Manche Dinge ändern sich eben doch nicht. "Nein", sagt Lutz Bachmann am Telefon, und kein Wort mehr. Nein. Das heißt: Auch drei Jahre nachdem Pegida die Debatten der Republik bestimmt hat, will dessen Frontmann nicht mit der Presse sprechen.

Und so verhält es sich im Grunde mit fast allen Gründungsmitgliedern, die man anruft. Sie sind, mit Ausnahme von René Jahn (siehe Interview), schweigsam. Wer also herausfinden will, wie die Bewegung, die Deutschland veränderte, eigentlich diejenigen verändert hat, die sie gegründet haben, der landet am Ende wieder am Anfang: bei Facebook. Dort hat die Gruppe um Lutz Bachmann für ihre ersten Demos mobilisiert. Dort tut sie es auch heute.

Denn, ja: Pegida gibt es noch. Noch immer laufen, nun unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, ein paar Hundert Menschen in Dresden gegen die Islamisierung im Kreis. Was aber machen die Organisatoren der ersten Stunde? Manche, wie Lutz Bachmann, sind weiterhin dabei. Andere, wie Kathrin Oertel, sind abgetaucht. Zur Gründergeneration von Pegida gehörte, Ende Oktober 2014, ein Dutzend Leute. Die Hälfte von ihnen hat das Bündnis schon nach drei Monaten, im Januar 2015, verlassen, weil ihnen Bachmann zu radikal geworden sei. Ihre Wut aber – die haben alle behalten.

Mit Lutz Bachmann muss man natürlich beginnen: Er ist nach wie vor das Gesicht von Pegida. Obwohl er zwischenzeitlich wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, auch seinen Rücktritt angekündigt hatte. Er kann Pegida nicht loslassen. Und Pegida ihn nicht.

Besonders interessant ist das, weil Bachmann sogar seiner eigenen Heimat – zumindest zeitweise – den Rücken gekehrt hat. Er verbringt mittlerweile einen Großteil seiner Tage auf Teneriffa. Dort wurde er zur unerwünschten Person erklärt, das Regionalparlament der Insel stimmte eigens darüber ab. Aber glaubt man Bachmanns Profil, dann hat ihn das nicht beeindruckt. Er postet viele private Teneriffa-Fotos – von sich, seiner Frau und seiner Hündin. Und dazwischen dann eben auch mehrmals täglich Artikel, deren Herkunft man zwar nicht immer genau nachvollziehen kann, die aber zeigen, dass sich seine Feindbilder in den vergangenen drei Jahren nicht verändert haben. Medien sind "Lügenpresse", Grüne sind "Pädis", Flüchtlinge anscheinend alle Verbrecher. Und Merkel? In einem seiner Instagram-Posts sieht man ein Bild, das das Auto von John F. Kennedy zeigt, kurz bevor dieser erschossen wurde. Nur ist Kennedy durch eine winkende Angela Merkel ersetzt. Darüber steht: "Hatte letzte Nacht einen Traum."

So also denkt er. Wovon Bachmann lebt, weiß dagegen niemand so genau. Es gibt Gerüchte, dass Bachmann sich auch durch Spenden finanzieren würde. Regelmäßig steht er noch während der Montagsdemos auf der Bühne. Er bleibt der Heimatkämpfer Nummer eins. Aber eben nur für ein paar Hundert Pegidisten. Bachmann hat mindestens fünf verschiedene Facebook-Profile, dazu Instagram. Sein Leben in den sozialen Medien – es ist auch ein Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit.

Mit ihm kämpft weiterhin Siegfried Däbritz, zweiter Mann bei Pegida; Besitzer einer Pension und eines Überwachungsunternehmens in Meißen. Er bandelt offen mit der AfD an – und auch mit den Identitären, von denen sich die AfD offiziell distanziert. Gemeinsam mit der identitären Jugend marschierte Däbritz im Juni in Berlin. Für die AfD wäre er sogar gern als Direktkandidat für die Bundestagswahl angetreten, was die Partei ihm aber verweigerte. Dafür stand er kurz vor dem Wahltag mit dem AfD-Chef Sachsen-Anhalts, André Poggenburg, auf der Bühne, in Pirna, dem Frauke-Petry-Wahlkreis.

Einer aus der Gründergeneration, über den sich nicht viel erfahren lässt – der aber trotzdem noch bei Pegida gesehen wird –, ist Tom B., gelernter Hotelfachmann aus Dresden. Es ist nicht bekannt, dass B. sich jemals distanziert hätte. Im Frühjahr 2016 wurde er wegen Sozialbetrugs verurteilt. Er hatte Arbeitslosengeld kassiert und schwarz gearbeitet.

Außerdem ist da noch René Jahn, der Mann aus dem Pegida-Film, der zwar ebenfalls im Januar 2015 aus dem Pegida-Verein ausgetreten ist. Aber heute wieder zu den Demonstrationen geht.

Um die anderen Aussteiger ist es ruhig geworden. Thomas Tallacker , ein Innenausstatter aus Meißen, geht zwar ans Telefon, aber will nicht öffentlich reden. Er hat es aber offenbar nie bereut, Pegida mitgegründet zu haben.

Was wurde aus Kathrin Oertel?

Drei Jahre ist es her, dass binnen weniger Monate ganz Deutschland ihre Namen kennenlernte, jetzt sind diese Leute drauf und dran, aus dem Gedächtnis der Republik zu verschwinden. Ihre Geschichte ist daher auch eine darüber, wie die Revolution Revolutionäre überrollt. Da sind neben Tallacker der Unternehmensberater Bernd-Volker Lincke. Der Sicherheitsmann Achim Exner. Der Unternehmer Frank Ingo Friedemann. Und, natürlich, Kathrin Oertel. Sie alle haben nach Pegida den Verein "Direkte Demokratie für Europa" gegründet, der wenig Zulauf hatte.

Tallacker und Friedemann sind mittlerweile in der AfD. Tallacker war sogar noch bis Januar 2017 in der CDU. Die hatte auch mal ein Parteiausschlussverfahren angestrebt, das war aber nicht erfolgreich. Tallacker wechselte dann freiwillig.

Frank Ingo Friedemann ist derjenige aus dem Gründerkreis, der Pegida als Erster verlassen hat. Er war wegen seines frühzeitigen AfD-Eintritts zur Zielscheibe verbaler Attacken Bachmanns geworden. Dabei mag heute auch Bachmann die AfD.

Achim Exner war schon zu Anfangszeiten nicht nur Pegida-, sondern auch AfD-Mann, Letzteres ist er weiterhin. Bis 2006 war er Sicherheitschef des Fußballclubs Dynamo Dresden, was er heute tut, dazu will er sich ebenfalls nicht äußern. Exner, Friedemann, Tallacker, Oertel – sie gehen nicht mehr zu den Demos. Wer sich durch ihre Profile scrollt, merkt aber, dass sie in ihrer Radikalität Bachmann und Co. weiterhin kaum nachstehen. Friedemann verbreitet die Falschmeldung, dass es an Halloween in Essen einen "Sex-Dschihad" gegeben hätte, bei dem 200 Flüchtlinge eine Party gestürmt hätten. Exner spricht von "Gesindel, welches hier hergeholt wird", aber setzt in Klammern dahinter: "(wirklich Asylsuchende mal ausgenommen!)". Tallacker schreibt vom "GeburtenDschihad". Von keinem hat man je gehört, dass er die Gründung Pegidas heute bereue. Nur wurde der Verein ihnen eben aus der Hand genommen, von Bachmann.

Und was wurde aus der ersten Pegida-Organisatorin, die es zu Anne Will schaffte – Kathrin Oertel? Auch sie ist von der Bildfläche verschwunden, einmal saß sie nach ihrem Ausstieg noch bei Maybrit Illner – ein Auftritt, von dem vor allem wirre Aussagen Oertels in Erinnerung geblieben sind. Wer sich durch Oertels Facebook-Einträge aus dem letzten Jahr wühlt, kann sagen: Sie ist heute eine Verschwörungstheoretikerin par excellence. Deutschland hält sie noch für besetzt, das "US Schweineimperium" zerstöre die Welt, und für die Alliierten stand während des Zweiten Weltkrieges die "gezielte Vernichtung der deutschen Zivilbevölkerung im Vordergrund". Viele Posts beinhalten einen Aufruf zum "Kampf". Sie schreibt: "Unsere Zeit wird kommen", es brauche eine andere Herrschaftsform. Welche genau sie erstrebt, weiß man nicht, da auch sie nicht auf Anfragen reagiert. Wer sich zu lange auf Oertels Profil aufhält, vermisst am Ende sogar Bachmanns Hundebabys.

Bachmann und Oertel unterscheiden sich in ihrem Blick auf die AfD. Bachmann hat der AfD Pegida als Plattform angeboten. Oertel wirft auch dieser Partei Doppelmoral vor. Vor der Bundestagswahl schrieb sie, es werde sich "maximal die Farbe des Zauns ändern, in dem unser Volk gefangen ist". Ja, einiges ändert sich eben nicht.