Die Nation steht im konservativen Denken für den Ort der Solidarität in einer Gesellschaft der notwendigen Vielgestaltigkeit und der unübersichtlichen Vielfältigkeit. Die Nation fügt zusammen, was durch endlose Differenzierungen auseinanderstrebt. Im Angriffsfall, im Krisenfall und im Glücksfall wird die Nation aufgerufen, und die Einzelnen erkennen sich als Teile eines Ganzen. Und Gott bedeutet für eine konservative Politik, dass man einen Bezugspunkt kennt, von dem aus sich alles Politische relativiert. An Gott bricht sich jede totalitäre Politik, die nichts anderes als die Zwänge und Nöte der Gesellschaft kennt. Man kann anstelle von Gott auch "die Schöpfung", "das Leben" oder "eine Sphäre letzter Bedeutung" sagen.

Für Sozialdemokraten ist nicht die Familie, sondern der Betrieb der Lebenszusammenhang, in dem die Verbundenheit mit anderen praktiziert und erlebt wird. Sozialdemokraten misstrauen dem Pathos der Familie, weil sie dahinter zumeist die Rechtfertigung des Privilegs der Herkunft sehen. Wer ständig von der Familie redet, will doch nur die männliche Herrschaft, die gesellschaftliche Ungleichheit und die sexuelle Eindimensionalität zementieren. Im Betrieb dagegen kommen Menschen unterschiedlichster Herkunft und mit verschiedensten Präferenzen zusammen und erfahren in der Zusammenarbeit, wie jede einzelne Person, woher auch immer sie stammt und woran auch immer sie glaubt, ihren Beitrag zum Gedeihen des Ganzen liefert.

Und der Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Solidarität ist folgerichtig nicht die partikulare Nation, sondern die universelle Klasse. Die Nation verdeckt nur, dass letzten Endes die Klassenverhältnisse bestimmen, wer bei gesellschaftlichen Großereignissen wie Kriegen, Revolutionen und Inflationen von was betroffen und wer wozu herangezogen wird. Nicht eine Politik der gefühlten Nation, sondern nur eine Politik der begriffenen Klasse bringt die Menschheit weiter.

Deshalb ist der übergreifende Bezugspunkt des sozialdemokratischen Denkens nicht Gott, sondern die Internationale der Menschen, die, ausgehend von ihrer jeweiligen Lebenslage, die Welt besser machen wollen, als sie im Augenblick ist. Man singt "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor" nicht für Gottes, sondern für des Menschen Herrlichkeit.

Für Liberale steht das Individuum am Anfang von allem. Individuen gründen eine Familie, schließen Verträge und verabreden sich zur Verfolgung gemeinsamer Interessen. Das Pathos der Moderne ist für Liberale das Pathos der subjektiven Rechte, die jedem Einzelnen ein Leben nach eigener Wahl und auf eigene Verantwortung ermöglichen.

Deshalb sind für Liberale weder die Nation noch die Klasse das Herzstück des Ganzen, sondern die Vereine, Initiativen und Bewegungen der Bürgergesellschaft. Da ist nichts vorgegeben, sondern alles verhandelbar, solange die Ablehnungs- und Austrittsrechte der Einzelnen gewahrt bleiben. Und der Gott der Liberalen ist natürlich der Markt, der als Weltmarkt uns alle zusammenführt und voneinander abhängig macht. Deshalb wird auch in China eines fernen Tages das Individuum als der unteilbare und unnegierbare Träger des Ganzen siegen.

Und schließlich können die Grünen als jüngste Partei eine Mischung aus dem Angebot erstellen. Sie nehmen von den Konservativen die Familie, aber wollen nur die Wahl der Partner als emotionalen Grund sehen und das lebenslange Band ihrer Verbindung, die durch die Ehe besiegelt wird, ausklammern. Von den Liberalen besorgen sie sich den Begriff der Bürgergesellschaft, erblicken darin aber weniger die zweckrationalen Assoziationen, sondern mehr die auf gesellschaftliche Veränderungen abgestellte soziale Bewegung. Und an die Konservativen schließen sie sich mit der Schöpfung an, die sie jedoch als Globus entheiligen und als Umwelt relativieren.