Seit sie denken können, dominiert Christoph Blocher die Politik in ihrem Land. Was hat das mit den jungen Schweizern gemacht? Wir haben vier von ihnen gefragt.

Generation Y

DIE ZEIT: Wenn Sie im Ausland erzählen, dass Sie aus der Schweiz sind, wie reagieren die Menschen?

Angel Egli: Ich war gerade in Mosambik für ein Trinkwasserprojekt. Die Leute, die dort leben, haben ein sehr klares Bild der Schweiz, von Europa allgemein – das Paradies.

Sandra Schneider: Viele Leute im Ausland denken wirklich, die Schweiz sei eine heile Welt. Mit den Alpen, mit Heidi.

Jessica Zuber: In Amerika, wo ich einige Monate gelebt habe, kommt zunächst die Frage: "Schweden oder Schweiz"?

ZEIT: Immer noch?

Zuber: Ja, immer noch. Dann erzählen die Leute von ihrer Bilderbuchvorstellung der Schweiz. Das nervt mich persönlich.

ZEIT: Warum?

Zuber: Weil das ein statisches Bild ist: ohne Dynamik, ohne Menschen darin. Ein Bild, das unsere Realität nicht widerspiegelt.

ZEIT: Herr Koller, fühlen Sie sich im Ausland auch als wandelndes Schweiz-Klischee?

Adil Koller: Ich sehe nicht aus wie ein Klischee-Schweizer, deshalb muss ich immer ein bisschen mehr erklären. Ich sage aber nicht offensiv, dass ich aus der Schweiz komme, weil dann sofort viel in mich projiziert wird, das ich nicht bin.

ZEIT: Wenn Sie eine Person nennen müssten, die für die Schweiz steht, wer wäre das: Christoph Blocher, Roger Federer ...

Koller: ... Roger Federer ist ein Münchensteiner, wie ich, das ist natürlich cool. Aber, nein, das ist ja völlig absurd, ein Land auf eine Person zu reduzieren.

Schneider: Genau, das ist unschweizerisch. Wir haben ja auch sieben Bundesräte und nicht nur einen.

ZEIT: Täuscht der Eindruck, oder tun Sie sich schwer damit, Schweizer zu sein?

Egli: Auf mich treffen die Klischees halt überhaupt nicht zu. Diese heile Alpenwelt kenne ich nicht. Ich bin in einem ganz anderen Umfeld groß geworden.

Koller: So ist das bei mir auch.

Egli: Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Sie war alleinerziehend. Mein Vater ist Spanier, der lebt schon lange wieder in Spanien. Ich bin wie du, Adil, in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen.

ZEIT: Was heißt das?

Egli: Meine Mutter hat das KV gemacht, manchmal hat sie auch geputzt. Ich hatte sehr viele Balkan-, aber auch viele Schweizer Freunde. Ich hatte solche, die am Existenzminimum lebten, in der Familie hatten wir auch einige Drogenfälle. Ich habe von alldem etwas mitbekommen. So nehme ich die Schweiz wahr. So habe ich sie auch gerne.

ZEIT: Sie sind alle viel im Ausland. Verändert das Ihren Blick auf die Schweiz?

Egli: Sicher. Auf die Welt bezogen, ist es hier immer noch huere chillig. Dass alles immer tätschsuber ist, das wird dir erst bewusst, wenn du mal an einem Ort bist, wo das nicht so ist. Wir waren in Mosambik im Busch, wo es nur noch Lehmhütten ohne Strom hatte. Da habe ich gemerkt, dass es für mich sehr schwierig wäre, ohne gewissen Luxus zu leben.

ZEIT: Was haben Sie vermisst?

Egli: Wir waren in einem Dorf, das jeden Tag eine bestimmte Wassermenge zur Verfügung hat, meistens ist es zu wenig. Ich habe meine Zähne geputzt und die Bürste einfach mit Trinkwasser abgespült. Erst dann wurde mir bewusst: Das ist völlig paradox.

Koller: Ich lebe wahnsinnig gerne in die Schweiz. Im Ausland werde ich noch viel heimatverliebter als zu Hause in Münchenstein. Ich habe mir auch schon überlegt: Wenn ich im deutschen Lörrach auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsen wäre, dann wäre ich politisch wohl nicht so aktiv.

ZEIT: Warum?

Koller: Der Einstieg in die Politik ist in der Schweiz viel niederschwelliger. Ich musste nicht eine Karriere einschlagen, um mich zu engagieren, wie das in anderen Ländern nötig ist, und bereit sein, von Anfang an 100 Prozent meiner Zeit dafür zu geben und nichts anderes mehr zu machen. Ich bin wahnsinnig dankbar für dieses Milizsystem hier.

ZEIT: Frau Schneider, Sie sind 25 und wurden mit dem besten Resultat für die SVP in den Bieler Stadtrat gewählt. Warum tun Sie sich das an?

Schneider: Weil ich ändern will, was mich stört.

Koller: Ein Juso-Slogan.

Schneider: (lacht)

ZEIT: Was wollen Sie verändern?