Die Gräfin schätzt also die Galanterie. Galanterie gehört zum Flirten dazu und hat heute einen schweren Stand. Man hört von Männern, die vollends verwirrt darüber sind, ob sie Frauen die Tür aufhalten dürfen (nicht sollen oder müssen, wohlgemerkt). Noch ärger als die zuvorkommenden Gesten trifft es die Komplimente. Es gibt viele Frauen, und vielleicht auch Männer, die ein Kompliment, das einem anderen Körperteil als ihrem Verstand gilt, als ehrenrührig betrachten. In der europäischen Literatur kannte man jahrzehntelang die sehr erfolgreiche sogenannte galante Dichtung, in der, überspitzt gesagt, nichts anderes getan wurde, als Frauen möglichst elegant, fantasievoll und originell Komplimente zu machen. Gern auch zweideutige, aber das stets geschmeidig.

Das galante Ideal existierte nicht nur auf dem Papier, sondern auch an Europas Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts, wo von den Herren ein achtungsvoller, zivilisierter und höflicher, eben ein galanter Umgang mit den Damen erwartet wurde. Das galt als fortschrittlich, Frauen sollten gleichberechtigte Flirtpartner sein. Es war egalitär gemeint, nicht überheblich. Möglich, dass wir heute eine neue Welle der Galanterie brauchen. Das galante Ideal, es wurde eben nicht aus Respektlosigkeit geboren, wie man gegenwärtig vermutet, sondern aus dem Begehren, den Umgang zwischen den Geschlechtern leichter und respektvoller zu gestalten.

Den Wunsch nach Galanterie hege ich schon lange, ebenso den nach dem klugen Flirt. Vielleicht ist dieser Wunsch konservativ oder unemanzipiert, aber er entspringt einer langen Reihe plumper Flirterfahrungen zu Abi-Zeiten. Denn das Flirten habe ich an einem deutschen Schlachthof gelernt. Unter Umständen, zu denen heute Personalabteilungen und Feministinnen reihenweise in Ohnmacht fallen würden. Nachts saß ich allein als jugendliche Nachtwächterin in einem dunklen Kabuff, das nur notdürftig von einer bläulichen Anti-Insekten-Lampe beleuchtet wurde. Es verglühten die Käfer spratzelnd im Lampenschein, es traten verschwitzt und blutverschmiert herein: Jäger, Zerleger, Entbeiner, Kopfschlächter. Sie verbrachten ihre Pausen ausnehmend gern in meiner Gesellschaft, was ich darauf zurückführte, dass ich die einzige Frau im ganzen Industriegebiet war.

Zwischen den Schlachtgängen erprobte man an mir das Flirthandwerk. Besonders beliebt und bejubelt war stets der Teil der Nacht, in welchem ich frisch angelieferte Rehe und Wildschweine wiegen, säubern, auf Rollbahnen hängen und in Kühlräume verfrachten musste. Für die Herren vermählten sich dabei verschiedene fleischliche Genüsse aufs Schönste, während ich, mehr oder weniger blutüberströmt, mit einem scharfen Messer an toten Tieren herumfuhrwerkte. Ich habe in diesen Nächten Hände und anderes wieder dahin zurückgelegt, wo es hergekommen war, habe riesige Schlachter des Raumes verwiesen, eine Zeit lang einen Ehemann erfunden, um des nächtlichen Andranges ledig zu werden. Ich habe dabei gelernt, bestimmt und mehrfach abzulehnen und gewisse Dinge einfach neutral abzumoderieren. Die Schlachthof-Anmache hat meine Definition des Wortes "plump" bereichert, mir aber auch verblüffte Bewunderung abgerungen für eine unerschrockene Hartnäckigkeit, die ich, soweit ich mich erinnere, durch nichts jemals ermutigt habe. Damals habe ich mir ein dickes Fell zugelegt, was eindeutige Anspielungen auf niedrigem Niveau betraf. Aber ich habe auch gehofft: Wird das mal einer besser können? Einer, der nicht nur mit Worten ringt, sondern mit ihnen ficht?

Fechten, da sind wir schon wieder auf galantem Territorium. Was früher der Galan war, wurde später der Gentleman, ein Ideal. Eine gewisse distanzierte Zugewandtheit zeichnete ihn aus, die er aber im richtigen Moment draufgängerisch beim Flirten überwinden konnte. Um den Druck des ersten Schrittes beneide ich die Männer nicht, sie sich offenbar auch nicht, denn das Internet ist voll von Lebensratgeber-Foren, Wiki-Anleitungen und Selbsthilfegruppen. Junge Männer sind verzweifelt: Woher weiß ich, wann, und wie komme ich dann vom geistreichen Sprechen zur nächsten Stufe? Tja. Wer wird es jemals wissen?

Flirtratgeber klingen oft ein bisschen hilflos, was daran liegt, dass der Zauber, das Irre, das mitunter Nervenzerfetzende des Flirts sich schlecht in Gebrauchsanweisungen bändigen lässt. Flirten ist seiner Natur nach irrational und unplanbar. Es ist ein unsicheres Kommunikationsinstrument in Zeiten unsicherer Geschlechterrollen. Während die emanzipierten Frauen ihre Plätze gefunden haben, wie es die jüngste #metoo-Debatte zeigt, suchen die modernen Männer noch. Das hat Auswirkungen auf ihr Flirtverhalten. Wo der junge Schmerzensmann zu zögerlich agiert, prescht der arrivierte Macho viel zu schnell vor. Die Mitte zwischen diesen beiden Flirt-Extremen muss gestärkt werden. Nicht nur, aber auch durch Quarkbällchen.

"Wie so vieles ist eben auch die Partnerwahl durch die Grenzen unseres Denkvermögens beschränkt", schreibt der Biologe und Psychiater Manfred Spitzer in einem Aufsatz zum Thema Flirt und führt nach der Auswertung von empirischem Datenmaterial aus: "Wer also bei der Suche nach einer Partnerin mit der Tür ins Haus fällt, hat die geringsten Chancen. Man(n) sollte eigentlich Charakter, Kultur oder (wenn es bei beidem hapert) mindestens den eigenen Reichtum betonen, um bei einer Frau zu landen." Im Gegensatz zu anderen Spezies sind wir beim Herumbalzen gnadenlos auf das Wort zurückgeworfen. Es hilft uns buchstäblich beim Überleben. Zugespitzt gesagt: Die Evolution hat den Flirt bevorzugt. Sie hat uns zu flirtenden Wesen gemacht. Feiern wir deshalb den Flirt, statt uns vor ihm zu fürchten. Er gehört zum Menschsein ganz untrennbar dazu. In der allergrößten Not, wenn Unschickliches und Deplatziertes geschieht, dem ich hier wirklich nicht das Wort reden will, gibt es immer noch die Ohrfeige – auch eine verschattete Kulturtechnik im großen Gesamtkunstwerk, das der Flirt ist. Was das nun für die Quarkbällchen heißen mag? Mein Bäcker ist neulich umgestiegen: Es war schon spätabends, ich habe einen dreifachen Espresso bestellt. Er sah mich mitleidig an: "Wieder lange arbeiten?" Dann sagte er: "Hier, Schatz, heute bekommst du ein Salamibrötchen." Ich liebe Salamibrötchen.