Die Versuchung ist groß. Der Kreis derer, die sich verweigern, wird klein sein und immer kleiner werden. Endlich den Tod überwinden! Nicht vage metaphysisch, sondern konkret physisch. Der Traum aller Zeiten, realisierbar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern noch in diesem Jahrhundert.

Die Entwicklung auf dem Markt der Ewigkeiten gibt Anlass zur Vermutung, dass es ernst wird. Es geht darum, die schmerzlichste Wunde im Selbstverständnis des Menschen seit seiner Bewusstwerdung zu heilen, jetzt aber wirklich, nicht durch Vertröstungen auf ein Jenseits, sondern durch Eingriffe in die diesseitige Natur des Menschen. Einige Zeit richteten sich die Hoffnungen auf die Telomere, die Enden der Chromosomen, die die Zellerneuerung regulieren, mit fortschreitendem Alter aber abgeschnitten werden. Lassen sie sich wieder anstückeln? Ihren Entdeckern wurde 2009 der Nobelpreis verliehen, aber eine Korrelation zwischen der Länge der Enden und dem Alterungsprozess steht mittlerweile infrage.

Macht nichts, dann eben eine Stammzellenkur! Pluripotenten Stammzellen wird zugetraut, altersbedingte Schädigungen zu beheben, in jungem Blut sind sie reichlich vorhanden. In Tierexperimenten gelingt bereits diese biologische Auffrischung, die für eine Lebensverlängerung sorgen kann. Bald auch bei Menschen? Die Erfahrung lehrt, dass in der Praxis immer unerwartete Komplikationen auftreten, jüngst etwa bei der Stammzelltherapie nach einem Herzinfarkt. Aber es ist gut belegt, was diese Zellen können. Forscher werden Lösungen für die Probleme finden.

Andere träumen gar von Gehirnverpflanzungen oder der Auslagerung des Gehirninhalts in externe Speicher, etwa in eine Cloud, bis sich ein Spenderkörper für die Reinkarnation findet. Auch Eingriffe ins Genom könnten erfolgreich sein. Ächtungen oder gar Verbote wären wirkungslos: Was in einem Land nicht geht, wird anderswo möglich sein.

"Transhumanisten", Überwinder des Menschlichen, nennen sich die Verfechter solcher Visionen, Menschliches verstanden als Gebrechlichkeit und Sterblichkeit. Weiterhin können Unfälle und Krankheiten das Leben beenden, aber Ray Kurzweil, Aubrey de Grey und Gleichgesinnte vornehmlich im Silicon Valley, wo eine Biotech-Firma nach der anderen gegründet wird, werden nicht ruhen, bis jede Endlichkeit revidierbar ist. Das Ärgernis des Todes hinter sich zu lassen, nie Abschied von den Liebsten nehmen zu müssen, ewig das Leben genießen zu können: Das klingt zu verführerisch, als dass die Menschen davon abließen.

Doch was wird aus dem Leben, wenn man es zeitlich entgrenzt? Wie bei anderen Verführungen könnte es sich lohnen, einen letzten nüchternen Gedanken auf das Danach zu verschwenden. Den Visionären liegt das nicht, sie wissen nicht, was sie tun, aber sie tun es mit Macht, mit Milliarden und einem Optimismus, der nicht nach Konsequenzen fragt.

Mit dem Verschwinden der Endlichkeit könnte eine Entwurzelung einhergehen, die noch gravierender ausfällt als diejenige beim Verlust der räumlichen Heimat. Deren Bedeutung lernen Menschen spätestens dann kennen, wenn sie sie verlassen müssen. Dass Menschen auch eine Heimat in der Zeit brauchen, um leben zu können, ist weniger geläufig. Doch auch hier dürfte es der überschaubare Horizont sein, der Menschen davor bewahrt, sich zu verlieren. Einen vertrauten Rahmen bieten Tagesablauf, Wochenrhythmus und die Abfolge der Jahreszeiten. Aber eine Heimat in der Zeit ist vor allem der Horizont der gesamten Lebenszeit mit all den Jahren und Jahrzehnten, die dem Einzelnen als "seine Zeit" gegeben sind.

Was geschieht mit Menschen, wenn es ihnen nicht mehr möglich ist, zu sagen: "Das ist meine Zeit", da diese Zeit immer weiter gestreckt werden kann, letzten Endes bis ins Endlose? Die Ewigkeit könnte schrecklich sein, wenn sich herausstellt, dass Menschen nicht nur eine Ecke im Raum brauchen, in die sie sich zuweilen zurückziehen können, sondern auch eine Falte in der Zeit, die ihnen ein Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit vermittelt. Naturgemäß offeriert die Zeitspanne eines Menschen zwischen Geburt und Tod dieses Gefühl. Zwischen diesen Eckpunkten liegt die eigene Zeit, die sich in der ersten Hälfte des Lebens schier unendlich hinzieht, in der zweiten Hälfte schmerzlich knapp erscheint.

Zu Hause ist ein Mensch in dieser Zeitspanne, weil er sich einigermaßen mit den Ereignissen auskennt, den persönlichen wie auch den historischen. Er ist vertraut mit der Musik, den Gedanken, der Art zu leben und den Verhaltensweisen, die zu seiner Zeit üblich sind. Verlieren sie ihre Üblichkeit, wird ihm bewusst, dass dies nicht mehr seine Zeit ist. Mit den Jahren gleitet er allmählich aus dem Leben hinaus. Während Neuankömmlinge die Zeit, in die sie hineingeboren werden, mit größter Selbstverständlichkeit für ihre angestammte Heimat halten, beginnen die Älteren mit derselben Zeit zu fremdeln, da nichts mehr so ist "wie früher". Was Heimat in der Zeit für sie bedeutet, wird ihnen nur zu klar, wenn sie aus dem Leben gehen müssen. Was aber ist noch zeitliche Heimat, wenn es keine Grenzen gibt?