Alexej Karenin liebt Anna. Klar: Sie ist schließlich seine Frau. Trotzdem verguckt die sich in Alexej Wronski und der sich auch in sie, aber wie, während Annas Bruder Stepan Oblonski nach einer Affäre mit seiner Gemahlin Darja, die alle nur Dolly nennen, bloß noch Scherereien hat. Und dann gibt es noch diesen Lewin, dessen Beziehungsstatus mit Dollys Schwester Jekaterina Schtscherbazkaja, Spitzname Kitty, offenkundig "Es ist kompliziert" lauten müsste.

Wie viele Abiturienten wohl bereits an dieser Soziometrie verzweifelt sind, die Leo Tolstoi in seiner Anna Karenina aufspannt?

Barbara Bürk und Clemens Sienknecht haben am vergangenen Wochenende ihre Version der 140 Jahre alten Tragödie mit dem Titel "Anna Karenina – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie" auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht, und das ist mindestens mutig. Können dem annähernd dutzendfach verfilmten Wälzer über Moral und Verkommenheit, mit dessen 1000 Seiten man Spatzen erschlagen könnte, überhaupt noch neue Facetten abgerungen werden?

Aber ja! Sobald die Darsteller, dekoriert mit Van-Halen-Frisur und Paul-Breitner-Löckchen, auf der Bühne des Malersaals stehen, zeigt sich, dass Bürk und Sienknecht keine bildungsbürgerliche Historienklamotte mit pompösen Perücken und ermüdender Länge im Sinn haben. Und auch keine postmoderne Inszenierung, bei der die Darsteller – Diskurs, Diskurs – beim Bewährungshelfer gecastet und auf der Bühne in Müllsäcke gesteckt werden (ja, zugegeben: Klischee, Klischee).

Stattdessen eignen sich die Regisseure den Realismus-Klassiker als Parodie über eine fiktive Hörfunk-Show an: "Radio Karenina", den siebziger oder achtziger Jahren entsprungen, als noch Hans "Das war Spitze!" Rosenthal und Frank Elstner der Nation die Schmunzelbefehle erteilten. Neben Plastikbäumchen, Retro-Tapete und einer Phalanx an Instrumenten führt das Ensemble den Leidensweg der Anna Karenina (Ute Hannig) als Live-Hörspiel auf. Unterbrochen von "Flitzer-Blitzer"-Verkehrsmeldungen, dadaistischen Ansagen ("Und nun die Uhrzeit: drei zu null") und nervigen Einspielern.

Mit einem ähnlichen Konzept rückten die beiden Regisseure bereits Fontanes Effie Briest und Flauberts Madame Bovary zu Leibe. Mit Anna Karenina endet diese gefeierte Trilogie namens Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur: als furiose Seifenoper, in der alle Beteiligten umso tiefer ins Unglück stürzen, je schonungsloser sie ihre Gefühle an gesellschaftlichen Normen messen. Und wenn in den kriselnden Ehen der Oblonskis und Karenins mal wieder ordentlich Porzellan zerdeppert wird, läuft sofort der passende Werbe-Jingle für den fiktiven Superkleber Klebosil: "Wenn’s klirrt, wenn’s kracht, wenn’s scheppert, dann hast du was zerdeppert."

Die vierschrötige Stimme des berühmten Hörspiel-Märchenonkels Gert Westphal diktiert aus der Plattenspieler-Box die Handlung, die Darsteller albern wie Handpuppen seine Regie-Anweisungen mit grenzdebiler Ernsthaftigkeit nach.

Alle paar Minuten verwandelt sich dieses Kammerspiel in Musik-Kabarett: Die Darsteller formieren sich zur Pop-Gruppe ("Wronski Beat", witzelt das Begleitheft zum Stück) und singen einfach in 3:30 Minuten heraus, wofür Tolstoi vor Erfindung des Synthesizers viele Seiten vollschreiben musste. Kitty, die Regisseur Sienknecht im senfgelben Strickjäckchen selber spielt, greift zur Gitarre, statt Tolstoi-getreu über Liebeskummer zur monologisieren. Das vorgetragene Mash-up so ziemlich aller Pop-Songs, in denen das Wort love vorkommt, gehört zu den lustigsten Teilen des Stücks, zu dessen Tonspur das ständige Giggeln auf den Zuschauerrängen gehört.

Man könnte sich nun pietätvoll fragen, ob Bürk und Sienknecht ein Stück Weltliteratur der Lächerlichkeit preisgeben, indem sie den antiklerikalen Revolutionär und Ehe-Gegner Tolstoi in die Nähe seichter Zeilen wie "People, take my advice / If you love someone / Don’t think twice / Love your baby love / Sugar baby love" rücken. Man könnte theoretisieren, ob sie den Pop adeln wollen, indem sie ihn anfeuern, mit seiner erzählerischen Kraft nicht vor Schriftstellern zu buckeln.

Doch damit kommt man nicht weit. Die Regisseure dieser Anna Karenina wollen etwas anderes: Sie wollen den Stoff aus der bleiernen, ehrfürchtigen Schwere reißen, die nach 140 Jahren des Über-ihn-Brütens entstanden ist. Dazu nutzen sie das gleiche Mittel wie Harald Schmidt zur Jahrtausendwende, als er mit Playmobil-Figürchen Hochkultur von Ödipus bis Les Misérables nachspielte: die sich über sich selbst lustig machende Parodie.

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