Friedrich Nietzsche schrieb einmal: "Je mehr das Gefühl der Einheit mit den Mitmenschen überhand nimmt, um so mehr werden die Mitmenschen uniformiert, um so strenger werden sie alle Verschiedenheit als unmoralisch empfinden. So entsteht notwendig der Sand der Menschheit: Alle sehr gleich, sehr klein, sehr rund, sehr verträglich, sehr langweilig." Also: Es lebe der Unterschied, auch der zwischen Jung und Alt!

Die Alten, die sich unangemessen jung geben, vertuschen im Übrigen die realen Machtverhältnisse. Macht ist etwas, das mit der Zeit aufgebaut wird, weshalb es wahrscheinlich ist, dass Alte mehr Macht haben als Junge. Die Jungen sehen, dass eine zahlenmäßig stärkere Fraktion von Alten in der Hierarchie weiter oben sitzt und dort nicht wegrotiert und überdies wie zum Hohn so tut, als sei sie selbst jung.

Apropos: Die Jungen, von denen hier die Rede ist, sind unter 35 Jahre alt. Protest, Protest! Heute ist man auch mit 45 jung, 45 ist das neue 35 undsoweiter undsofort – geschenkt.

Und gegönnt. Trotzdem ist 35 eine gute Trennmarke, denn wer 1982 geboren wurde, hat mit 19 Jahren den 11. September 2001 erlebt und in einer Zeit der Berufsorientierung die Weltwirtschaftskrise. Eine geeignete Trennmarke der Generationen auch deshalb, weil sich unter 35 die Altersgruppe der prekären Jobs befindet, zumindest gilt das für Teile der akademischen Jugend.

In Führungspositionen unterrepräsentiert, sind die Jungen überrepräsentiert in dem, was die Medien- und Werbewelt darstellt. Sie werden als langlebige Kunden umworben ("catch them young and keep them forever"). Das Jungsein wird glorifiziert, als sei es ein Lebensziel – was die Leute à la longue allerdings nur unglücklicher machen kann, je älter sie werden.

Anti-Aging ist eine biologisch besonders unplausible Form der ohnehin unglückbringenden Produktivitätspropaganda: Indem jene Alten gefeiert werden, die zu jugendlichstem Hochbetrieb fähig sind, setzt sich die Zurichtung des Menschen aufs blindwütige Produzieren fort und darüber hinaus auf den Konkurrenzkampf um befriedigende Sozialbeziehungen.

Das soll jetzt kein Lob des Stillstands werden. Es ist schon ein Problem, dass das Durchschnittsalter der Angestellten in den Betrieben steigt. Unter den Alten nistet sich der Widerstand gegen Veränderungen ein (sie haben ja auch mehr zu verlieren), und das kann in der heutigen Phase des digital getriebenen Dauerumbaus fatal sein. In sehr vielen Fällen wäre es daher sinnvoll, die Karten neu zu mischen und den Alten zuzumuten, in die zweite Reihe zu treten, um die Jungen ranzulassen. Was nicht ohne Reibungen abgehen kann, denn wer gibt schon gerne Privilegien ab? Es muss wohl hier und da mit etwas Zwang nachgeholfen werden.

Aber weil die Wirklichkeit nun einmal die Wirklichkeit ist, wird auch diese Einsicht zuweilen zur Ideologie: dann nämlich, wenn sie jenen (Alten!) als Werkzeug dient, die am Drücker sind und die Kritiker mit der Begründung neutralisieren wollen, man müsse den Laden verjüngen. Nicht dass ich alles gleichsetzen will, aber der Extremfall dieser Machttaktik sei doch erwähnt, nämlich der Jugendwahn der maoistischen Kulturrevolution. Auch der Faschismus wandte sich vorzugsweise an "die Jugend". Sie wurde gegen "das Alte" in Stellung gebracht. Perfides Spiel. Es diente dazu, zivilisierende Regeln zu zerbrechen. Und zwar nicht im Interesse der Jungen.

Diskriminierung der Alten kennt viele Varianten. Sie werden beispielsweise als altersmilde oder – umgekehrt – als altersradikal belächelt. Dieses Schicksal teilen sie interessanterweise mit den Jungen. Die gelten nämlich entweder als alterstypisch radikal oder als generationstypisch angepasst. Die Diskriminierung der Jungen oder der Alten weist mithin parallele Züge auf, lediglich die Leute in der Lebensmitte bleiben ausgespart. Sie können sich glücklich schätzen, die eine Rolle nicht mehr und die andere noch nicht spielen zu müssen. Aber, wie gesagt: Jeder kommt einmal dran.