Am weitesten ist das geistige Gerüst der Grünen von der sozialdemokratischen Linken entfernt, weil der von der Grünen repräsentierte psychosoziale Mittelstand der Arbeitswelt des industriellen Betriebs und der modernen politischen Welt der Klassen mit Skepsis begegnet. Schöpfung und Weltmarkt stehen ihnen bei ihrer Kritik von Ausbeutung und Erniedrigung näher als das Proletariat und die Internationale Arbeitsorganisation.

Aber sind diese klassischen Orientierungen so überhaupt noch erneuerbar? Den Konservativen in Deutschland ist der normative Begriff der Familie verloren gegangen. Die Familie ist auch für die Familienpolitikerinnen der Union ein rechtliches und administratives Experimentierfeld für wechselnde funktionale Imperative wie die Erwerbsbeteiligung der Frauen, die Regulierung des Fertilitätsverhaltens und die Verrechtlichung der Beziehung zwischen Abhängigen geworden. Sie stellt im politischen Selbstverständnis der Union keinen Grund mehr dar, auf dem die soziale Ordnung ruht.

Wenn der politische Konservatismus heute für die erwerbstätigen Frauen aus den urbanen Milieus ansprechbar sein will, muss dieser konservative Pfeiler anscheinend fallen. Das gilt erst recht für die Nation, die als Vaterland ausgedient hat und seit der deutschen Einigung von 1990 als postnationale Nation in einen europäischen Verband überführt wird. Und dass der eine Gott nicht länger allein christlich gedacht werden kann, schwächt seine ideologische Bedeutung für das konservative Denken.

Aber auch die Sozialdemokraten hadern mit Entwicklungen, die den Kollektivbetrieb nicht mehr als herrschende Organisationsform der Arbeit erscheinen lassen. Wenn Betriebe sich in konkurrierende Profitcenter auflösen und das agile Team ohne Ort und Grenze an die Stelle der betrieblichen Arbeitsteilung tritt, verschwindet auch die Klasse als positiver Rahmen für eine Theorie des Politischen, die unentwegt darüber sinniert, wie die "Klasse an sich" zu einer "Klasse für sich" werden kann. Wie soll man die Masse der abhängig Beschäftigten ansprechen, wenn man selbst nicht mehr daran glaubt, dass sie eines Tages als "herrschende Klasse" national und international die Macht übernimmt?

Die Liberalen haben eine Zeit lang geglaubt, dass ihre Stunde nach dem "Ende des sozialdemokratischen Zeitalters", wie ihr Vordenker Ralf Dahrendorf sich ausgedrückt hat, schlägt. Sie haben freilich unterschätzt, dass ihre politischen Leitbegriffe zu einer Entpolitisierung der Politik beigetragen haben. Das Individuum kann wählen, ob es sich als teilhabende Staatsbürgerin oder als zuschauender Konsumbürger begreifen will. Die liberale Bürgergesellschaft ist zu einer Ansammlung von Clubs geworden, die ihre philosophischen Spleens, ihre feinen Unterschiede oder ihr ökonomisches Besserwissen pflegen. Und der Weltmarkt hat sich 2008 als ein ziemlich vulnerables System von auf sich selbst bezogenen Geldproduzenten entpuppt, das nicht den waghalsigen Unternehmer, sondern den ängstlichen Geldvermögensbesitzer im Fokus hatte.

Und die Parteigänger der Grünen können sich nicht entscheiden, ob im Bewusstsein des Klimawandels sowieso keine Politik mehr in dem Sinne zu machen ist, wie wir sie bisher kannten, oder ob sie ihre Rolle als Mehrheitsbeschaffer strategisch bewusst und taktisch geschickt spielen wollen.

Für den Augenblick haben Populisten von ganz rechts das politische Feld ziemlich aufgemischt, indem sie einen idyllischen Begriff der Familie und eine heidnische Vorstellung der Gottheit mit einem Erregungsbegriff der Protestnation verklumpt haben. Sie wollen als Partei der Unbeugsamen und Ungehörten die Straße ins Parlament bringen und die Volksvertretung vor den Augen begieriger Medien als Schwatzbude denunzieren.

Hat dann Angela Merkel doch recht mit ihrer Überzeugung, dass nur eine pragmatisch verbissene und ideologisch offene Politik Mehrheiten zustande bringen kann? Nein. Die politische Person von heute will mit ihrer Sorge fürs Ganze ernst genommen werden, sie will das Gefühl haben, dass es bei Wahlen um etwas geht, was über die eigenen Belange hinausgeht. Sie weiß, dass ein Land regiert werden muss, und sie ist sich darüber im Klaren, dass keine Partei die Wahrheit für sich beanspruchen kann. Sie möchte nur nicht von den politischen Repräsentanten erzählt bekommen, dass alle Wahrheiten relativ sind und auf nichts mehr Verlass ist. Denn sie will sich vor einer Wahl darüber streiten und bei einer Wahl darüber entscheiden, wie wir als Gemeinschaft, als Staat und als Menschheit leben wollen.