gehen, ich habe noch bis Ende 2016 weitergearbeitet. Ich war vor allem enttäuscht, dass sie mir zuerst versprochen haben, ich könne bleiben. Dann reichte plötzlich das Geld nicht mehr.

Seit fast zwei Monaten habe ich wieder einen Job, der mich sehr auslastet, bei einer Bank in Glarus. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der dort arbeitet, wusste, dass sie einen Anlageberater suchen. Davor habe ich mich überall beworben: in Graubünden, Bern, Zürich, Winterthur, im Aargau, im Bodensee-Gebiet, im Schaffhauser Weinland, im Thurgau. Jetzt hat es geklappt. Wir sind von Winterthur nach Niederurnen gezogen. Das ist schon ein Einschnitt. Auch für meine Frau. Es ist halt alles neu hier. Und wir arbeiten mit einem ganz anderen System. Ein 20-Jähriger wäre sicher schneller drin. Ich verdiene jetzt auch 30.000 Franken weniger im Jahr. Am Mittag gehe ich nicht mehr immer ins Restaurant, sondern nehme Gemüse von zu Hause mit. Ich habe mir eine Büchse Bouillon gekauft und esse in einem Raum in der Bank. Ich wünsche mir, dass ich bleiben kann, bis ich pensioniert werde. Wenn ich diese Stelle nicht erhalten hätte, hätte ich etwas anderes probiert. Vom RAV habe ich schon eine Zuweisung bekommen, um einen Krankenpflegekurs zu machen. Ich versuche vor allem, nicht mehr mit meiner Situation zu hadern.

Daniel Manzoni, 54, Banker

"Ich bin enttäuscht"

Zuerst habe ich Erdwissenschaften studiert, später, mit 38, Maschinenbau. Dazwischen habe ich ein Nachdiplomstudium absolviert, im Energiebereich. Ich habe bei Firmen gearbeitet, die Wärmepumpen und Kühlmaschinen herstellen. Seit Oktober 2015 bin ich stellenlos. Seit bald einem Jahr mache ich Postzustellung bei einem privaten Unternehmen. Dort kann sich jeder melden und wird genommen. Immer am Mittwoch müssen wir die Post sortieren. Das braucht verdammt lange, manchmal mehr als acht Stunden. Wenn es viel zu verteilen gibt, stehe ich am Donnerstag um sechs Uhr auf. Ich verdiene 21,80 Franken in der Stunde. Die Zeit ist vorgegeben, je nach Menge, wer länger braucht, wird dafür nicht extra bezahlt. Es ist ein Chrampf. Aber es gibt ein bisschen Geld, 1100 bis 1200 im Monat. Seit ich mein Einzugsgebiet erweitern konnte, verdiene ich etwa 2400 Franken im Monat. Das ist grad an der Armutsgrenze. Ich habe mich gefreut, dass ich in diesem Jahr bei einem Apparatebauer noch ein bisschen technisch zeichnen konnte. Die Zusammenarbeit war aber schwierig, mein Chef hat nicht alles bezahlt. Ich hatte einfach Pech. Schon wieder. Ich bin enttäuscht. Maschinenbauingenieur wäre eigentlich ein gefragter Beruf. Aber wegen der Personenfreizügigkeit wird oft Fremden der Vortritt gelassen. Zum Glück kommt jetzt im Januar die Initiative der SVP. Da werde ich unterschreiben. Und bewerbe mich weiter. Am liebsten würde ich zurück in die Industrie.

Urs-Christian Schäfer, 52, Maschinenbauingenieur

"Rasch weg vom Fenster"

Ende 2013 habe ich meine Stelle verlassen. Wegen Bossing von meinem Chef. Danach war ich eine Weile krankgeschrieben und habe monatelang nach etwas Neuem gesucht. Vergeblich. Ich habe mir sehr Mühe gegeben mit meiner Bewerbung. Aber wenn man kein Vitamin B hat, hat man einfach keine Chance. Anfang Jahr habe ich mich für eine Stelle bei einer Sicherheitsfirma beworben. Die habe ich bekommen, zum Glück. Jetzt arbeite ich in einer Klinik in Aarau. Vom Weg her ist das nicht ideal. Von Bützberg, wo ich wohne, habe ich fast eine Stunde. Und der Lohn ist bescheiden. Manchmal komme ich nur gerade auf 2.000 Franken im Monat. Ich arbeite nachts, wie mein Partner, da habe ich mich angepasst, sonst sehen wir uns überhaupt nicht. Es war natürlich schon eine Umstellung. Ich habe eigentlich kaufmännische Angestellte gelernt. Bis Anfang 20 war ich im Büro. Dann habe ich in einer Kantine gearbeitet. Nachdem ich Mutter geworden bin, habe ich auf dem Märit gearbeitet, später ein Bed and Breakfast geführt. Jetzt mache ich also Kontrollrundgänge im Spital.

Grundsätzlich geht es mir jetzt gut. Aber die Unsicherheit bleibt halt. Ich habe nicht mehr viel auf der Seite. Wenn ich krank würde, wäre ich rasch weg vom Fenster. Einen Monat bezahlt, dann ist fertig. Aber was soll ich machen? Mein Motto ist: Für das Problem, das ich morgen habe, suche ich morgen eine Lösung. Mit der Rentenreform habe ich mich natürlich schon beschäftigt, ich habe Ja gestimmt. Es muss unbedingt etwas passieren. Mein Partner und ich wünschen uns, dass wir, wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, an zwei Orten wohnen können. Im Sommer in der Schweiz und im Winter im Wohnmobil in den Staaten. Wir versuchen, jeden Monat etwas auf die Seite zu legen.

Doris Wermuth, 52, Kaufmännische Angestellte

"Das klingt fast ein bisschen esoterisch"

Ursprünglich habe ich eine Mechaniker-Lehre gemacht, danach die Handelsschule. Über viele Umwege bin ich in der IT gelandet. In den 2000er Jahren habe ich richtig Karriere gemacht. Das waren gute Zeiten. Ich war gerade in einem 20-Millionen-Projekt, kurz vor Abschluss, dann hat unser Kunde, eine Versicherung, das plötzlich gestoppt, wegen interner Veränderungen. Ich erhielt die Kündigung. Das war 2011. Zum Glück konnte ich relativ schnell zu einem großen amerikanischen Konzern wechseln. Wir hatten ein Kick-off in Las Vegas, mit mehreren Tausend Leuten. Die Arbeit hat mir gefallen, ich hatte ein gutes Leben. Ich bin rumgekommen in der Schweiz, konnte viel Homeoffice machen. Bis mir eines Tages mein Chef gesagt hat: "Wir haben ein Problem." Er setzte mich auf ein Programm für Mitarbeiter, deren Leistungen nicht stimmen. Danach musste ich jeden Tag Zahlen abliefern, man hat Reviews, muss vor einem Gremium Auskunft geben, und der Chef geht Punkt um Punkt mit einem durch. Ich habe zum Glück alles erfüllt. Trotzdem haben sie mich 2013 entlassen. Das war ein extremer Bruch. Ich habe einen Headhunter genommen, aber ich konnte nicht mehr Fuß fassen. Ich war deprimiert, bin sogar zum Psychiater gegangen. Der hat gesagt: "Vielleicht musste es so kommen." Das klingt fast ein bisschen esoterisch, aber ich glaube das heute auch. 2014 habe ich begonnen, meine eigene Firma aufzubauen. Ich vermittle medizinisches Fachpersonal: Pfleger, OP-Mitarbeiter, Ärzte. Zwischenzeitlich habe ich befürchtet, dass es nicht klappt. Ich habe wieder eine Stelle gesucht und bin auf Daniel Neugarts Website gestoßen. Sein Workshop hat mir eine Perspektive gegeben, er hat mir aus meiner Verzweiflung herausgeholfen. Mit meiner Firma läuft es jetzt zum Glück besser. Aber man hat immer wieder Tiefschläge, klar. Als wir im Frühjahr beim Bundesrat waren, bei Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, um unsere Anliegen zu deponieren, hat dieser energisch bestritten, dass man sich im Stich gelassen fühlt als Arbeitsloser. Ich glaube, er sieht einfach die Tragweite des Problems nicht, in dem man da drinsteckt. Ich habe Existenzängste gehabt, die er sicher nicht kennt. Was ich mir von der Zukunft erhoffe? Dass ich im Alter genug Erspartes habe. Das macht mir schon Kummer. Ich habe so lange gekämpft, ich möchte auf sicheren Füßen stehen. Das wäre ein unglaubliches Glücksgefühl.

Max Hirzel, 55, Mechaniker und IT-Mitarbeiter