Mein Höchstgewicht von 156,4 Kilo hatte ich, als ich 33 war. Bei 1,67 Meter Körpergröße ergibt das einen Body-Mass-Index von 56 – normal wären 18 bis 25. Durch Diäten und Sport habe ich zwar mal 33 Kilo abgenommen, aber dann nahm ich wieder 40 zu. Irgendwann gibt man auf. Wenn eine bestimmte "magische" Gewichtsgrenze erst einmal überschritten ist – 100, 110, 130 Kilo –, sagt man sich: Ach, jetzt ist es auch wurscht.

Adipositas mag auch erblich bedingt sein: Mein Vater hat leichtes Übergewicht, meine Mutter ist "gut dabei". Aber die Hauptursache war bei mir die eigene Faulheit. Ich blieb lieber auf der Couch als ins Fitnessstudio oder ins Schwimmbad zu gehen, auch weil ich nicht wollte, dass die Leute meinen Körper sahen. Und ich habe immer mehr gegessen als andere: die Hausmannskost meiner Mutter, die drei Big Macs oder Doppel-Whopper mit Pommes und Apfeltasche in der Mittagspause oder die Schokolade, mit der ich mich nach einem überstandenen Tag "belohnt" habe.

Kleidung habe ich meistens im Katalog bestellt. Ich bin nicht mehr in Freizeitparks gefahren, weil ich nicht in die Achterbahn passte, im Flugzeug musste ich um einen Verlängerungsgurt bitten. Das alles war mir sehr peinlich. Wenn ich mal höher laufen musste als in den ersten Stock, habe ich danach gekeucht wie andere Leute nach einem Langstreckenlauf. Ich hatte auch chronische Knieschmerzen, einen Fersensporn und mit 23 einen Bandscheibenvorfall. Mit 33 diagnostizierte mein Hausarzt bei mir einen beginnenden Diabetes und stellte mich vor die Wahl: Tabletten oder Operation.

Das Team des Adipositas-Zentrums empfahl mir einen Schlauchmagen. Dabei verkleinern sie den Magen auf etwa ein Zehntel seines Volumens. Um mich dazu durchzuringen, brauchte ich Monate. Ich hatte Angst, Lebensqualität zu verlieren. Und ich dachte: "Wenn ich nicht mehr essen kann, was tue ich denn dann?"

Nach der OP im Mai 2015 musste ich mir ein Dreivierteljahr lang den Wecker stellen, um überhaupt etwas zu essen, ich hatte schlicht keinen Hunger mehr. Bis jetzt habe ich 68 Kilo abgenommen, 20 weniger sollen es noch werden. Ich bin heute aktiver, beweglicher, belastbarer und offener anderen Menschen gegenüber. Nur sexuell war ich früher selbstbewusster. Wenn die Männer mich damals ansahen, wussten sie, was sie bekamen. Heute muss ich bei einem Date irgendwann die überschüssige, lasche Haut an meinem Körper thematisieren. Die werde ich mir aber wohl noch entfernen lassen.

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Protokoll: Daniel Kastner